Eine Idee, deren Zeit gekommen ist

Das Neun-Euro-Ticket entstand nicht auf dem üblichen politischen Weg – wohl nur deshalb konnte die Idee mit dem radikal einfachen und günstigen Ticket so zünden. Jetzt wissen alle, wie Verkehrswende gehen könnte, der Geist ist aus der Flasche.


Porträtaufnahme von Andreas Knie.
Andreas Knie. (Foto: David Außerhofer)

Das Wichtigste aus 52 Wochen: Sonst befragen wir die Mitglieder unseres Herausgeberrats im Wechsel jeden Sonntag zu ihrer klimapolitischen Überraschung der Woche. Zum Jahresende wollten wir wissen: Was war Ihre Überraschung des Jahres? Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung.

Das Jahr 2022 bot für Mobilität und Verkehr tatsächlich eine große Überraschung: das Neun-Euro-Ticket.

Wir erinnern uns: Im Juni, Juli und August konnte man für neun Euro monatlich überall in Deutschland bis auf den Fernverkehr so gut alle Angebote des öffentlichen Verkehrs nutzen. Egal wo.

Ursprünglicher Plan war es, neben dem Tankrabatt für die Autofahrenden auch eine Entlastung für Menschen anzubieten, die den öffentlichen Verkehr nutzen. Die Idee hatte kaum Zeit zum Reifen und war mehr einer nächtlichen Runde entsprungen.

Aber wahrscheinlich war genau das der Grund, warum sie so gezündet hat. Denn im Ergebnis kam eine riesige Werbekampagne für den öffentlichen Verkehr heraus, deren Wirkung alles Bisherige in den Schatten stellte. Knapp 60 Millionen Tickets wurden in den drei Monaten verkauft.

Die jetzt vorliegenden empirischen Ergebnisse zeigen, dass dieses Angebot die gesamte Gesellschaft erreicht hat. Menschen in den Städten, aber auch auf dem Land, Menschen mit wenig wie auch mit viel Geld haben das Ticket gekauft, Frauen etwas mehr als Männer.

Bemerkenswert ist, dass die Menschen mit ganz geringem Einkommen sowie die mit sehr hohem Einkommen am meisten gefahren sind. Selten wurde daher ein Produkt quer durch die Bevölkerung so angenommen wie das Neun-Euro-Ticket.

Natürlich war der Preis entscheidend, aber auch die Einfachheit der Nutzung. Nie mehr im falschen Zug! Das Drama an der Erfolgsgeschichte ist nur, dass die Branche selbst das Ticket nicht will. Zu hoher Aufwand, zu viel Stress.

Die Definitionsmacht autofahrender Männer

Das Neun-Euro-Ticket zeigt blitzlichtartig das Problem der Verkehrswende: Der öffentliche Verkehr fällt als Alternative zum Auto aus, weil die Betreiber des Systems gar kein Interesse an mehr Kunden haben. Das Neun-Euro-Ticket hat schlagartig deutlich gemacht, wie einfach öffentlicher Verkehr sein kann, doch es würde alles verändern und das will die Branche nicht.

Die Alternative zum Auto ist morsch und nicht mehr zeitgemäß, weil die Organisationsformen von Bussen und Bahnen nicht mehr passen. Denn es sind autofahrende Männer, die dort mit Geld, das ihnen nicht gehört, Produkte definieren, die keiner versteht, was aber auch nicht auffällt, weil sie keiner nutzt.

Es wird daher auch keine Fortsetzung geben, und ob ein 49-Euro-Ticket wirklich kommt, das steht leider immer noch in den Sternen.

Das Neun-Euro-Ticket hat allen gezeigt, wie es gehen könnte, und nichts ist bekanntlich so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Der Geist ist aus der Flasche und lässt sich nicht mehr zurückholen, die Disruption des öffentlichen Personennahverkehrs hat begonnen.

Ein ausführlicher Beitrag zum Thema erscheint in Kürze in unserem Dossier "Digitale Mobilität – das Antiblockiersystem".

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