Ökostrom von vier auf 100 Prozent

Ob vor 30 Jahren oder in der Gegenwart: Die Argumente gegen die Energiewende und eine erneuerbare Vollversorgung beim Strom gleichen sich auffallend. Stets regiert der Zweifel, ob atomare und fossile Kraftwerke verzichtbar sind.


Die Energiewende-Kutsche kann nicht fahren, weil die Pferde Solar-Einspeisevergütung, Windkraft-Baugenehmigung und Speicher-Neubau weggeschlossen sind, aber der Kutscher sagt: Energieversorgung ohne Atom, Kohle, Öl und Gas? Geht doch gar nicht!
Die Details ändern sich – hier eine zehn Jahre alte Version –, der Slogan bleibt immer der gleiche. (Karikatur: Gerhard Mester; Copyright: SFV/Mester)

Einen ikonografischen Moment schuf die deutsche Stromwirtschaft 1993, vor fast 30 Jahren. Unter eine plakative Runde junger Menschen schrieben die Vorläufer von RWE, Eon und EnBW, dass Deutschland leider nicht aus der Kernkraft aussteigen könne. Denn die Alternative sei eine "enorme Steigerung der Kohleverbrennung" und mithin der Emissionen des Treibhausgases CO2.

Vom nahezu CO2-freien Ökostrom wusste die Stromwirtschaft schon damals – der aber könne keine Alternative zu neuem Atomstrom sein, sagte die Stromwirtschaft damals. Auch das Warum wurde in der Anzeige erklärt: "Regenerative Energien wie Sonne, Wasser und Wind können auch langfristig nicht mehr als vier Prozent unseres Strombedarfs decken."

In den paar Sätzen bündeln sich energiepolitische Debatten ganzer Jahrzehnte. Gut 30 Jahre nach der denkwürdigen Anzeige steigt Deutschland 2022 aus der atomaren und spätestens 2038, wenn nicht sogar eher aus der Kohleverstromung aus.

Und wie damals werden Zweifel an der Machbarkeit gesät – mehr noch, von ganz rechts bis ganz links fahren Energiewendeskeptiker Kampagnen gegen eine hundertprozentig erneuerbare Stromversorgung: Dann gingen die Lichter aus, die Industrie wandere aus oder Strom werde ein Luxusgut.

Das Muster ist dabei dasselbe wie schon 1993: Weil es derzeit noch zu wenig Ökostrom gebe, würden beim Wegfall des Atomstroms jetzt doch Kohlekraftwerke in die Bresche springen – und das werde die klimakillenden CO2-Emissionen hochtreiben, warnen die heutigen Skeptiker. Da wäre es doch besser, wenn die atomaren Anlagen länger liefen und auch neue gebaut würden.

Klar: Ganz so primitiv wie damals kann heute nicht mehr argumentiert werden. Windkraft ist inzwischen die wichtigste Stromquelle in Deutschland und fast jede zweite Kilowattstunde ist grün. Und Ökostrom hat beim Einspeisen ins Netz größtenteils Vorrang.

Der Wind auf dem Strommarkt hat sich im Wortsinne gedreht. Die konventionelle Energiewirtschaft kann nicht mehr geringschätzig auf magere vier Prozent herabsehen – im Gegenteil. Sie muss sich, um noch eine Zukunft zu haben, nunmehr als unverzichtbarer Partner der erneuerbaren Energien präsentieren.

Und die Dunkelflaute?

Das volksnahe Argument dafür lautet: Wie jeder weiß, scheint die Sonne nicht immer, vor allem nachts nicht. Auch der Wind weht nicht immer – wie jeder spürt – und deswegen brauchen wir Kraftwerke, die "immer" laufen.

Nun ja: In den 8.760 Stunden eines Jahres erzeugen selbst Atomkraftwerke im Schnitt nur für 7.500 Stunden Strom und Braunkohlekraftwerke schaffen lediglich um die 5.500 Stunden. Biomasseanlagen und Windparks auf See kommen mit rund 3.500 Stunden schon in eine vergleichbare Größenordnung. Bei Windkraft an Land sind es um die 2.000 und bei Photovoltaik unter hiesiger Sonne um die 1.000 Betriebsstunden.

Dabei weisen Wind und Sonne, die beiden wichtigsten Erneuerbaren, zwar eine "schwankende" Erzeugung auf, aber sie "schwanken" nicht im gleichen Takt, eher erzeugen Wind und Sonne "sehr stark komplementär" Strom, wie Johannes Lackmann, Ökostrompionier und heutiger Co-Chef der Firma Westfalenwind, erläutert: "Wenn wir viel Sonne haben, gibt es oft wenig Wind. Und bei windstarkem Tiefdruckwetter haben wir oft wenig Sonne."

Nimmt man Wind und Sonne zusammen, so Lackmann, werden die "Lücken", in denen es noch an erneuerbarer Versorgung fehlt, um den Strombedarf zu decken, "relativ klein". Natürlich komme man so noch nicht auf hundert Prozent, aber der Aufwand, um den Rest zu sichern, sei "nicht mehr sehr groß".

Ökostromexperten betonen zudem: Damit sich Sonne und Wind gut ergänzen, müssen sie europaweit vernetzt werden. Irgendwo auf dem Kontinent scheint am Tage fast immer die Sonne und weht fast immer der Wind, wenn nicht an Land, dann auf See.

Das mag sein, entgegen die Zweifler, aber was machen wir, wenn die sogenannte Dunkelflaute kommt? Wenn über Tage und Wochen der Wind kaum weht und die Sonne nicht durch die Wolken dringt – müssen dann die Steckdosen nicht stromlos bleiben?

Zunächst: Echte Dunkelflauten treten in Deutschland selten auf – eine über zwei Wochen andauernde gibt es im Schnitt alle zwei Jahre. Europaweit ereignen sich großräumige Flauten und sonnenarme Zeiten, die über 48 Stunden gemeinsam auftraten, nur etwa alle fünf Jahre.

Und die fehlenden Speicher?

An dem Punkt angekommen, was ziehen die Energiewendeskeptiker da als Nächstes aus der Tasche? Richtig: Deutschland brauche doch Stromspeicher, um über die Zeiten zu kommen, in denen die erneuerbare Erzeugung nicht ausreiche.

Gegen Speicher ist an sich auch nichts einzuwenden, solange sie als notwendige, aber doch sekundäre Ergänzung eines zu hundert Prozent erneuerbaren Systems gedacht sind.

Bei vielen Politikern von Union, SPD, FDP sowie der Linken verwandelt sich jedoch der Umstand, dass hundert Prozent ohne Stromspeicher nicht zu haben sind, unter der Hand in eine unverzichtbare Voraussetzung für den weiteren Ausbau der Erneuerbaren.

Das hört sich dann so an: Den Anteil des Ökostroms könne man erst dann deutlich erhöhen, wenn ausreichend viele und bezahlbare Speicher vorhanden sind. Und allein bei dem Schluss bleibt es nicht: Weil Entwicklung und Bau der riesigen Speicher Zeit benötigten und teuer seien, komme Deutschland noch lange nicht ohne eine Vielzahl sogenannter Reservekraftwerke aus.

Je nach parteipolitischer Präferenz sollen in diesen Kraftwerken Kohle, Gas, Uran oder – viel später einmal – grüner Wasserstoff verbrannt werden.

Wie gesagt, ganz ohne Stromspeicher und Reservekraftwerke, die auf andere Quellen als Wind und Sonne bauen, wird eine erneuerbare Vollversorgung nicht funktionieren. Das zu sagen, ist aber das eine – etwas ganz anderes ist es, Speicher und Reserveerzeugung als Vorwand zu nehmen, um den Ausbau der Erneuerbaren zu bremsen und den Betrieb fossiler oder atomarer Kraftwerke nahezu bis in alle Ewigkeit zu begründen.

Auch beim größten Ökostromangebot läuft das AKW durch

Lässt man das zu, wird der Zuwachs beim Ökostrom nahezu automatisch ausgebremst. Denn große fossile und atomare Kraftwerke erzeugen das ganze Jahr über möglichst gleichmäßig Strom – dafür sind sie gedacht und technisch ausgelegt. Ein häufiges, fast tägliches Hoch- und Runterfahren solcher Anlagen ist wegen des Verschleißes ein Horror für die Betreiber.

Weil das so ist, stellen Atom- und große Kohlekraftwerke eben nicht, wie oft kolportiert, eine passende "Reserve" für den Ökostrom dar. Die Tageskurven von Stromerzeugung und -verbrauch in der Datenplattform Energy Charts zeigen: Auch beim größten Angebot von Sonnen- und Windstrom laufen beispielsweise die deutschen Atomkraftwerke unvermindert weiter.

Die Folge ist ein Strom-Überangebot. Um die verstopften Netze nicht zu überlasten, werden dann Kraftwerke vom Netz genommen. Natürlich nicht die großen Blöcke – nein, vom Netz muss vor allem die Windkraft gehen.

2019 verlor Deutschland so eine Erzeugung von 6,4 Milliarden Kilowattstunden Ökostrom. Das waren drei Prozent des gesamten in dem Jahr erzeugten Ökostroms. Knapper CO2-freier Strom wird also weggeworfen, weil noch zu viel konventionelle Kraftwerke laufen – was für ein Widersinn.

Ein vollständig erneuerbares Stromsystem folgt einer anderen Logik. Dazu muss man sich von der gewohnten Sicht aufs Stromsystem – da das Kraftwerk, hier die Steckdose – verabschieden. Im Kern geht es darum, die angeblichen Schwächen des erneuerbaren Systems – die dezentrale und schwankende Erzeugung – als Stärken zu sehen.

Kraftwerke laufen künftig nur noch, wenn sie gebraucht werden, und nicht, weil es technisch geboten ist oder der Brennstoff gerade billig ist. Das System steuert sich weitgehend selbst, und zwar so, dass Erzeugung und Verbrauch bestmöglich zusammenpassen.

Erste Bedingung dafür sind nicht große Speicher oder Reservekraftwerke. Um die Versorgung zu sichern, müssen andere Reserven her. In der Stromsprache sind das die "Flexibilitätsoptionen".

Netzdienlich statt autark

Die Waschmaschine dann laufen zu lassen, wenn genügend Strom da ist, ist dabei nur ein allererster Schritt. In die Flexibilität einer erneuerbaren Vollversorgung gehören praktisch alle Elemente eingebunden: die Millionen Photovoltaik-Anlagen, die sich künftig landauf, landab auf Dächern und Fassaden befinden; die Millionen Verbraucher, ob große oder kleine – und nicht zuletzt die Millionen kleinen Stromspeicher in Haushalten, Gewerbebetrieben und öffentlichen Einrichtungen. Nicht Stromautarkie wird deren Leitspruch sein, sondern netzdienliches Verhalten.

Dazu kommen Millionen von E-Fahrzeugen, die auch künftig die meiste Zeit herumstehen werden und gut als große Batteriespeicher dienen können. Stromnetzbetreiber und Großverbraucher werden ebenso wie Wohnquartiere überschüssigen Strom in Wärme oder Wasserstoff umwandeln.

Um mit grünem Strom das Land weitgehend zu dekarbonisieren, muss die heutige inländische Erzeugung von Ökostrom von jährlich 250 Milliarden Kilowattstunden mindestens verdreifacht, wenn nicht sogar vervierfacht werden.

Wie groß dann noch die Reserven an konventioneller Verbrenner-Kraftwerkstechnik für die letzte Sicherheit und die größte "Dunkelflaute" sein müssen, lässt sich heute schwer abschätzen, möglicherweise sind es wenige Prozent der heutigen Kapazität.

Vielleicht wird sich in 30 Jahren, wenn Deutschland schon einige Zeit klimaneutral ist, die Energiewende rückblickend so zusammenfassen lassen: Von vier Prozent Ökostrom auf 100 – und von fast 100 Prozent konventioneller Erzeugung auf vier Prozent.

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