"Klimaneutral" mit fossilen Geschäften

Der Digitalkonzern Microsoft will den CO2-Fußabdruck, den seine Aktivitäten direkt und indirekt zu verantworten haben, zurückfahren und in zehn Jahren klimaneutral sein. Doch das ehrgeizige Vorhaben hat einen großen Haken. 


Microsoft-Gebäude in Köln.
Microsoft will klimaneutral werden – ohne von fossilen Geschäften zu lassen. (Foto: Efes Kitap/​Pixabay)

Microsoft will in zehn Jahren klimaneutral werden und langfristig sogar dafür sorgen, dass die Emissionen, die die Firma in der Vergangenheit zu verantworten hatte, durch neue Technologien rückgängig gemacht werden. Doch trotz aller Klimaambitionen will der US-Technologieriese eines nicht ändern: Seine Cloud- und Machine-Learning-Technologien sollen weiter dazu genutzt werden, neue Ölvorkommen zu erschließen.

Microsoft-Präsident Brad Smith hat die Pläne vergangene Woche in einem Blogbeitrag vorgestellt. Demnach strebt der Konzern an, innerhalb eines Jahrzehnts auf netto null Emissionen zu kommen.

Langfristig – bis zum Jahr 2050 – will Microsoft sogar "sämtliches CO2 aus der Atmosphäre entfernen, das unser Unternehmen seit seiner Gründung im Jahr 1975 entweder direkt oder durch seinen Stromverbrauch emittiert hat", verspricht Smith. Dabei sichert der Konzern Transparenz zu. Die Fortschritte werden in einem jährlichen Bericht dokumentiert.

Microsoft will dabei, anders als viele andere Firmen mit ähnlichen Plänen, auch indirekte Emissionen erfassen und bezieht sich auf ein Konzept des Washingtoner World Resources Institute, bei dem Treibhausgasemissionen von Unternehmen in drei Bereiche (englisch scope) unterteilt werden:

  • Scope 1 beinhaltet die Emissionen, die direkt durch ein Unternehmen verursacht werden, etwa wenn Firmenwagen mit Benzin fahren.
  • Scope 2 fasst die Emissionen zusammen, die durch den Energieeinkauf der Firma an anderer Stelle entstehen, etwa die Emissionen eines Kraftwerks, das den Strom für Rechenzentren liefert.
  • Scope 3 enthält alle Emissionen entlang der gesamten Produktions- und Wertschöpfungskette. Darunter fällt vieles: die Wege der Mitarbeiter, die Emissionen bei der Herstellung von Produkten, die eine Firma einkauft und nutzt, oder auch die Emissionen, die durch die Produkte einer Firma verursacht werden – also beispielsweise der Stromverbrauch eines verkauften Geräts.

Die Crux an der Sache: Die Scope-3-Emissionen sind schwer zu erfassen und werden häufig ignoriert, sie sind aber meist größer als die Emissionen aus Scope 1 und 2 zusammen.

CO2 soll technisch aus der Atmosphäre geholt werden

So verfolgt Microsoft zwar nach eigenen Angaben schon seit 2012 das Ziel, klimaneutral zu wirtschaften, und kaufte für seine Scope-1- und -2-Emissionen Ausgleichszertifikate. Aber die Scope-3-Emissionen wurden bisher, abgesehen von den Anfahrtswegen der Mitarbeiter, nicht berücksichtigt.

Für seinen Plan, langfristig sogar negative Emissionen zu erreichen, setzt Microsoft auf die Entwicklung neuer Technologien, die es bisher nicht in großem Maßstab gibt.

Um CO2-Emissionen rückgängig zu machen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Eine naheliegende ist etwa das Pflanzen von Bäumen. Doch das Potenzial dafür ist begrenzt. Und ein solches Vorgehen hilft nur dann, wenn die Bäume auch langfristig erhalten werden.

Die Hoffnung ist daher, dass es irgendwann gelingt, in großem Maßstab CO2 technisch aus der Atmosphäre zu entfernen und möglicherweise unterirdisch einzulagern. Einige Firmen arbeiten bereits daran, das Treibhausgas direkt aus der Luft zu filtern, die Technik wird auch als Direct Air Capture bezeichnet. Im Rahmen eines Investitionsfonds will Microsoft solche und andere Klimaschutztechnologien fördern.

All das klingt ehrgeizig und ist deutlich konkreter als die Klimapläne vieler anderer Firmen. Doch trotz aller Ambitionen will Microsoft eines nicht tun: seine Geschäfte mit der fossilen Industrie beenden.

Mit Microsoft-Produkten weiter nach Öl und Gas bohren?

Zuletzt standen Microsoft und andere Digitalkonzerne wegen großer Kooperationsprojekte mit Ölfirmen in der Kritik. Microsoft schreibt in seiner Ankündigung, dass man weiterhin mit allen Kunden zusammenarbeiten möchte, auch mit denen aus der Öl- und Gasindustrie. Man wolle ihnen helfen, sich auf eine CO2-freie Zukunft vorzubereiten, und auch bei ihnen die Umstellung auf erneuerbare Energien vorantreiben.

Doch mit erneuerbaren Energien und einer CO2-freien Zukunft haben die Geschäfte zwischen Microsoft und den Ölfirmen wenig zu tun. Die Speicherkapazitäten von Microsofts Cloud-Infrastruktur und seine Machine-Learning-Technologien sind für Ölkonzerne vor allem dann interessant, wenn es um die Erschließung neuer Öl- und Gasressourcen geht.

Zuletzt hatte Microsoft die Kooperation mit der Ölindustrie noch deutlich ausgeweitet. Im September kündigte man stolz eine umfangreiche Zusammenarbeit mit Chevron und Schlumberger an, einer Firma, die Ausrüstungen für die Ölförderung bereitstellt.

Eine Frage beantwortet Microsoft bei dem Ganzen nicht: Wenn auch die indirekten Scope-3-Emissionen bei den Klimaschutzbemühungen erfasst werden sollen – hieße das nicht auch, dass der Konzern das Öl, das mit seiner Technologie gefunden wird, zumindest teilweise in der eigenen Klimabilanz berücksichtigen muss?

Auf eine entsprechende Anfrage hat Microsoft bislang nicht geantwortet.

Parallelen zum Fall Siemens

Die Inkonsequenz von Microsoft erinnert hier frappierend an ein anderes großes Unternehmen, dem derartige Widersprüche vor Kurzem heftig auf die Füße gefallen sind.

Der deutsche Siemens-Konzern hatte einerseits angekündigt, sich bis 2030 klimaneutral aufzustellen. Andererseits hat sich Siemens bekanntlich entschieden, Infrastruktur für die Adani-Kohlemine in Australien bereitstellen, die noch weit über die Jahrhundertmitte betrieben werden soll und deshalb mit sämtlichen Klimaschutzbemühungen inkompatibel ist.

Die großen IT-Konzerne müssen sich ähnliche Fragen stellen. Wenn sie ihre Klimaschutzbemühungen ernst meinen, können zumindest Projekte, bei denen es um die Neuerschließung fossiler Rohstoffe geht, nicht mehr Teil des Geschäftsmodells sein.

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