"Wir brauchen 5G bis zur letzten Milchkanne – aber öko"

Die Digitalisierung hat durch Corona einen Schub bekommen. Umso mehr kommt es nun darauf an, sie umwelt- und klimafreundlich zu gestalten, sagt der Chef des Umweltbundesamtes Dirk Messner. Mit autonomen Autos und künstlicher Intelligenz kann das gelingen. Die Interview-Serie von Klimareporter° zum Corona-Neustart – Teil 8 und Schluss.


Autonomes Fahren
Autonomes Fahren mit 5G kann die Zahl der Autos radikal senken, sagt UBA-Chef Messner. (Foto: BP63Vincent/​Wikimedia Commons)

Klimareporter°: Herr Messner, Sie haben als Chef einer Bundesbehörde und Ressortforschungsinstitution mit rund 1.600 Mitarbeitern wegen Corona oft Homeoffice gemacht. Ist das die Zukunft?

Dirk Messner: Wir haben am Umweltbundesamt einen großen Schub in diese Richtung erlebt. Die virtuelle Kommunikation funktioniert besser als erwartet – und das hilft der Umwelt.

Ich selbst habe zwei Langstreckenflüge eingespart, weil internationale Konferenzen online stattfanden. Da gibt es ein großes Potenzial zur Verkehrsvermeidung und damit CO2-Reduktion.

Allerdings ist eine Vollumstellung auf virtuelles Arbeiten nicht drin. Bei manchen Entscheidungen ist es doch wichtig, sich physisch zu treffen. Direkte Kommunikation schafft eine andere Qualität der Kommunikation und Kooperation. Nur Homeoffice geht nicht, schon gar nicht in unseren Laboren.

Insgesamt gesehen: Ist die Digitalisierung also der Retter in der Corona-Krise?

Sie hat uns – und vielen anderen Organisationen und Unternehmen – wirklich aus der Bredouille geholfen. Ohne Videokonferenzen und virtuelle Vernetzung wäre der Lockdown in Wirtschaft und Gesellschaft noch viel radikaler gewesen und der ökonomische Schaden noch viel größer.

Ein Plädoyer, noch viel stärker in die Richtung zu gehen?

Es kommt ganz darauf an, wie die digitalen Technologen eingesetzt werden. Sie haben ein großes Potenzial, Klimaschutz, Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit voranzubringen.

Sie könnten das Instrument sein, um die vor 30 Jahren ausgerufene Kreislaufwirtschaft tatsächlich zu etablieren, die energiesparsam und praktisch ohne Abfall funktioniert – weil es nun möglich ist, die Ressourcenströme im Detail nachvollziehen und passgenau zu steuern.

Allerdings kommt das nicht von selbst. Diese Potenziale werden bisher nicht mobilisiert und die Digitalisierung hat auch Schattenseiten: Rechenzentren und Streamingdienste zum Beispiel sind sehr energieintensiv und produzieren viele CO2-Emissionen. Wir sehen große Ressourcenprobleme, weil der Verbrauch von umweltkritischen und knappen Stoffen wie Coltan, Tantal, Silber oder Gold stark ansteigt.

Zudem werden die Technologien vorrangig dazu genutzt, um Arbeitsplätze überflüssig zu machen, nicht, um die Umwelt- und Klimaprobleme zu verringern.

Was ist der Grund dafür?

Es sind falsche Anreizstrukturen. Arbeit ist hoch mit Abgaben und Steuern belegt, es lohnt sich für die Unternehmen, diesen Faktor durch technologischen Wandel einzusparen. Ressourcen und Energie sind relativ dazu billig, daher werden Innovationen weniger darauf ausgerichtet, sparsam mit ihnen umzugehen.

Porträtaufnahme von Dirk Messner.
Foto: Aileen Orate/​UNU-EHS

Dirk Messner

ist seit Januar Präsident des Umwelt­bundes­amtes (UBA). Vorher war der Politik­wissen­schaftler Direktor an der Universität der Vereinten Nationen in Bonn und Co-Vorsitzender des Wissenschaft­lichen Beirats der Bundes­regierung für Globale Umwelt­veränderungen (WBGU). Von 2003 bis 2018 leitete er das Deutsche Institut für Entwicklungs­politik in Bonn.

Also, was tun?

Es gibt drei große Schrauben, an denen man drehen muss. Die erste: Energiepolitik. Digitalisierung kann nur nachhaltig sein, wenn sie mit einhundert Prozent Ökostrom läuft. Das muss schnellstmöglich umgesetzt werden.

Zweitens: Die eingesetzten Edel- und Sondermetalle müssen komplett im Kreislauf geführt werden und nicht als Elektroschrott auf der Deponie landen, zudem muss die Langlebigkeit und Reparaturfreundlichkeit der Geräte erhöht werden.

Und drittens: Wir brauchen ein ökologisches Preis- und Steuersystem, dass die Markteilnehmer ganz automatisch dazu bringt, den Umweltverbrauch zu verringern. Hierzu sollte die Politik eine sozial-ökologische Steuerreform umsetzen, die den Umweltverbrauch verteuert und die Arbeit billiger macht. Dieses Thema muss dringend wieder auf die Tagesordnung.

Der Wirtschaftsflügel der Union fordert das Gegenteil und will zum Beispiel die CO2-Bepreisung, die 2021 starten soll, wegen der Corona-Folgen auf den Prüfstand stellen.

Das wäre das ganz falsche Signal. Wir raten dazu, den CO2-Preis sogar schneller ansteigen zu lassen als geplant, das eingenommene Geld aber wieder an die Bürger zurückgeben, etwa über eine geringere Besteuerung von Arbeit. Das würde auch neue Jobs bringen, gerade in Corona-Zeiten ist das wichtig.

Die Sache bleibt zweischneidig. Beispiel: Homeoffice spart Fahrwege ein, aber man hat gleich zwei Arbeitsplätze, einen im Büro und einen zu Hause ...

... deswegen braucht es eine Strategie dafür. Doppelte Infrastrukturen kosten Energie und Ressourcen. Und wenn die Wohnflächen deswegen zusätzlich wachsen und die Zersiedlung der Landschaft zunimmt, wäre viel von der Einsparung wieder zunichtegemacht.

Das kann man aber steuern – vor allem durch eine Politik, die Energie und Verkehr gemäß den Umweltkosten bepreist, die sie erzeugen. Dann bekommen wir klimafreundliche Gebäude und bremsen den Flächenverbrauch und fördern klimafreundliche Digitalisierung.

Das zeigt auch: Wir müssen ganz verschiedene Politikfelder ansteuern, um Digitalisierung positiv zu gestalten. Ein solcher übergreifender Ansatz fehlt noch.

Große Hoffnungen werden auch in das autonome Auto gesetzt. Das könnte aber auch zu mehr Fahrten führen ...

Das autonome Fahren ist eine große Chance. Wir können eine radikale Reduktion der Zahl der privaten Autos erreichen, wenn die Rahmenbedingungen richtig gesetzt werden.

Steht der digital angeforderte Wagen in fünf Minuten vor der Tür, braucht man kein eigenes Auto mehr. Flexible Mobilität kann vom Besitz eigener Fahrzeuge entkoppelt werden. Unsere Städte könnten viel grüner und sozialer werden, wenn ein Großteil der Parkplatz-Flächen umgewidmet würde.

Ist Deutschland denn auf der richtigen Spur dafür?

Rollback oder Öko-Neustart?

Kohleausstieg verschieben, CO2-Preis überprüfen, Pkw-Emissionsziele strecken: Aus Wirtschaft und Politik mehren sich die Forderungen, Klimaschutz-Regeln beim Ankurbeln der Wirtschaft auszusetzen oder zu streichen. Der Corona-Neustart muss aber genutzt werden, um Klima- und Umweltschutz den überfälligen Push zu geben. Wie, das beleuchtet Klimareporter° in einer Interview-Serie mit prominenten Fachleuten.

Wir sind hier wirklich nicht an der Spitze. Wir müssen Investitionen in die Netze und die künstliche Intelligenz ausbauen, um mit den USA und China mithalten zu können. Hier hat die Koalition mit den Beschlüssen zum Konjunkturprogramm einen guten Anlauf genommen.

Aber wir sollten das systematisch mit den Nachhaltigkeitsfragen verbinden. Das brächte uns ökonomisch weit nach vorne, und gleichzeitig würden Klima- und Umweltschutz profitieren. Die systematische Verbindung von Digitalisierung, künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeit könnte das spezifische Profil Europas werden.

Brauchen wir 5G bis zur letzten Milchkanne?

Ja, brauchen wir. Ohne 5G ist zum Beispiel autonomes Fahren nicht möglich. Deswegen muss das auch in dünner besiedelten Räumen funktionieren – für alle Bürger – und die entsprechende Datenverarbeitung muss durch klimaneutrale Rechenzentren stattfinden.

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