Ein bisschen mehr ist nicht genug

Spätestens die Flutkatastrophe hat viele aufgeschreckt, die Klimakrise ist Realität. Was in der Debatte nicht aus dem Blick geraten darf: Auf 100 Prozent erneuerbare Energien umzustellen ist das entscheidende Mittel zum Klimaschutz. Deutschland muss dabei jetzt einen Quantensprung hinlegen.


Luftaufnahme von Hüttenkofen im Landkeis Landshut in Niederbayern.
Auch in Bayern ist viel Platz für Windräder, sie werden aber politisch verhindert. (Foto/​Ausschnitt: Simon Waldherr/​Wikimedia Commons)

Die Umweltbewegung in Deutschland kann für ihre Erfolge nicht genug gewürdigt werden. Doch angesichts der fundamentalen Bedrohung unserer Lebensgrundlagen durch die Auswirkungen der ungebremsten Erderwärmung müssen wir uns die Frage stellen, wie wir den Kollaps unserer Biosphäre noch verhindern können.

Es geht ums Ganze. Die Grenzen des Wachstums sind seit 1972 klar definiert: Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird unsere industrielle Gesellschaft wegen der Überbeanspruchung globaler Ressourcen bis 2040 zusammenbrechen.

Unser globales CO2-Budget für das 1,5-Grad-Ziel wird bereits 2028 aufgebraucht sein. Um diesen Zeitpunkt so weit wie möglich in die Zukunft zu verschieben, gibt es ein spielentscheidendes Element.

Ökostrom ist der mit Abstand größte Hebel, um die Klimakrise einzudämmen. Er ist eine universelle, sofort verfügbare, kostengünstige und fast beliebig skalierbare Energiequelle, die Kohle, Erdöl und Erdgas überflüssig macht.

Würden wir im Angesicht eines kollabierenden Ökosystems und des drohenden Verlusts unseres Habitats nicht alles dafür tun, diesen entscheidenden Wirkstoff im größtmöglichen Umfang zu produzieren? Die Antwort lautet leider: Nein. Seit Jahren hinkt der Ausbau der erneuerbaren Energien hinterher und wird politisch ausgebremst.

Die deutsche Energiepolitik handelt in etwa so, als ob man Biontech und Co mit Ausschreibungen und Auflagen inmitten der Pandemie an der Produktion von Impfstoff hindern würde. Und etwa die Hälfte der Wähler und Wählerinnen findet das auch noch in Ordnung. Bei allem, wo "öko" draufsteht, bleibt man lieber skeptisch. Es ist grotesk.

Wir wissen was zu tun ist, tun es aber nicht

Über den Investitionsstau bei den Erneuerbaren kann auch die halbwegs erfreuliche Entwicklung der beiden wichtigsten Energiequellen nicht hinwegtäuschen.

Nach einem sehr niedrigen Niveau in den letzten Jahren hat sich der Ausbau von Windenergieanlagen im ersten Halbjahr überraschend positiv entwickelt: 971 Megawatt Nennleistung kamen hinzu. Für das ganze Jahr 2021 wird ein Zubau von 2.200 bis 2.400 Megawatt erwartet. Ähnliches gilt für Solarkraftwerke, wo im ersten Halbjahr 2.750 Megawatt neu installiert wurden.

Porträtaufnahme von Jens Mühlhaus.
Foto: Tobias Hase

Jens Mühlhaus

Der studierte Bauingenieur ist Vorstand bei der Green City AG, einem alter­nativen Energie­dienst­leister mit Sitz in München. Er ist Mitglied im Heraus­geber­rat von Klimareporter°.

Der durchschnittliche Zubau seit 2005 liegt für Erneuerbare-Energien-Anlagen insgesamt bei 6.700 Megawatt im Jahr – und damit sind wir beim Kern des politisch verursachten Problems. Wir wissen was zu tun ist, tun es aber nicht.

Wenn wir, wie beschlossen, in weniger als 25 Jahren Klimaneutralität erreichen wollen, müssen in Deutschland laut der Studie "Klimaneutrales Deutschland 2045" ab sofort regenerative Kraftwerke mit einer Kapazität von mindestens 30.000 Megawatt im Jahr errichtet werden.

Anders gesagt: Wir müssen den Ausbau der Erneuerbaren sofort um den Faktor vier bis fünf erhöhen.

Wertvolle Zeit verschenkt

Diese Skalierung ist auch deshalb notwendig, weil die Petrolheads und Kohlefans der unionsgeführten Bundesregierungen in den letzten 16 Jahren das Verbrechen begangen haben, mit ihrer Lobbyarbeit die Erneuerbaren zu diskreditieren und zu gängeln, wo es nur geht.

Ob es die radikale Absenkung von Einspeisevergütungen, die Umstellung auf Ausschreibungen oder die Einführung von Abstandsregeln für Windenergieanlagen war: Immer wieder wurde wertvolle Zeit verschenkt, den Stoff zu produzieren, der unser Überleben sichert.

Vor diesem Hintergrund klingt es wie Hohn in meinen Ohren, was der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in seiner Regierungserklärung am 21. Juli sagte: "Wir stehen an der Schwelle epochaler Veränderungen. Wir sind es unseren Kindern schuldig, dass wir uns nicht aus Angst vor Lobbygruppen, vor Leugnern oder vor Ewiggestrigen vor der Verantwortung drücken."

Tacheles!

In unserer Kolumne "Tacheles!" kommentieren Mitglieder unseres Herausgeberrats in loser Folge aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen.

Das sagt der Mann, der in derselben Erklärung an der 10‑H-Abstandsregelung für Windkraftanlagen in Bayern festhält und damit den Ausbau in Bayern de facto verhindert.

Diese Doppelzüngigkeit toppt nur noch der Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet himself. Der will, Zeitgeist tut not, am Pariser Klimaabkommen und dem 1,5-Grad-Ziel festhalten. Er sagt, dass Deutschland bis 2045 klimaneutral werden und dass Energie aus regenerativen Quellen gewonnen werden soll.

Seine Politik als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen geht aber so: Das "Klimaschutzgesetz" seines Bundeslandes schränkt den Bau von Windrädern massiv ein und genehmigt den Abbau von weiteren 700 Millionen Tonnen Kohle. Man kann nur hoffen, dass viele Wähler:innen die Bundestagswahl am 26. September zu einer Klimawahl und diesem Spuk ein Ende machen werden.

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