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Deutschland droht die solare De‑Industrialisierung

Unter dem Druck der fossilen Energiewirtschaft hat die Internationale Energieagentur über Jahrzehnte die Potenziale von Öl, Gas und Kohle überschätzt und die der erneuerbaren Energien unterschätzt. Dieser Fehler beginnt sich nun zu rächen.


Ein Arbeiter baut Sonnenkollektoren zusammen
Fertigung von Solarwärme-Kollektoren in Baden-Württemberg. (Foto: Oliver Killig/​Ritter XL Solar)

In ihrem jüngsten World Energy Outlook warnt die Internationale Energieagentur IEA vor einer dramatischen Unterversorgung mit globalen Erdölreserven. Diese wird nun schon in wenigen Jahren befürchtet – bereits Mitte des nächsten Jahrzehnts.

Lange Zeit hatten die Weltwirtschaft und die Regierungen der meisten Industriestaaten den Zahlen aus Paris vertraut. Sie werden nun brutal verunsichert.

Bisher hatte die IEA stets behauptet, die erneuerbaren Energien seien zu teuer und zu unstet für eine weitgehende Versorgung damit. Ein intelligenter Energiemix aus Erneuerbaren war für die IEA nahezu unvorstellbar.

Doch dann der Schock im neuen Bericht. Bis 2025 werde die Erdölförderung etwa halbiert. Seit Jahren gibt es kaum noch Neufunde von Ölquellen.

Hinzu kommt, dass durch die weltweite Divestment-Bewegung in den letzten Jahren bereits sechs Billionen – also 6.000 Milliarden – Dollar Anlagevermögen aus der fossil-atomaren Energiewirtschaft zurückgezogen worden sind.

"Das Ganze ist ein Schreckensszenario für die Weltwirtschaft", kommentierte der Energiewende-Experte Hans-Josef Fell diese Entwicklung und den neuen IEA-Bericht. Denn viel zu wenige hätten bereits auf regenerative Energien umgestellt.

Die deutsche Energiewirtschaft und vor allem die deutsche Bundesregierung haben sich von der IEA besonders täuschen lassen und den Ausbau der Erneuerbaren seit etwa sieben Jahren verzögert und bewusst verlangsamt. Deshalb kann die Groko ihre selbst gesteckten Klimaschutzziele bis 2020 auch nicht erreichen.

Der notwendige Ausbau der Photovoltaik wurde seit 2012 um etwa 80 Prozent verfehlt. Damit einher ging der Verlust von circa 80.000 zukunftsfähigen Arbeitsplätzen – um 20.000 Jobs in der alten Kohlewirtschaft zu retten, die ohnehin nicht zu retten sind.

Andere Länder haben Zukunftspläne, Deutschland hat die Groko

Diese Politik erinnert an die makabre Schlagzeile einer deutschen Zeitung zu Allerheiligen: "Reges Leben auf allen Friedhöfen".

Ebenso wurde der notwendige und mögliche Ausbau der solaren Wärme verfehlt oder auch die ursprünglich geplante Zahl von einer Million Elektroautos bis 2020. Die Windenergie soll als nächstes ausgebremst werden.

Ganz anders andere Länder: In China wurden schon weit über eine Million E-Autos zugelassen. In vielen chinesischen Großstädten fahren bereits tausende Elektrobusse, allein in Shenzhen über 16.000. In ganz Deutschland etwa 100.

Die britische Regierung hat mit ihrer Autoindustrie ein Enddatum für den Verbrennungsmotor vereinbart. Das Mutterland der Kohle, Großbritannien, will in fünf Jahren bereits komplett aus der Kohle aussteigen. In Norwegen fährt bereits jedes zweite neu gekaufte Auto elektrisch.

"Andere Länder haben Visionen statt German Angst", sagt Professor Daniel Kray, Experte für Photovoltaik und Pflanzenkohle. Andere Länder haben Zukunftspläne, Deutschland hat die Groko.

Zur Person

Franz Alt ist Buchautor und Fernsehmoderator. (Foto: Axel Thomae/​Sonnenseite)

Mit Verbrennungsmotoren, Kohlekraft und ins Ausland vertriebener Solarbranche lässt sich eben keine Zukunft gestalten, aber zum Glück auch keine Wahl mehr gewinnen.

Die Groko betreibt praktisch eine solare De‑Industrialisierung. Keine Lust auf neue Technologien, keine Lust auf Zukunft. Deutschland wird der "kranke Mann Europas" im Solarzeitalter, analysiert Daniel Kray.

Deutschland kann die Ziele des Pariser Klimaabkommens nur noch erreichen, wenn Gas- und Ölheizungen bis 2020 durch Wärmepumpen abgelöst werden und Autos mit Verbrennungsmotoren bis 2025 durch E-Autos. Das Land braucht mehr Mut zum Systemwandel, der ohnehin kommen wird.

Bis 2030 kommt die saubere Revolution. Ob mit oder ohne Deutschland.

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