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Die Sinnfrage: Wozu eigentlich?

Seit den 1980er Jahren hat sich unser Wohlstand verdreifacht, aber wir sind offenbar nicht um den Faktor drei glücklicher geworden. Welchen Sinn hat dann das ganze Wachstum? Und warum denken unsere Ökonomen nicht darüber nach?


Handgemaltes Kurvendiagramm: Der Wohlstand steigt linear an, die Zufriedenheit pendelt etwa auf gleichem Niveau – darunter steht groß:
Die Grafik aus dem Kunstunterricht: Mit dem materiellen Wohlstand wächst die Zufriedenheit nicht mehr. (Foto: Michael Kopatz.)

Gerade fahre ich mit dem Zug parallel zur Autobahn. Der ICE gleitet dahin, vorbei an einer endlosen Reihe Lastkraftwagen. Der Verkehr fließt zäh.

Der Gütertransport hat extrem zugenommen – um 30 Prozent in den letzten 15 Jahren. Und er soll nochmal um 40 Prozent wachsen in den nächsten zehn Jahren. Wie das noch möglich sein soll, fragt man sich.

Und wozu eigentlich? Warum immer mehr Lkw-Transporte, mehr Verkehr, mehr Lärm, mehr Schadstoffe und mehr CO2?

Ist irgendjemand glücklicher geworden durch Kartoffeln aus Ägypten? Würde jemand behaupten, seine Lebensumstände hätten sich verbessert, seit er wisse, dass die Produktion einer Tiefkühlpizza über zwölf EU-Länder verteilt ist?

Stellt sich eigentlich niemand in der großen Politik die Sinnfrage? Wozu ist das alles gut, wenn es doch so viel schadet? Warum müssen noch mehr Produkte noch schneller kreuz und quer durch Europa gekarrt werden?

Das kann eigentlich niemand so richtig beantworten. Ganz lapidar heißt es dann: Weil halt alles wächst, und Wachstum müsse sein.

Neulich hat meine Tochter eine Grafik im Kunstunterricht angefertigt. Darauf steht: "Befrei dich". Mit einfachen Strichen verdeutlicht sie eine wissenschaftlich abgesicherte Tatsache: Seit den 1980er Jahren hat sich unser Wohlstand verdreifacht. Wir können also dreimal so viele Sachen kaufen, dreimal so viel reisen, dreimal mehr essen gehen ... Doch unser Wohlbefinden lässt sich nicht unbegrenzt steigern. Man kann nicht glücklicher sein als glücklich.

Was sagen die Top-Ökonomen?

Ich wünsche mir, dass unsere Wirtschaftswissenschaftler sich einmal Fragen stellen wie diese: Wenn wir durch die permanente Expansion nicht glücklicher werden, warum tun wir es dann? Warum strampeln wir uns wie ferngesteuert ab und schuften, um zu shoppen?

Warum fällt es uns so schwer, die Arbeitszeit zu verringern und mehr Zeit für Muße zu schaffen? Warum fällt es uns so schwer, etwas nicht zu kaufen? Warum sind wir so gehetzt wie noch nie und können den ganzen Wohlstand kaum noch genießen?

Michael Kopatz

ist Projektleiter im Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und hat das Konzept der Ökoroutine entwickelt. Sein neues Buch hat den Titel Schluss mit der Ökomoral. Wir wir die Welt retten, ohne ständig daran zu denken.

Und ich wünsche mir, dass die Top-Ökonomen unserer Republik beginnen, darüber zu grübeln, wie eine Wirtschaft ausgerichtet sein muss, die den Menschen in den Mittelpunkt rückt.

Was muss geschehen, damit unsere Wirtschaft auch ohne permanente Expansion und den exzessiven Verschleiß endlicher Ressourcen auskommt? Und wie kann ein Wirtschaftssystem ohne Überflusskonsum tragfähig bleiben? Wie funktionieren dann unser Renten- und Gesundheitssysteme?

Es wäre schön, wenn sich die Experten endlich dazu bequemen könnten, solche Szenarien durchzurechnen und zu modellieren.

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