Peak Oil in Sicht

Das Erdöl könnte doch bald knapp werden, schließen Experten aus dem neuen "World Energy Outlook" der Internationalen Energieagentur IEA. Die Ölbranche hingegen bleibt noch entspannt.


Aufnahme einer Raffinerie
Könnte bald ohne Nachschub dastehen: Raffinerie für Rohöl. (Foto: Mikael Moiner/​Flickr)

Beim Erdöl droht bereits Anfang des nächsten Jahrzehnts eine dramatische weltweite Versorgungskrise. Diesen Schluss ziehen Experten aus dem jüngst vorgelegten "World Energy Outlook" der Internationalen Energieagentur IEA, dem wichtigsten Jahresbericht der globalen Energiewirtschaft. Nach den IEA-Berechnungen könnte die Erdölförderung deutlich zurückgehen – wenn die Ölindustrie ihre Investitionen in die Förderung aus neuen Quellen nicht massiv erhöht und die USA nicht deutlich mehr Fracking-Öl produzieren.

Bei der "Association for the Study of Peak Oil" (Aspo) gibt es allerdings Zweifel, dass eine solche Strategie der Förderausweitung aufgehen wird. Der deutsche Zweig der internationalen Wissenschaftlervereinigung warnt davor, dass es wegen der Verknappung des wichtigsten fossilen Energieträgers schwere Verwerfungen in der Weltwirtschaft geben könnte.

IEA-Chef Fatih Birol konstatierte bei der Vorstellung des neuen Reports vorige Woche in Berlin, die Ölmärkte befänden sich "in einer Zeit der erneuten Unsicherheit und Volatilität". Eine Grafik im Bericht illustriert, wie stark der Rückgang der Förderung aus den heute betriebenen Ölquellen sein wird.

Danach würde sich die weltweite Ölförderung ohne neue Investitionen bis 2025 halbieren, wobei die Tagesförderung von heute rund 92 Millionen Barrel jedes Jahr im Schnitt um rund sechs Millionen zurückginge – das ist mehr als das Zweieinhalbfache des deutschen Verbrauchs.

Investitionen führten nicht zu großen Funden

Ob die tatsächlichen Investitionen in die Exploration neuer Lagerstätten und die Förderung ausreichen werden, um die sinkenden Mengen aus den alten Quellen wettzumachen und die derzeit sogar noch wachsende weltweite Erdöl-Nachfrage zu befriedigen, ist die große Frage.

Die Aspo-Experten verweisen darauf, dass die Branche Anfang der 2000er Jahre ihre Investitionen kräftig hochfuhr, was allerdings zu keinen großen neuen Funden geführt habe. "Im Gegenteil, sie sind auf ein historisches Tief gesunken", sagt der Vorsitzende von Aspo-Deutschland, Jörn Schwarz. Stattdessen kauften die Unternehmen mit dem Geld im großen Stil Aktien zurück.

Kurvendiagramm: Weltweite Ölförderung 2010 bis 2040 ohne neue Investitionen. Die Kurve steigt bis 2018 leicht und fällt dann stark ab.
Ohne Investitionen würde sich die weltweite Ölförderung bis 2025 halbieren, sagt die IEA. (Grafik: ​ASPO Italia; Daten: World Energy Outlook 2018)

Aspo ist ein 2002 gegründetes Netzwerk von Wissenschaftlern und Ökonomen, das die Öffentlichkeit auf die Konsequenzen eines Fördermaximums von Erdöl und Erdgas ("Peak Oil") aufmerksam machen und über Lösungsansätze informieren will.

Tatsächlich sind die globalen Ölfunde in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken, 2017 wurde ein absoluter Negativrekord erreicht. In den vergangenen 15 Jahren gab es im Schnitt Neufunde von neun Milliarden Barrel pro Jahr, in den 1960er Jahren hingegen waren 40 bis 100 Milliarden Barrel üblich. Die maximale jährliche Förderung für dieses "konventionelle" Öl war denn auch 2006 erreicht, seither sinkt sie.

Bisher wurde der Rückgang der Förderung durch sogenanntes unkonventionelles Öl aus Fracking, Teersanden und aus Tiefsee-Quellen ausgeglichen. Die Frage ist allerdings, wie lange das noch so funktioniert.

"Fracking-Öl kann die Lücke nicht füllen"

Birol sagte denn auch, um die weltweite Öl-Nachfrage zu bedienen, sei ein "außerordentliches, kontinuierliches Wachstum im Sektor der unkonventionellen Ölförderung in den USA" nötig. Die USA sind dank Fracking inzwischen weltgrößter Ölproduzent.

Aspo-Experte Schwarz argumentiert indes, der Rückgang der konventionellen Förderung sei so erheblich, "dass unter keinen Umständen eine Kompensation durch das Fracking-Öl erfolgen kann". Die nötigen Investitionen und die Umweltschäden würden enorm ansteigen, warnt er.

Die Peak-Oil-Experten sehen sich durch den neuen IEA-Report bestätigt. Erstmals rechne auch die IEA mit einem Maximum der Ölförderung "in wenigen Jahren – ohne das allerdings wirklich deutlich auszusprechen", meint Schwarz. Ein schnellerer Umstieg auf erneuerbare Energien sei überfällig.

In der Ölbranche hingegen gibt man sich entspannt. Beim Mineralölwirtschaftsverband in Berlin heißt es zu der IEA-Kalkulation auf Anfrage, sie sei rein hypothetisch. "Öl ist reichlich vorhanden, ein Ende des Ölzeitalters nicht in Sicht." Für eine klimafreundliche Zukunft gewönnen allerdings moderne Agrokraftstoffe zunehmend an Bedeutung, ebenso würden grüne synthetische Kraftstoffe gebraucht, um die Klimaziele zu erreichen.

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