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Lippenbekenntnisse, der Ernst der Lage und die Versprechen von Windkraftverhinderern

Kalenderwoche 30: Die meisten Bürger:innen sehen laut Umfragen in der Klimakrise ein "sehr ernstes" Problem, sagt Sebastian Sladek, geschäftsführender Vorstand der Elektrizitätswerke Schönau (EWS) und Mitglied im Herausgeberrat von Klimareporter°. Höchste Zeit, dass die Politik aufhört, bei Klimaschutz und Energiewende mit angezogener Bremse zu fahren.


Porträtaufnahme von Sebastian Sladek.
Sebastian Sladek. (Foto: Bernd Schumacher)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Sebastian Sladek, geschäftsführender Vorstand der Elektrizitätswerke Schönau (EWS).

Klimareporter°: Herr Sladek, in dieser Woche haben 14.000 Wissenschaftler:innen erneut den Klimanotstand ausgerufen und vor "unermesslichem Leid" durch die Klimakrise gewarnt. Vor zwei Jahren warnten sie schon einmal – weitgehend folgenlos. Warum fällt es der Menschheit so schwer, den Ernst der Lage zu erkennen?

Sebastian Sladek: Den erkennen durchaus viele Menschen. Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage aus dem Frühjahr hat gezeigt, dass für 78 Prozent der EU-Bürger:innen die Klimakrise ein "sehr ernstes" Problem ist. Und jetzt, da die "Einschläge" näherkommen, sind es bestimmt noch mehr.

Mich treibt eher die Frage um: Warum kommen wir nicht in die Puschen? Manche sagen, der Mensch sei ein träges Tier und möge halt keine Veränderungen. Okay, doch trifft das nicht vor allem auf die Politik zu, die bei Klimaschutz und Energiewende mit angezogener Bremse fährt?

Ja, wir müssen die Blockade in der Politik schnellstmöglich überwinden. Und wir können unser Schicksal auch selbst in die Hand nehmen und uns mit denjenigen zusammenzuschließen, die begriffen haben, dass tiefgreifende Veränderungen notwendig sind.

Gerade hier zeigt sich auch die Stärke unserer Bürgerenergie-Bewegung: Wir können erleben, dass gemeinschaftliches Handeln trotz aller Hürden und Hindernisse am Ende auch Zuversicht und Freude an der eigenen Wirksamkeit mit sich bringt.

Tatsächlich spricht sich die Mehrheit der Deutschen nach der Flutkatastrophe für mehr Klimaschutz aus, das ergab eine aktuelle Allensbach-Umfrage. Rechnen Sie damit, dass sich das auch bei der Bundestagswahl im September bemerkbar macht?

Niemand kann vorhersagen, wie die Wahl ausgehen wird. Da wirbelt zu viel Schnee in der Glaskugel. Aber natürlich ist die Wahl absolut entscheidend, um endlich eine Klimaschutzpolitik realisieren zu können, die den Namen auch verdient.

Die Situation wird immer heikler, weil die Klimakrise mit zunehmender Geschwindigkeit sichtbar wird, das verstehen inzwischen immer mehr Politiker, und zwar aus allen demokratischen Parteien.

Ich plädiere deshalb dafür, schon jetzt auf die Bundestagskandidat:innen einzuwirken, die in der neuen Legislaturperiode die politischen Entscheidungen treffen werden. Eine Möglichkeit ist die Kampagne waehlbar2021.de, die sich zum Ziel gesetzt hat, Kandidat:innen für die Bundestagswahl dazu zu bringen, sich in Fragen des Klimaschutzes öffentlich zu positionieren.

Jeder Bürger und jede Bürgerin kann sich an die lokalen Kandidat:innen wenden und sie auffordern, dies zu tun. So entsteht die notwendige Transparenz für die Wähler:innen, wie ihre Kandidat:innen zu diesem entscheidenden Thema stehen.

Die Umwelt- und Energieminister der G20-Staaten bekannten sich bei ihrem Treffen in Neapel kürzlich erneut zu den Pariser Klimazielen. Auf das 1,5-Grad-Ziel – immerhin eines der Paris-Ziele – konnten sie sich aber nicht einigen, weil China und Indien dies verhinderten. Sollte man diesen Ländern Zugeständnisse machen, damit zumindest die übrigen 18 vorangehen können?

Die schier unendliche Reihe von Lippenbekenntnissen der Staatenlenker auf internationalen Klimakonferenzen und sonstigen Treffen lassen mich nicht davon ausgehen, dass dieses Mal den Worten tatsächlich auch Taten folgen.

Natürlich tragen Indien und China mit steigenden Anteilen zu den weltweiten CO2-Emissionen bei und jeder weiß, dass die Klimakrise nur global zu lösen ist. Dazu muss man aber auch sagen, dass Deutschland sich zuallererst einmal selbst an die Nase zu fassen hat, denn wir haben die 1,5 Grad-Marke bereits gerissen.

Das heißt umso mehr: Wir müssen mit gutem Vorbild vorangehen. Die technischen Lösungen sind ja bereits vorhanden. Wir können zeigen, dass die Gesellschaft die notwendigen Maßnahmen mitträgt und dass es Wege in eine hoffentlich nahe klimaneutrale Zukunft gibt, die auch global gangbar sind.

Von der Politik erwarte ich neben einer entsprechend zielführenden Gesetzgebung vor allem, dass sie die Bevölkerung ernst nimmt und eine klare und konsequente Klimaschutzpolitik macht.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Trotz des günstigen Ausgangs der Landtagswahl in Baden-Württemberg für die Grünen war dies für mich dann doch ziemlich überraschend: Von Windkraftverhinderer Peter Hauk, CDU-Landesminister für den Ländlichen Raum, kam der Vorstoß für 500 Windräder im baden-württembergischen Staatswald bis zum Ende der Legislaturperiode.

Das ist eine wirkliche Überraschung und – wenn sich das Versprechen erfüllt – ein großer Schritt.

Fragen: Verena Kern

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