"Wir schaffen eine Million Solardächer"

Mario Kohle will der Energiewende einen Schub geben. Sein Unternehmen vermietet Solarstromanlagen fürs Dach und installiert sie mit selbst ausgebildeten Arbeitskräften. Vor allem, wer sein Auto mit Strom vom eigenen Dach lädt, könne jetzt schnell Geld sparen. 


Ein Monteur befestigt ein Solarpaneel mit dem Akkuschrauber.
Mit einem Mietmodell will Solarunternehmer Kohle die Energiewende auf privaten Dächern ankurbeln. (Foto: Altrendo/​Shutterstock)

Klimareporter°: Herr Kohle, Sie haben angekündigt, mit Ihrem Unternehmen bis 2030 eine Million Solarstrom-Anlagen auf deutsche Hausdächer zu bringen. Klingt, gelinde gesagt, ambitioniert. Wie soll das funktionieren? Bisher haben Sie rund 30.000 geschafft.

Mario Kohle: Ich bin zuversichtlich, wir schaffen die eine Million. Die Energiekrise ist ein globales Problem, daher muss auch Solarenergie zu einer globalen Lösung werden. Das ist mein großer Traum. 99 Prozent des Weges liegen noch vor uns.

Wir haben es bisher geschafft, uns jedes Jahr zu verdreifachen. Wir bauen heute jeden einzelnen Tag mehr Solaranlagen als im ganzen Jahr 2017 insgesamt. Das funktioniert dank unserer eigenen Akademie, in der wir Solar-Handwerker selbst schulen, und dank unseres Standorts im chinesischen Shenzhen, wo wir direkt bei den größten Herstellern der Welt einkaufen. Damit lösen wir die Engstellen im Solarmarkt.

Bei Ihrem Mietmodell muss ich als Kunde zwar am Anfang nichts investieren, aber dann 20 Jahre lang zahlen. Sie behaupten, das sei am Ende günstiger für mich – obwohl Ihre Firma die nicht gerade billige Solaranlage finanzieren muss. Wie machen Sie das?

Wenn ein einzelner Hausbesitzer einen Kredit möchte, muss er oft von Bank zu Bank laufen. Dann muss er noch die Bank im Grundbuch eintragen lassen. Das kann viel Stress kosten.

Wir haben dieses Problem gelöst, indem wir Verträge mit Banken schließen, wie den Sparkassen, der DKB oder der ING, und dafür günstige Konditionen verhandeln. Die Solaranlage zur Miete kostet im Kern genauso viel wie eine finanzierte Solaranlage. Es ist aber einfacher für den Kunden.

Funktioniert Ihr Modell denn auch jetzt noch? Die Kosten für die Solarmodule sind stark gestiegen, auch bedingt durch die hohe Nachfrage in der aktuellen Energiekrise.

Mit Solaranlage und E-Auto sparen Sie im Schnitt 1.000 Euro pro Jahr gegenüber Benzin und Strombezug. Und: 20 Jahre kümmert sich Enpal um den Betrieb, tauscht beispielsweise Wechselrichter und Speicher aus. Wer schnell etwas tun möchte für seine Unabhängigkeit von fossiler Energie, der sollte in eine Solaranlage mit E-Auto-Ladestation investieren.

Aber Sie haben die Mietpreise zuletzt um 18 Prozent hochgesetzt. Ein Schock für potenzielle Kunden. 

Die Zinserhöhungen gingen leider auch an uns nicht spurlos vorbei. Aber die Kosten für fossile Energie sind um ein Vielfaches mehr gestiegen. Benzin, Gas, Strom: Die Preise sprengen alle Rekorde. Daher bleibt Solarenergie eine gute Investition. 

Vor allem, wer sein E-Auto mit Strom vom eigenen Dach lädt, kann schnell Geld sparen. Seit Beginn des Ukrainekrieges ist den Leuten schlagartig klar geworden, dass sie eine Solaranlage und ein E-Auto wollen. Unsere Nachfrage hat sich seit dem 24. Februar verdreifacht.

Frühere Versuche mit Mietmodellen sind gescheitert. Warum soll es jetzt besser laufen?

Die Miete hat sich seit zehn Jahren auf dem Markt bewährt. Dass es früher auch einmal Firmen gab, die gescheitert sind, ist heute nicht mehr relevant. Es gab auch einmal viele gescheiterte Autofirmen, und trotzdem hat Henry Ford sich durchgesetzt.

In Umfragen meinte schon vor der jetzigen Energiekrise die Hälfte der 16,5 Millionen Einfamilienhausbesitzer, sie wollten in den nächsten drei Jahren eine Solaranlage installieren lassen. Doch bisher wurden nicht mehr als 200.000 im Jahr gebaut. Woran liegt das?

Als wir vor fast sechs Jahren begannen, Solaranlagen online zu verkaufen, haben wir gelernt: Photovoltaik ist ein "High complexity, low interest"-Produkt.

Das heißt: Solaranlagen sind eine große Anschaffung, nach dem Eigenheim oft die zweitteuerste im Leben. Und die wenigsten sind Energieexperten, die eine Passion für Wechselrichter und Kilowatt Peak haben. Zugleich fällt es leicht, die Entscheidung aufzuschieben. Denn es macht gefühlt wenig Unterschied, ob ich mir die Solaranlage heute oder morgen zulege.

Deshalb haben wir entschieden: Wir wollen den Weg zur eigenen Solaranlage so einfach wie möglich machen. Im Idealfall ist das Einzige, was unsere Kunden noch selbst tun müssen, die Gartentür für unsere Monteure aufzumachen. Um den Rest kümmern wir uns.

Derzeit gibt es gar nicht genug Handwerker, um einen Solarboom zu entfesseln, wie er Ihnen vorschwebt.

Wir haben eine eigene Akademie gegründet, in der wir Monteure und Elektriker schulen und fest bei uns anstellen. Wir vermitteln also nicht nur an Subunternehmer weiter, sondern installieren die Anlagen selbst.

Porträtaufnahme von Mario Kohle.
Foto: Enpal

Mario Kohle

ist Gründer und Chef des Berliner Solar­unternehmens Enpal, das Photo­voltaik­anlagen vor allem auf Ein­familien­häuser baut, und zwar mit einem Miet­modell, das über 20 Jahre läuft. 2017 gegründet, ist Enpal heute Markt­führer in dem Segment, Wettbewerber sind unter anderem die Unternehmen DZ 4, Otovo und Zolar. Nach seinem BWL-Studium hatte Kohle zunächst die Online­plattform "Käufer­portal" (heute Around­home) mit­gegründet und nach zehn Jahren verkauft.

Die Qualität sichern wir durch umfangreiche Dokumentation: Unsere Handwerker fotografieren jeden Schritt, und unser Team prüft jede Montage. Die Banken verlangen hier sehr hohe Qualitätsstandards.

Zusätzlich bauen wir unsere Partnerschaften mit externen Handwerksbetrieben aus. So schaffen wir es, dass wir schnell und mit hoher Qualität bauen können. In der Regel dauert es bei uns nur sechs Wochen von der Unterschrift bis zur eigenen Solaranlage.

Gibt es denn genug Interessierte, die als "Solarteure" einsteigen wollen?

Unsere Akademie ist für Monate ausgebucht. Das Interesse ist riesig. Unsere Handwerker empfehlen uns an ihre Freunde und Familien weiter. Viele sind Quereinsteiger. 70 bis 80 Prozent unserer Monteure haben Migrationshintergrund. Oft sind es Menschen mit niedriger formaler Berufsqualifikation.

Diese Menschen können wir in kurzer Zeit zum Solar-Monteur schulen, mit gutem Gehalt und fester Anstellung. Das Einzige, was sie brauchen: grundlegende Deutschkenntnisse und Motivation für den Job. Und schwindelfrei sollten sie sein.

Tut die Ampel-Regierung genug für die solare Aufrüstung der Republik?

Ich spüre den guten Willen der Politik, den Weg für die Solarenergie freizuräumen. Bei der Einführung der Smart Meter, also der intelligenten Stromzähler, will Robert Habeck jetzt endlich vorangehen. Und: Ab 2023 sind neue Solaranlagen steuerfrei. Das entlastet von Bürokratie.

Wo muss die Regierung nachlegen?

Wir müssen die Freiheitsenergien von ihren bürokratischen Fesseln befreien. Ein Beispiel: Es gibt in Deutschland 900 Netzbetreiber, die für die Netzanmeldung der Solaranlage zuständig sind. Die haben aber 900 unterschiedliche Regelwerke und Antragsformulare. Allein wir beschäftigen über 50 Sachbearbeiter, die nur diese Anträge ausfüllen. Das muss künftig automatisiert passieren.

Sie kaufen die Solarmodule in China. Warum keine europäischen Produkte?

Deutschland war einmal Weltmarktführer in der Photovoltaik-Industrie. Dann hat China uns den Rang abgelaufen und dominiert heute unangefochten den Weltmarkt. Während wir Nord Stream 2 gebaut haben, hat China Solarfabriken errichtet.

Wir haben ein eigenes Büro in Shenzhen und arbeiten direkt mit den größten Herstellern der Welt zusammen. Das ist eine vertrauensvolle und verlässliche Partnerschaft.

Ist es nicht überfällig, dass die Bundesregierung Anreize für den Aufbau einer hiesigen Solarzellen- und Modulproduktion setzt?

Es ist immer schlecht, alle Eier in einen Korb zu legen. Daher brauchen wir zusätzlich zu unseren chinesischen Lieferanten wieder eine heimische Solarindustrie, um zumindest zwei Standbeine zu haben. Schon rein aufgrund betriebswirtschaftlicher Risikodiversifizierung.

Die USA unterstützen mit dem Inflation Reduction Act den Aufbau der eigenen Photovoltaik-Industrie. Das muss Inspiration auch für Europa sein.

Letzte Frage: Ein großes Problem beim Solarstrom ist die geringe Leistung jetzt im Winter. Dabei wird in dieser Zeit besonders viel Strom gebraucht – und künftig noch mehr wegen der Wärmepumpen zur Hausheizung und der Elektroautos. Welche Lösungen sehen Sie dafür?

In einem ausgebauten regenerativen Stromsystem sind wir auch im Winter gut versorgt. Denn Sonne und Wind sind komplementär, sie ergänzen sich gut. Im Winter haben wir daher heute unterm Strich sogar mehr erneuerbaren Strom im Netz als im Sommer.

Nachts gibt es viel Windstrom, zugleich ist die Nachfrage gering. Mit intelligenten Stromzählern und flexiblen Stromtarifen kommt dies dann auch bei den Familien an. Ist gerade wenig Strom im Netz, wird etwas weniger geheizt, ist überschüssiger Strom im Netz, wird etwas mehr geheizt.

Für die einzelnen Endverbraucher ist der Unterschied kaum wahrnehmbar, aber in der Masse kann die Nachfrage so flexibel auf das Stromangebot reagieren. Die Millionen Familien vernetzen sich so zu einem virtuellen Kraftwerk, zu einer Erneuerbaren-Community. Das ist die Zukunft.

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