Covid-19 bringt einen großen Schub für die Digitalisierung. Was das fürs Klima bedeutet, ist unklar. (Bild: New Africa Studio/​Mykolajiw/​Shutterstock)

Videocall statt Rollkoffer, Kaffee im Speisewagen und Schlafbrille: Während und nach Corona schien die klassische Dienstreise, auf der Menschen für ein, zwei Tage quer durch die Republik fahren oder jetten, ein Auslaufmodell. Inzwischen nähern sie sich die Werte schrittweise wieder denen vor der Pandemie.

Trotzdem bleibt für viele Unternehmen die Vermeidung oder klimafreundliche Gestaltung von Geschäftsreisen weiterhin ein wichtiges Ziel, wie eine aktuelle Umfrage ergab. Tatsächlich liegt hier ein starker Hebel, um das Geschäftsleben klimafreundlicher zu machen.

Corona war ein tiefer Einschnitt. Das Homeoffice boomte, und die Dienstreise schien auszusterben: Die Zahlen brachen 2020 um mehr als 80 Prozent ein, von 195 Millionen 2019 auf nur noch 33 Millionen, so der Verband Deutsches Reisemanagement. Mehrere Geschäftsreiseanbieter gingen pleite.

Doch schon 2021 fanden trotz der Quarantäne- und Testvorschriften wieder 30 Prozent mehr Dienstreisen statt, und seit Frühjahr 2022 gingen die Zahlen steil nach oben. Im Gesamtjahr 2022 waren es wieder 75 Millionen.

Eine Befragung, die Mitte 2023 vom Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (BAUM) und der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden bei rund 100 Unternehmen durchgeführt wurde, zeigte denn auch, dass fast 60 Prozent "deutlich mehr" oder "mehr" Geschäftsreisen als im Vorjahr durchführten.

Das Unternehmensnetzwerk sieht jedoch große Chancen, das Dienstreiseniveau auch langfristig unter Vor-Corona-Höhen zu halten. "Der Bereich der betrieblichen Mobilität ist ein wichtiger Hebel für die Etablierung von mehr Klimaschutz im Unternehmen", sagte dazu BAUM-Vizechef Dieter Brübach.

Durch die Erfahrungen während Corona erkannten viele Unternehmen, dass Videocalls und -konferenzen gegenüber Präsenztreffen spürbar Kosten wie auch Emissionen einsparen. Die Nutzung von Videokonferenzen für interne und externe Termine hat laut der Untersuchung daher stark zugenommen. So haben 93 Prozent der befragten Unternehmen Zugang zu entsprechender Software und nutzen sie.

Kostenfreie Beratung

Weitere Optimierungen sind möglich, da viele der Unternehmen bereits Daten zu den Geschäftsreisen sammeln und auswerten. Bei größeren Unternehmen geschieht das tendenziell häufiger als bei kleineren. Konkret geht es meist um die Anzahl der Reisen, die Art der genutzten Verkehrsmittel, die Kosten und die CO2-Emissionen.

Allerdings wird das Ziel des CO2-Sparens praktisch nie als Steuerungskriterium genutzt. Ein Großteil der Unternehmen gibt den Beschäftigten jedoch immerhin Anreize zur Wahl klimafreundlicher Verkehrsmittel – etwa Bahncards oder auch eine E‑Dienstwagenflotte zur Nutzung für Geschäftsreisen. Viele Unternehmen haben zudem Geschäftsreise-Richtlinien festgelegt, bei den Nachhaltigkeits- und Klimaschutzaspekte eine zunehmend wichtige Rolle spielen.

Projektleiter André Bruns, Professor für Mobilitätsmanagement an der Hochschule Rhein-Main, sieht noch viel Potenzial beim digitalen Ersetzen von Dienstreisen und bei der Optimierung der klassisch durchgeführten Reisen. Im Rahmen des Projekts "CO2meet", in dem auch die Befragung durchgeführt wurde, können interessierte Unternehmen kostenfreie Hilfsangebote dazu in Anspruch nehmen, etwa "Initialberatungen" oder einen "Nachhaltigkeitscheck von Reiserichtlinien".

Komplett ins Internet werden die Dienstreisen jedoch nicht verlegt werden können, das ist Fachleuten klar. Nach der Corona-Zeit ist die Wertschätzung des direkten Austauschs sogar angestiegen, wie im vor gut einem Jahr eine Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation zeigte.

Präsenzveranstaltungen werden danach von den Mitarbeitenden als überdurchschnittlich wichtig für einen kreativen Austausch empfunden – und das, obwohl sie bei vielen nur einen relativ geringen Anteil der Arbeitszeit ausmachen. Institutsdirektor Stefan Rief sagte dazu: "Das Netzwerken fällt vielen im persönlichen Kontakt leichter. Dazu gehört beispielsweise, von jemandem eingeführt zu werden oder zufällige Kontakte zu knüpfen."

Und es wird wohl auch ein weiterer Aspekt mitspielen: Auf Dienstreise gehen zu dürfen, ist für viele immer noch mit großem Prestige verbunden.

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