Pump-Buchse vor Sonnenuntergang
Ölpumpe vor untergehender Sonne: Die Zeit des Erdöls könnte schneller enden als gedacht. (Foto: D. R. Pepperscott/​Pixabay)

Die Nachfrage nach Öl steigt von Jahr zu Jahr. Ausnahmen von dieser Regel sind extrem selten. Im Jahr 2009 brauchte es eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise, damit die Nachfrage leicht zurückging.

Gleichzeitig ist aber auch klar, dass der Ölverbrauch sinken muss, wenn die Menschheit die Klimaerwärmung stoppen will. Die Frage ist daher nicht ob, sondern wann der Höhepunkt der Ölnachfrage, "Peak Oil Demand", erreicht wird.

Der britische Klima-Thinktank Carbon Tracker erwartete 2018 in einer Studie den "Peak Oil" schon im Jahr 2023. Andere gehen davon aus, dass dieser Punkt erst im nächsten oder sogar übernächsten Jahrzehnt erreicht wird.

Wegen der Corona-Pandemie könnte der Peak aber auch in der Vergangenheit liegen: im Jahr 2019.

Zurzeit führt die Coronakrise zu einem beispiellosen Rückgang des Ölverbrauchs. Dieser lag im März um zehn Millionen Barrel pro Tag tiefer als im Vorjahr. Das entspricht einem Rückgang um rund zehn Prozent. Für April wird ein noch stärkerer Rückgang erwartet. Pro Tag werden dann wohl 20 Millionen Barrel weniger verbraucht als normal. Ein Barrel sind 159 Liter.

Vor diesem Hintergrund spielt selbst der von Russland und Saudi-Arabien angezettelte Preiskrieg keine Rolle mehr, meint die US-Investmentbank Goldman Sachs: "Der Ölpreiskrieg ist irrelevant wegen des großen Nachfragerückgangs, und eine koordinierte Förderkürzung kann unmöglich rechtzeitig erreicht werden."

Goldman Sachs erwartet zudem nicht, dass die Ölindustrie nach der Krise wieder auf ihren alten Wachstumspfad zurückfindet. Die Krise werde voraussichtlich "die Energieindustrie permanent verändern" – und "die Debatte über den Klimawandel verschieben".

Städte haben genug vom Autoverkehr

Bei der Ölnachfrage ist der Straßenverkehr entscheidend, denn auf ihn entfällt die Hälfte der Nachfrage. Hier sorgen gleich mehrere Faktoren für einen tendenziellen Rückgang. Regierungen sorgen mit CO2-Grenzwerten dafür, dass Lastwagen und Autos immer effizienter werden. Gleichzeitig werden Elektroautos immer konkurrenzfähiger, weil die Kosten für Batterien rapide sinken.

Durch die Stimuluspakete nach der Krise könnte die Elektromobilität zusätzlich gefördert werden, etwa indem in ein Netzwerk von Ladesäulen investiert wird. Außerdem wird möglicherweise die Zahl der Autos weltweit sinken. Die Verkäufe gehen bereits seit dem Jahr Rekordjahr 2017 zurück. Dieses Jahr könnte den "Peak Car" markieren.

Das sagt kein geringerer als Volkmar Denner, der Chef des Automobilzulieferers Bosch: "Es könnte gut sein, dass wir den Höhepunkt der Autoproduktion passiert haben", sagte Denner im Januar.

Gründe dafür gibt es mehrere: Die größten Automärkte, die USA, China und Europa, sind gesättigt. Städte versuchen das Auto zurückzudrängen und viele junge Menschen machen gar nicht erst den Führerschein.

Die Ölnachfrage kommt aber auch in anderen Bereichen unter Druck. So ist der Verkauf von Ölheizungen in Deutschland ab 2026 verboten. Durch die Bemühungen vieler Länder, die Plastikflut einzudämmen, sinkt tendenziell die Ölnachfrage der petrochemischen Industrie. Auch die Seeschifffahrt will ihre Emissionen senken. Eine Allianz von Reedern strebt netto null Emissionen für 2050 an.

Corona könnte Flug-Nachfrage ändern

Wie sich der Flugverkehr nach der Krise entwickeln wird, ist ebenfalls fraglich. Die Branche ist bereits für acht Prozent der Ölnachfrage verantwortlich und wuchs vor der Krise sehr schnell. Mark Lewis von der französischen Großbank BNP Paribas sagt: "Je länger wir zu Hause sind, im Homeoffice mit Telekonferenzen, desto mehr Menschen werden sich fragen: Müssen wir wirklich fliegen?"

Auch Boeing-Chef David Calhoun erwartet, dass die Flugbranche nach der Krise anders aussehen wird: "Wenn die Welt aus der Pandemie auftaucht, werden die Größe des Marktes und die Art der Produkte, die unsere Kunden wollen, wahrscheinlich anders sein."

Die Faktoren, die für eine tendenziell sinkende Ölnachfrage sorgen, könnten auch der eigentliche Grund für Saudi-Arabien sein, ausgerechnet jetzt die Produktion zu steigern. Das vermutet Bernard Haykel von der Universität Princeton in den USA: "Das ist Ausdruck eines grundlegenden Strategiewechsels, angeführt von Kronprinz Mohammed bin Salman." Da eine globale Energiewende unvermeidlich sei, wolle der Kronprinz und Vizepremier "noch verzweifelt Kasse machen, solange das Königreich das noch kann".

In normalen Zeiten würde der Preiskrieg dafür sorgen, dass die Nachfrage steigt. Mittlerweile könnte er aber ein Hinweis auf das Gegenteil sein.

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