Das radikal einfache Ticket wird zerredet

Zur Fortsetzung des Neun-Euro-Tickets kommt wöchentlich ein neuer Vorschlag – aber keiner, der dessen Prinzip aufnimmt: ein erschwingliches Ticket bundesweit. Noch immer regiert das alte Denken in den Köpfen und es geht auch um Besitzstandswahrung.


Ein weißer Zug mit roten Streifen fährt schnell durch einen Bahnhof mit Glas-Tonnendach, es ist nicht zu erkennen, dass es sich um die überirdische Prager Metro-Endstation Černý Most handelt, die nach dem gleichnamigen Plattenbau-Stadtteil benannt ist.
Wer hat Angst vor der Revolution im öffentlichen Verkehr? (Foto: Jan Vašek/Jeshoots)

Es gibt ein Lied der wunderbaren Daliah Lavi. Es heißt darin: "Meine Art Liebe zu zeigen, das ist ganz einfach Schweigen. Worte zerstören, wo sie nicht hingehören."

In der Debatte zur Verlängerung des Neun-Euro-Tickets, zur Anzahl und Höhe künftiger Tarife, zur Frage, ob der Sinn des Tickets darin liegt, Autofahrende in den öffentlichen Verkehr zu ziehen, ob es weniger Staus gibt, ob wir im Bahn-Chaos versinken, ob das Ticket nachhaltig ist oder nicht, wäre Schweigen und Nachdenken darüber, um was es hier geht, äußerst wünschenswert.

Bei der Mobilität geht es nicht um das große Gefühl. Es geht aber um einen relevanten gesellschaftlichen Wert: den Zugang.

Das ist das wichtigste Ergebnis des Experiments mit dem Neun-Euro-Ticket. Es hat Mobilität für Menschen ermöglicht, die diesen Zugang zum Reisen so bisher nicht hatten. Es hat den Zugang leicht gemacht.

Ein Ticket und alle Reiseziele stehen plötzlich offen, kreuz und quer, hin und zurück, im Kreis, alles jederzeit möglich und sogar preiswert. Das Ticket hat den öffentlichen Verkehr bei seinem Sinn abgeholt, nämlich viele Menschen zu befördern, statt leer durch die Gegend zu gondeln.

Aber für die Vertreter:innen des öffentlichen Verkehrs ist es alarmierend, wenn plötzlich mehr Leute das Angebot nutzen.

Entlarvend sind die Äußerungen der Bahn-Gewerkschaften: Es seien zu viele Leute in den Zügen. Die müssten wieder weg.

Das hat auch Christian Lindner offenbar sehr gut verstanden und lässt uns an seiner Gedankenwelt teilhaben: Zu viel Masse und Meute unterwegs, die sollen lieber wieder zu Hause bleiben mit ihrer Gratismentalität.

Und wir anderen fahren weiterhin in unseren Privat-Dienst-Schlachtschiffen dauersubventioniert durch die Gegend oder in unseren Erste-Klasse-Waggons zu hohen Preisen. Damit unser Selbstbedienungsladen weiter funktioniert, legen wir bei den Steuererleichterungen in der Mitte und oben schön was drauf. Die unten sollen unten und am besten zu Hause bleiben. Die wollen wir nicht in der Öffentlichkeit haben.

Ein Ticket für alle und alles

Das Neun-Euro-Angebot ist so schlicht wie einfach. Ein Ticket, ein Preis und los gehts. Kein Gedöns wie: hier gültig, da nicht, hier nur für diese Leute, da für alle, aber nur, wenn man dieses oder jenes gekauft hat. Alles einfach. Radikal einfach und einfach radikal wurden alle alten Zöpfe abgeschnitten.

Und diese Einfachheit wird gerade zerredet. Aus allen möglichen Ecken kommt wöchentlich ein neuer Vorschlag – aber keiner, der das Neun-Euro-Prinzip aufnimmt: ein Ticket bundesweit. Da ist immer noch das alte Denken in den Köpfen – und natürlich geht es auch um Besitzstandswahrung.

Anke Borcherding

ist neben ihrer Tätigkeit im Projekt­management für nachhaltige Mobilität an der FU Berlin Gastautorin der Forschungs­gruppe Digitale Mobilität am WZB. Sie beschäftigt sich theoretisch und vor allem praktisch mit Mobilitäts­projekten und ist in Stadt und Land immer nur mit den Öffentlichen, dem Rad und manchmal einem Carsharing-Auto unterwegs.

Wenn nämlich nur eine Ticketart verkauft wird, brauchen wir das Ungetüm der Verkehrsverbünde und Tarife nicht mehr. Das kann alles weg. Die Köpfe wären frei für neue Angebote, die den öffentlichen Verkehr besser machen statt immer komplizierter.

Das Ticket kann der Einstieg in den Umstieg sein, wenn weitere Maßnahmen auf der Qualitäts- und Angebotsseite des öffentlichen Verkehrs folgen – und wenn das Autofahren und Autoparken endlich teurer wird.

Das Klimaschutzargument ist im Übrigen eines von vielen, das gerade gern gebracht und missbraucht wird: Die, die bisher nicht unterwegs sein konnten, sollen aus Klimaschutzgründen wieder zu Hause bleiben – zu viel Mobilität von den falschen Leuten –, damit alle anderen schön fahren können wie gewohnt. Und wir geben euch beim Sprit noch was dazu.

Der Preis ist für Autofahrende kein Grund zum Umsteigen – die Aussage stimmt ja nach wie vor. Aber der Preis und ein einfacher Zugang verschaffen dem System öffentlicher Verkehr offenbar Zulauf. Das allein reicht natürlich nicht für den öffentlichen Verkehr als Rückgrat der Verkehrswende, sondern es muss Geld in die Infrastruktur fließen und das System muss sich auf der Angebots- und Serviceseite erneuern.

Das sind aber alles keine Argumente gegen einen preiswerten öffentlichen Verkehr. Ein Ticket für alle und alles, und zwar wirklich alles: 29 Euro im Monat oder 365 Euro im Jahr für das komplette Angebot, inklusive Fernverkehr. Jedenfalls zum radikal günstigen Preis. Bieten wir alles auf einer Karte und packen wir für die letzte Meile das Taxi dazu.

"Nimm den Schatten von der Wand", singt Daliah Lavi weiter. Hier könnte das heißen: Nimm die alten Muster aus dem Kopf. Denk doch neu.

Digitale Mobilität – das Antiblockiersystem

Wie kommen wir in Zukunft von A nach B? Fest steht: Es geht nur radikal anders als bisher. Aber wie? Die Gruppe "Digitale Mobilität – das Antiblockiersystem" entwickelt Ideen für die Mobilität von morgen. Hier schreiben Wissenschaftler:innen und Expert:innen über Wege in ein neues Verkehrssystem, das flüssig, bequem, gerecht und klimafreundlich ist – jenseits von Allgemeinplätzen und Floskeln. Das Dossier erscheint in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB). Alle Beiträge erscheinen zugleich im WZB-Blog der Forschungs­gruppe Digitale Mobilität.

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