Fossiles Risiko-Outsourcing, sozial-ökologische Investments und Preisdeckel ohne Plan

Kalenderwoche 50: Die jahrelangen Behauptungen, die Umstellung auf erneuerbare Energien rechne sich nicht, fallen nun uns allen auf die Füße, sagt Aysel Osmanoglu, Vorständin der GLS Bank und neues Mitglied im Herausgeberrat von Klimareporter°. Je länger wir mit der Energiewende noch warten, desto teurer werde es.


Porträtaufnahme von Aysel Osmanoglu.
Aysel Osmanoglu. (Foto: Patrick Tiedtke/​GLS)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Aysel Osmanoglu, Vorstandsmitglied und künftige Vorstandssprecherin der GLS Bank.

Klimareporter°: Frau Osmanoglu, unsere Redaktion freut sich, dass Sie als Vorständin der GLS-Bank in den Herausgeberrat unseres Magazins eingetreten sind. Was waren Ihre Beweggründe dafür?

Aysel Osmanoglu: Es ist mir wichtig, die unermüdliche Arbeit der Klimareporter°-Redaktion, die ein Bewusstsein für die nachhaltige Transformation schafft, zu unterstützen. Je genauer uns bewusst wird, welche Auswirkungen unsere Handlungen haben und wie diese zusammenwirken, desto besser können wir gesellschaftlich und politisch Änderungen angehen.

Als Vertreterin für nachhaltige Finanzen möchte ich zeigen, dass Banken menschlich, sozial und ökologisch handeln können. Aktuell werden Vermögen auf Kosten von Mensch und Natur erschaffen. Das wollen wir umkehren. Banken können das ihnen anvertraute Geld so einsetzen, damit menschliche Bedürfnisse erfüllt werden.

Außerdem schätze ich die Menschen im Herausgeberrat. Ich freue mich, Teil einer Runde zu sein, in der jede und jeder seine oder ihre Kompetenz und Ideen für eine nachhaltige Welt einbringt.

Viele Banken und andere Investoren finanzieren trotz drei Jahrzehnten Klimadebatte weiterhin Unternehmen aus dem fossilen Sektor. Warum ist das so? Sind die Renditen höher?

Die Idee, dass wir unsere Wirtschaft auf fossilen Rohstoffen aufbauen, ist tief verinnerlicht. Der Rendite des fossilen Sektors stehen immense ökologische und gesellschaftliche Kosten gegenüber, die weder der Finanzsektor noch die handelnden Unternehmen in den Bilanzen haben. Es ist wie ein kostenloses Outsourcing der Risiken.

Verstärkt wird das durch hohe Subventionen in klimaschädliche Wirtschaftsweisen. Der Begriff der Rendite müsste neu definiert werden.

Wie geht die GLS Bank mit dem Thema um? Wie sind ihre Erfahrungen mit grünem Investment?

Wir nennen es Investment mit sozial-ökologischer Wirkung. Das ist die Grundlage unseres Geschäftsmodells – seit 1974. Wir verfolgen strenge Auswahl- und Ausschlusskriterien.

Aysel Osmanoglu

ist im Vorstand der GLS Bank mit Sitz in Bochum für Mitarbeiter­entwicklung, Infrastruktur und IT zuständig. Die studierte Ökonomin und Bank­betriebswirtin arbeitet seit 2002 für die sozial und ökologisch ausgerichtete Bank, seit fünf Jahren als Vorstands­mitglied. Zum Jahresanfang 2023 folgt sie Thomas Jorberg als Vorstands­sprecherin nach.

"Wo fließt unser Geld hin?" Das ist eine Kernfrage jeder Investition der Bank. Wir tragen Verantwortung für jeden Euro. Unser Wunsch ist, dass es zum Ziel der gesamten Finanzbranche wird. Denn Ökonomie kann nur mit sozial verträglicher Ökologie zusammen gedacht werden.

Gab es auch Flops?

Natürlich gab es die. Bei Firmen, die Pionierarbeit leisten, gibt es keine Blaupausen für einen garantierten Erfolg.

Sie engagieren sich stark für das Thema Gender in der Finanzwirtschaft. Agieren Frauen hier klimabewusster?

Das Gender-Thema ist mir aus den Gründen der Diversität und Vielfalt wichtig. Unterschiedliche Perspektiven nehme ich als bereichernd wahr.

Die EU-Taxonomie soll Anlegern Hinweise dazu geben, welche Investments nachhaltig sind. Erdgas und Atomkraft bekamen dabei auch ein grünes Label. Taugt die Taxonomie denn ansonsten als Richtschnur?

Nein. Die EU-Taxonomie war eine gute Idee, da Anleger:innen tatsächlich eine bessere Orientierung brauchen, um nachhaltige Investments zu erkennen. Durch die Aufnahme von Erdgas und Atomkraft hat diese Idee jedoch großen Schaden genommen.

In dieser Woche hat der Bundesrat den Weg für die Gaspreis-Hilfe für Dezember freigemacht. Sind das und die weiteren Pläne, die Preise zu deckeln, die richtige Strategie, um mit der Preisexplosion umzugehen?

Das sind Ad-hoc-Reaktionen. Die Regierung sagt selbst, dass es sich bei der Maßnahme nicht um eine Strategie handelt. Die jahrelangen Behauptungen, die Umstellung auf erneuerbare Energien sei zu teuer und rechne sich nicht, fallen uns nun allen auf die Füße. Die Strategie muss lauten: Umstellung mit maximalem Tempo. Je länger wir warten, desto teurer wird es.

Aber ich sehe, dass die Regierung Bürger:innen finanziell entlasten muss. Dies kann jedoch gerechter und effektiver gestaltet werden. Zum Beispiel durch ein gewisses Auskommen, um allen eine Teilhabe an der Transformation zu ermöglichen. Die Preisdeckelung hemmt die Transformationskraft und führt zu Wettbewerbsverzerrung und Fehlsteuerung.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Das war die Massivität und die Breite der Streiks in Großbritannien – Eisenbahn, Häfen und Bodenpersonal an Flughäfen, Lehrer:innen, Universitätsangestellte und Postbot:innen, öffentliche Verwaltung, Verkehrsbehörden und Pfleger:innen – und in welcher Geschwindigkeit so viele Menschen so dramatisch in einem wirtschaftlich entwickelten Land von Existenzsorgen betroffen sind.

Fragen: Verena Kern

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