Anzeige
Entdecken Sie eine Welt voller nachhaltiger Energielösungen!

Plastik ist dreckiger als gedacht

Rund fünf Prozent der Treibhausgas-Emissionen weltweit gehen auf das Konto von Kunststoffen. Die Treibhausgase, die bei der Herstellung von in der EU genutztem Plastik entstehen, werden zu zwei Dritteln in anderen Teilen der Welt ausgestoßen, vor allem in Asien.


Sogenannte thermische Ersatzbrennstoff-Verwertungsanlage in der Stadtmitte von Neumünster in Holstein.
Müllverbrennung: Scheinbar stehen wir im Umgang mit Plastik ganz gut da. Doch die Klimaschweinereien werden ausgelagert und hinter Fachbegriffen versteckt. (Foto: Wusel007/​Wikimedia Commons)

Die Nutzung von Plastik boomt weltweit. Die weltweite Nachfrage hat sich seit 1980 vervierfacht. Doch das Image des so vielfältig genutzten Materials ist so schlecht wie nie. Seit einem Jahrzehnt gehen die Bilder der gigantischen Plastikmüll-Strudel durch die Medien, die sich auf den Weltmeeren gebildet haben.

Doch nicht nur der Abfall ist ein wachsendes Problem. Eine neue Untersuchung zeigt, dass die Kunststoffindustrie auch für einen beachtlichen Teil der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich ist, nämlich für fast fünf Prozent. Der CO2-Fußabdruck von Plastik ist damit in etwa doppelt so groß, wie in Ökobilanzen bisher angenommen wurde.

Der allergrößte Teil dieser Emissionen – rund 96 Prozent – entsteht laut der Untersuchung der ETH Zürich bei der Produktion der Kunststoffe, zumeist aus Erdöl oder Erdgas, teils aber auch aus Kohle.

Das Verbrennen des Materials respektive der Energieaufwand für das Recycling machen dagegen nur einen geringen Anteil aus. Für das Jahr 2015, auf das sich die Untersuchung bezieht, kalkulierten die Forschenden den Anteil auf rund zwei Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent oder 4,5 Prozent.

Allerdings steigt der CO2-Ausstoß in dem Sektor weiter an. Die Autor:innen der Studie gehen davon aus, dass die globale Plastikproduktion bis 2030 um 40 Prozent wachsen wird, ausgehend vom Basisjahr 2015. Erschienen ist die Studie jetzt im Fachmagazin Nature Sustainability.

Für seine Untersuchung bilanzierte das Team die Emissionen über den gesamten Lebenszyklus der Kunststoffe – von der Gewinnung fossiler Ressourcen über Verarbeitung und Verwendung bis zur Entsorgung, einschließlich Verbrennung und Deponierung.

Es zeigte sich, dass der CO2-Fußabdruck vor allem wächst, weil die Kunststoffproduktion in Schwellenländern wie China, Indien, Indonesien und Südafrika boomt, deren Energieversorgung stark auf Kohle beruht. Die Prozesswärme und der Strom für die Plastikherstellung stammen hauptsächlich aus dieser Quelle. Teils wird Kohle dort auch als Rohstoff für Kunststoffe verwendet.

Reiche Länder haben Emissionen ausgelagert

Studien-Leitautorin Livia Cabernard von der ETH erläuterte: "Bisher ging man vereinfachend davon aus, dass für die Herstellung von Kunststoffen etwa so viel fossile Energie benötigt wird, wie in den Rohstoffen des Kunststoffs enthalten ist – vor allem Erdöl." Damit werde der Verbrauch durch die Herstellung jedoch stark unterschätzt. Tatsächlich wird laut der Untersuchung dabei doppelt so viel fossile Energie verbrannt, wie als Rohstoff im Plastik enthalten ist.

Die Ökobilanz der Kunststoffe hat sich auch deswegen verschlechtert, weil reiche Staaten sie zunehmend aus Entwicklungs- und Schwellenländern importieren. So sind laut der ETH-Studie die Treibhausgas-Emissionen aus der Plastikproduktion in der EU in den letzten Jahren zwar gesunken. Das liege aber vor allem daran, dass mit der Produktion auch die damit verbundenen Emissionen ausgelagert werden.

Zwei Drittel der Treibhausgase, die bei der Herstellung von in der EU genutztem Plastik entstehen, werden danach in anderen Teilen der Welt ausgestoßen – vor allem in China und dem Nahen Osten. Diese Emissionen gehen also nicht in die europäischen Statistiken ein. Ein ähnliches Bild ergibt sich laut Studie für Länder wie die USA, Australien und Kanada.

Hinzu kommt als Problem, dass durch den Trend zur Kohle auch die weiteren negativen Umweltfolgen wachsen. Bei der Kohleverbrennung entsteht unter anderem Feinstaub, der Asthma, Bronchitis und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen kann. Weil immer mehr Kohle für Prozesswärme, Elektrizität und als Rohstoff für die Kunststoffherstellung verwendet wird, nehmen laut dem ETH-Team auch die negativen Folgen für die Gesundheit zu.

Doch wie könnte der Öko-Fußabdruck der weltweiten Plastikproduktion verringert werden? Dazu müssten vor allem die erneuerbaren Energien in den Ländern mit hoher Plastikproduktion wie China ausgebaut werden, rät das Forschungsteam. Dabei könne eine konsequente CO2-Bepreisung helfen, die CO2-intensive Produkte verteuern würde. Das setze Anreize für die Hersteller, in sauberere Anlagen zu investieren.

Alternative Materialien wie Bioplastik halten die Expert:innen hingegen kaum für eine Lösung. Diese hätten häufig eine noch schlechtere Umweltbilanz als herkömmliche Kunststoffe.

Wiederverwenden, nicht verbrennen

Die EU-Kommission arbeitet seit 2018 an einer Strategie, um die Umwelt- und Klimafolgen von Plastik zu verringern, als Teil ihres Aktionsplans zur Kreislaufwirtschaft. Einwegkunststoffe sollen dabei reduziert werden. Bis 2030 sollen alle in der EU genutzten Kunststoffverpackungen wiederverwendet oder recycelt werden können. Außerdem soll die Umweltverschmutzung durch Mikroplastik sinken.

Die künftige Ampelkoalition in Deutschland plant eine Kreislaufwirtschaftsstrategie, die auch den Kunststoffsektor betrifft. Unter anderem will sie ein ressourcenschonendes und recyclingfreundliches Verpackungsdesign sowie den Einsatz von Recyclingplastik fördern.

"Wir schreiben höhere Recyclingquoten und eine produktspezifische Mindestquote für den Einsatz von Rezyklaten und Sekundärrohstoffen auf europäischer Ebene fest", heißt es im Koalitionsvertrag. Das würde unter anderem bedeuten, dass weniger Altplastik als bisher verbrannt wird.

Letzteres hält auch Andreas Köhler vom Öko-Institut in Freiburg für überfällig, der die Ergebnisse der ETH-Studie analysiert hat. Daraus werde klar, "wie wichtig es ist, Kunststoffabfälle stofflich anstatt nur energetisch durch Müllverbrennung zu verwerten", sagte er. Plastikrecycling könne helfen, "die vorgelagerten CO2-Emissionen der Herstellung zu vermeiden".

Die Nutzung von Plastikmüll als Ersatzbrennstoff sei doppelt ungünstig, so Köhler, weil dabei zur Klimabelastung aus der Herstellung noch das CO2 aus der Verbrennung hinzukomme. Laut Umweltbundesamt wird in Deutschland bisher rund die Hälfte aller Kunststoffe bei der Entsorgung verbrannt.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier