Kann "German Zero" Deutschland bis 2035 klimaneutral machen?

Promis aus Unterhaltung, Sport, Wirtschaft und Wissenschaft fordern mit der Klima-Kampagne "German Zero" ein klimaneutrales Deutschland für 2035. Manche Klimaexpert:innen zweifeln daran, dass der Plan eins zu eins umsetzbar ist. Schaut man sich aber die internationalen Klimaziele an, liegt nahe: Nötig wäre es.


Carolin Kebekus spricht in Mikro
Die Komikerin Carolin Kebekus ist eine der etwa 50 Prominenten, die German Zero unterstützen. (Foto/​Ausschnitt: Raimond Spekking/​Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Tatort-Darstellerin Christine Urspruch wartet nicht mehr. Comedian Carolin Kebekus auch nicht, genauso wenig wie der Fußballer André Schürrle, der Musiker Jan Delay, Youtuber Rezo und Moderator Joko Winterscheidt. Das sagen die Promis in einem Video der Klimaschutz-Kampagne German Zero, in dem sie gemeinsam mit etwa 50 anderen mehr oder minder bekannten Menschen einen gemeinsamen Appell verlesen.

"Wir schreiben selber das Gesetz, ein Klimaschutzgesetz" erklärt der Menschenrechtsaktivist Raul Krauthausen in dem Video (siehe unten). "So eins, was längst da sein müsste", schließt der Künstler Rocko Schamoni an. "Damit Deutschland einhält, was es vor fünf Jahren auf dem Klimagipfel in Paris der Welt schon längst versprochen hat", heißt es dann von dem Klimawissenschaftler Mojib Latif.

German Zero ist die Initiative des gleichnamigen Vereins, der sich Großes vorgenommen hat: Deutschland in den nächsten zehn bis 15 Jahren klimaneutral machen statt erst 2050, wie es die Bundesregierung vorhat. Die Grundzüge für einen Gegenentwurf zum Klimapaket der Regierung gibt es schon. Ein Kreis von Politik- und Umweltexpert:innen um Heinrich Strößenreuther hat sie erarbeitet.

"Wir stehen für die Antworten"

Der Klimaschützer, der German Zero mitgegründet hat, ist vor allem als Initiator des erfolgreichen Berliner Fahrrad-Volksentscheids bekannt geworden. In der Szene gilt er als begnadeter Strippenzieher verschiedener Projekte. "Wir stehen für die Antworten auf die Klimakrise", sagte Strößenreuther bei der Vorstellung von German Zero im Dezember selbstbewusst. Jetzt hat er auch prominente Unterstützung dafür.

German Zero wünscht sich Zahlungen für Klimaschutz im Ausland, um Deutschlands Rückstand in Sachen CO2-Minderung auszugleichen, aber auch einen drastischen Wandel in allen deutschen Wirtschaftssektoren.

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Den Kohleausstieg will German Zero schon 2030 statt erst acht Jahre später absolviert wissen. Auch für die Energiegewinnung aus Erdgas will die Initiative ein Ausstiegsdatum setzen, und zwar das Jahr 2035.

Um die daraus resultierende Stromlücke zu schließen, sollen die Wind- und Solarstromkapazitäten um 13.000 bis 40.000 Megawatt pro Jahr ausgebaut werden. Das ist natürlich eine weite Spanne und insofern noch unkonkret. Der Grund dafür: Gleichzeitig soll auch Energie gespart werden – und je nachdem, wie gut das gelingt, braucht man mehr oder weniger Solaranlagen und Windräder.

Auf jeden Fall liegen die Ausbauziele weit über denen der Bundesregierung. Aus einem kürzlich veröffentlichten Gutachten der Prognos AG für das Bundeswirtschaftsministerium ergibt sich, dass die Pläne der Bundesregierung für 2030 auf durchschnittlich 3.400 Megawatt an zusätzlicher Ökostrom-Kapazität pro Jahr hinauslaufen.

Vom Notwendigen her gedacht

Martin Pehnt vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (Ifeu) bezweifelt, dass sich die erneuerbaren Visionen von German Zero in aller Vollständigkeit in die Praxis umsetzen lassen. Der Plan habe in dieser Hinsicht "nichts mit einem – selbst visionär gedacht – möglichen Ausbaupfad zu tun", so der Energiewissenschaftler. Die Zahlen würden sich ergeben, wenn man Klimaneutralität für 2035 ansetze und von dort aus zurückrechne.

Pehnt freut sich trotzdem über das Projekt. "Beeindruckend ist die Kampagne – gut, dass politischer Druck aufgebaut wird", sagt er. Aber: "Ich finde es solider, eine solche tolle Kampagne auf einen robusten Ausbaupfad und einen Minus-95-Prozent-Prozess bis 2050 aufzubauen."

Dabei dürfte es aber auch wieder ein Problem geben. Neuere Berechnungen des globalen CO2-Budgets legen nahe, dass mit dem Ausstoßen von Treibhausgasen weit früher Schluss sein muss – zumindest wenn die Welt wirklich versuchen will, die Erderhitzung möglichst bei 1,5 Grad zu stoppen, wie sie es sich im Pariser Klimaabkommen vorgenommen hat.

Ein Forschungsteam um Joeri Rogelj von der britischen Universität Imperial College kam vor einigen Monaten auf das Jahr 2038 als Marke, wenn die Welt ihre Treibhausgas-Emissionen ab sofort linear absenken und auch nur eine Fifty-fifty-Chance auf das 1,5-Grad-Ziel haben will.

Achtung: Die Zahlen sind global gedacht. Nach mehr oder weniger allgemeiner Ansicht sollen Entwicklungsländer etwas länger Zeit bekommen als die Industrieländer. Deutschland müsste sich also noch ein bisschen mehr sputen und dürfte vielleicht nur bis 2035 brauchen. Punkt für German Zero.

Auch für die Branchen abseits des Energiesektors hat German Zero kleinteilige Vorschläge gemacht. Die vielleicht radikalste findet sich im Kapitel zum Verkehr: In zehn Jahren soll der Verkauf von Benzin und Diesel verboten werden. Wer dann noch ein Auto mit einem Verbrennungsmotor hat, würde dafür ab 2030 keinen Sprit mehr bekommen – oder müsste teuren synthetischen Kraftstoff kaufen, der mit erneuerbarem Strom hergestellt wurde.

De facto bedeutet das die Abschaffung von Verbrennungsmotoren im Jahr 2030, offiziell verbieten will German Zero sie ab 2035.

"Es fehlt ein bisschen der Unterbau"

Der Verkehrssoziologe Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung vermisst insgesamt Substanz bei den Verkehrswende-Plänen von German Zero. "Es fehlt ein bisschen der Unterbau", meint er. Den könne die Gruppe um Strößenreuther aber bei aller Kompetenz auch gar nicht allein liefern, glaubt er. Nicht umsonst arbeiteten zahlreiche Menschen und ganze Institute an dem Thema.

Auch Knie kann der Kampagne aber einiges abgewinnen, weil sie die Notwendigkeiten beim Klimaschutz in die öffentliche Debatte bringe. "Die Idee ist gut, die Aufmachung noch besser", sagt Knie. "Die Kampagne kommt genau richtig, wo die FDP schon vorschlägt, wegen der Coronakrise den CO2-Preis aufzuschieben – das wäre katastrophal."

Bjarne Mädel auf rotem Teppich
Auch Schauspieler Bjarne Mädel, hier beim Deutschen Fernsehpreis 2019, unterstützt die Initiative. (Foto/​Ausschnitt: Superbass/​Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

German Zero will unter anderem auf einen CO2-Preis setzen, und zwar in Höhe von eingangs 50 Euro pro Tonne und einer jährlichen Steigerung um zehn Euro. Die Bundesregierung will im kommenden Jahr einen CO2-Preis von 25 Euro einführen, der bis 2025 auf 55 Euro steigt.

Der Aufruf der Prominenten, sich für German Zero einzusetzen, soll nun den Bundestagswahlkampf vorbereiten. Wahltermin ist zwar planmäßig erst im September 2021, das bedeutet aber, dass die Parteien jetzt langsam über ihren Wahlprogrammen brüten. Und in die will es German Zero hineinschaffen – damit die nächste Bundesregierung den Plan umsetzt.

Wie wahrscheinlich das ist? Dass das Unterfangen zumindest ambitioniert ist, ist auch German Zero klar. Der Verein will deshalb darauf setzen, jetzt möglichst viele Bürger:innen für sich zu gewinnen, die entweder für die politische Arbeit spenden oder selbst aktiv werden.

"Wir brauchen Freiwillige, die mitmachen, die die Idee in die Welt tragen, die Bündnisse organisieren, Demos, Konzerte – alles, was nützt", sagt Schauspieler Bjarne Mädel im Kampagnen-Video. Und seine Berufskollegin Pheline Roggan ergänzt: "... die ihren Bundestagsabgeordneten schreiben, die mit ihnen reden und sie überzeugen."

Redaktioneller Hinweis: Soziologe Andreas Knie ist Mitglied im Herausgeberrat von Klimareporter°.

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