"Ein riesiger Sprung Richtung Digitalisierung"

Durch die Coronakrise hat sich die Arbeitswelt für viele Menschen ins Homeoffice verlagert – und ins Netz. Aus ökologischer Sicht sei das positiv, meint der Sozialwissenschaftler Tilman Santarius von der Technischen Universität Berlin.


Frau verfolgt Videokonferenz mit Kolleginnen und Kollegen am Laptop.
Videokonferenzen können viel Energie sparen. Tilman Santarius empfiehlt aber, die Kameras auszuschalten. (Foto: New Africa Studio/​Mykolajiw/​Shutterstock)

Klimareporter°: Herr Santarius, erwarten Sie auch nach Corona einen dauerhaften Trend zu Homeoffice und Videokonferenzen statt Fahrten zur Arbeit und Dienstreisen?

Tilman Santarius: Unsere Gesellschaft macht gerade einen riesigen Sprung in Richtung Digitalisierung von beruflichen Meetings, Arbeitsformen und auch persönlicher Kontaktpflege.

Nachdem sich derzeit noch viele Menschen mit den verschiedenen technischen Angeboten und der Anwendungspraxis vertraut machen müssen, werden insbesondere Videokonferenzen in den nächsten Wochen und Monaten ein Stück weit zur Normalität werden. Die Bequemlichkeit und Zeitersparnis, die das mit sich bringt, wird auch nach der Coronakrise nicht vergessen werden.

Ist der Trend zu Homeoffice und Videokonferenzen unter dem Strich positiv? Wie stark kann es den Verkehr entlasten?

Aus ökologischer Sicht ist der Trend extrem positiv zu bewerten. Durch die Coronakrise werden die verkehrsbedingten Treibhausgas-Emissionen stark reduziert werden. Der Energieverbrauch durch verstärkte Digitalisierung, der dagegen gerechnet werden muss, beträgt nur ein Bruchteil davon.

Wenn Endkunden und Anbieter jetzt noch alle auf Ökostrom umsteigen würden, kämen wir dem Arbeitsstil in einer wirklich klimafreundlichen Gesellschaft schon sehr nahe.

Sehen Sie auch negative Effekte? Leidet die Qualität der Arbeit?

Derzeit müssen viele Menschen noch technische Probleme überwinden und sich an die digitalere Arbeitsweise gewöhnen. Hinzu kommt gerade noch eine Menge zusätzlicher Kommunikation, um alles erst einmal einzurichten und sich zu verabreden. Das verringert jetzt kurzfristig die Produktivität. Mittelfristig wird sich das geben.

Ob die Qualität der Arbeit sich verändert, hängt sehr vom Berufszweig ab – in manchen Berufen wie Wissenschaft oder Verwaltung kann die Qualität aber sogar steigen, wenn Menschen auch künftig ihre Meetings kürzer und effektiver abhalten.

Hält die Internet-Infrastruktur die zusätzlichen Datenmengen aus?

In Deutschland und den meisten europäischen Ländern sind die Netze auf sehr viel mehr Kapazitäten ausgelegt, als bis zum Beginn der Coronakrise beansprucht wurde. Kann sein, dass es bei einzelnen Anbietern stoßweise mal zur Überlastung kommt, aber die Netze sind stabil.

Tilman Santarius

ist Professor an der TU Berlin und am "Einstein Center Digital Future" – mit Fachgebiet Sozial-Ökologische Transformation und Nachhaltige Digitalisierung. Er hat Soziologie, Volkswirtschaft und Ethnologie studiert.

Dass Facebook, Netflix und andere jetzt angekündigt haben, die Auflösung von gestreamten Filmen zu reduzieren ist gut, kann aber fast noch als vorbeugende Maßnahme betrachtet werden.

Auch bei anderen Anwendungen kann man den Datentransfer verringern. Wenn man in einer Schaltkonferenz die Kameras ausschaltet, spart das eine Menge – und in der Summe dann auch Stromverbrauch.

Ich empfehle daher, wo nicht unbedingt nötig, immer die Kameras auszuschalten. Zudem laufen die Systeme dann auch stabiler, was das Konferieren wiederum angenehmer macht.

Sollten Netflix und Co ihre Datenraten dauerhaft senken?

In unserem Buch "Smarte grüne Welt" haben wir schon länger vor der Coronakrise gefordert, gesetzlich zu regeln, dass anbieterseitig stets die geringste Datenqualität voreingestellt sein sollte. Denn auf den meisten Endgeräten, allen voran auf Smartphones, ist es völlig unnötig, in HD-Qualität zu streamen. Wer im Einzelfall mal eine Projektion per Beamer in Top-Qualität braucht, kann dann die Datenrate hochstellen.

Solch ein "Nudging" würde weltweit deutlich Datentransfer und Stromverbrauch reduzieren.

Wie viel Energie wird im Netz mehr gebraucht? Und ist das Kohlestrom?

Das ist eine spannende Frage. Derzeit liegen mir hierzu noch keine Daten vor, die Coronakrise ist noch zu jung. Der Umstieg auf Ökostrom sollte aber auch jetzt gar kein Problem sein, denn in anderen Bereichen fällt durch Corona ja gerade auch Stromverbrauch weg.

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