Keine Sterbekurve bei Ökostrom-Anlagen

Auch nach dem Ende der EEG-Förderung müssen so viele Erneuerbare-Energien-Anlagen am Netz bleiben wie möglich. Sie leisten einen sicheren Beitrag zum Umstieg von Kohle- und Atomstrom auf saubere Energie und zum Klimaschutz. Die Bundesregierung muss hier schnell Planungssicherheit schaffen.


Solarpaneel, im Hintergrund Windräder.
Die Grünen wollen ein Paket für die Nach-EEG-Zeit, damit keine Ökostromanlagen vom Netz müssen. (Foto: Seagul/​Pixabay)

20 Jahre nach Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes endet für die ersten Anlagen die gesicherte Vergütung für Ökostrom. Bis Mitte der 2020er Jahre sind davon allein für über 170.000 Photovoltaik-Anlangen betroffen.

Damit stehen viele Pioniere der Energiewende, die ihr eigenes Dach früh zu einem sauberen Kraftwerk gemacht haben, vor der Frage, wie es weitergeht.

Das gilt ebenso für Wind- und Bioenergieanlagen. Bis 2025 endet für 16.000 Megawatt Windkraft die EEG-Finanzierung. Davon können nur etwa 40 Prozent unter den geltenden Regelungen an ihren bisherigen Standorten repowert werden.

Am düstersten sieht es für Betreiber:innen von Bioenergieanlagen aus. Marktakteure sprechen angesichts fehlender Anschlussfinanzierung von einer regelrechten Sterbekurve, mit der sich der Anlagen-Bestand bis 2035 um 90 Prozent verringern könnte.

Die grüne Bundestagsfraktion hat in einem Antrag Vorschläge vorgelegt, damit die ersten EEG-Anlagen weiterhin einen Beitrag zur sauberen Stromversorgung leisten können. Die meisten Anlagen sind technisch auf einem guten Stand und könnten noch über viele Jahre Strom produzieren.

Doch dafür fehlen bislang die rechtlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen, ihnen droht ein vorzeitiges Aus. Wie in vielen Bereichen der Energiewende hat die schwarz-rote Regierungskoalition hier nicht geliefert, sondern die Erneuerbaren immer weiter ausgebremst.

Ohne Planungssicherheit droht mehr Rück- als Zubau

Als Grüne ist für uns klar: Wir wollen so viele Erneuerbare-Energien-Anlagen am Netz halten wie möglich. Denn sie leisten einen sicheren Beitrag zum Umstieg von Kohle- und Atomstrom auf saubere Energie und damit zum Klimaschutz. Wenn die Bundesregierung jetzt nicht schnell Planungssicherheit herstellt, werden in den nächsten Jahren mehr Erneuerbaren-Anlagen abgebaut als neu errichtet.

Bei der Solarenergie ist die vordringliche Aufgabe, die wartungsarm laufenden Privatanlagen in den Weiterbetrieb zu überführen. Das Gros der betroffenen Anlagen – rund 85 Prozent – hat weniger als fünf Kilowatt Nennleistung. Speisen diese nach den 20 Jahren einfach weiter Strom ein, drohen den Betreibenden nach jetzigem Stand Schadenersatzforderungen der Netzbetreiber und – im äußersten Fall – das Abgeklemmtwerden vom Stromnetz.

Wir fordern daher, die automatische Abnahme von Solarstrom durch die Netzbetreiber als Standard vorzugeben und einer sogenannten "wilden Einspeisung" zuvorzukommen. Für Anlagen mit einer Nennleistung unter zehn Kilowatt soll dabei der Marktwert eins zu eins an die Betreiber:innen weitergegeben werden. Anlagenbesitzer:innen müssen dann nichts weiter tun und die Sonne verrichtet einfach weiter ihre Arbeit.

Zusätzlich soll die Direktvermarktung für kleine Anlagen vereinfacht werden – zum Beispiel durch vollständige Digitalisierung der Kommunikation zwischen den Akteuren – sodass die aktive Marktteilnahme für Prosumer:innen möglich wird. Wird dabei der Einbau eines neuen Zählers notwendig, soll es dafür bei Anlagen bis zehn Kilowatt einen Zuschuss geben.

Mit dem freiwilligen Einbau smarter Steuerungstechnik können Anlagen beispielsweise für virtuelle Kraftwerke oder Energy Sharing vorbereitet werden. Gerade für die Vorreiter:innen der Solarenergie kann es durchaus spannend sein, damit die nächste Stufe der Energiewende voranzutreiben.

Keine "Sonnensteuer" für Anlagen bis 30 Kilowatt

Für viele kleine Anlagen wird anstelle der Einspeisung eine Umrüstung auf Eigenverbrauch die attraktivste Option sein, zumal die Nutzung des eigenen Stroms auch für neue Anlagen weiterhin ein wichtiges Kaufargument ist. Die EEG-Umlage auf den selbst verbrauchten Strom – die "Sonnensteuer" – soll daher nach Ansicht der Grünen und wie von der EU-Erneuerbaren-Richtlinie vorgeschrieben für alle Anlagen bis 30 Kilowatt gestrichen werden.

Julia Verlinden

ist Bundes­tags­abgeordnete der Grünen und Sprecherin für Energie­politik der Fraktion. Die studierte Umwelt­wissen­schaftlerin aus Lüneburg ist auch ökologische Netz­werkerin und Radfahrerin.

Für Wirbel sorgte zuletzt ein Foliensatz aus der Bundesnetzagentur, der den objektiven Handlungsbedarf bei Post-EEG-Anlagen als Anlass nimmt, um einen Aufschlag zur grundsätzlichen Reform beim Eigenverbrauch zu geben.

Wichtig ist festzuhalten, dass ein solch fundamentaler Richtungswechsel bei der Finanzierung von Erneuerbaren-Anlagen nicht ansteht und es sich lediglich um einen Debattenbeitrag über ein Energiemarktdesign für 100 Prozent erneuerbare Energien handelt.

Uns Grünen ist wichtig, dass es weiterhin attraktiv bleibt, Solarstrom für den Eigenverbrauch zu produzieren oder ganz simpel ins Netz einzuspeisen – ohne weiteren Aufwand und ohne den Einbau neuer Zähler. Denn wir wollen Solaranlagen auf jedem Dach!

Auch kleines Repowering für Windkraft ermöglichen

Für die Windenergie gilt: Je kleiner die Anlage, desto schwieriger wird in der Post-EEG-Zeit ein wirtschaftlicher Betrieb unter den derzeitigen Rahmenbedingungen sein. Besonders wenn Reparaturen anfallen, bricht die Wirtschaftlichkeit weg.

Rund die Hälfte der Windräder, deren Vergütung in den nächsten Jahren endet, hat eine Leistung von bis zu einem Megawatt. Idealerweise sollten solche Anlagen durch größere und leistungsfähigere ersetzt, also repowert werden.

Alternativ sollte zumindest ein "kleines Repowering" erfolgen, also der Ersatz mit einer modernen, aber ähnlich dimensionierten Anlage. Hierfür müssen die Grundlagen in Form einer Änderungsgenehmigung im Bundesimmissionsschutzgesetz geschaffen werden. So repowerte Anlagen müssen außerdem einen Preisaufschlag in den Ausschreibungen erhalten.

Im Unterschied zu Solar- und Windenergie müssen bei der Bioenergie auch nach der EEG-Zeit Kosten für Vergärungs- und Verbrennungsmaterial gedeckt werden. Eine Anschlussfinanzierung für bestehende Biogasanlagen muss diese Kosten berücksichtigen.

Dazu wollen wir die Flexibilitätsprämie für Bestandsanlagen fortführen – und nicht lediglich das Ende der Prämie etwas hinauszögern, wie dies die Koalition mit ihrem Corona-Maßnahmenpaket zuletzt tat. Wir wollen zudem die Aufrüstung bestehender Biogasanlagen unterstützen mit Technik, um Biomethan zu erzeugen.

Das EEG ist eine Erfolgsgeschichte. Es liegt in der Hand der Bundesregierung, diese fortzuschreiben und mit den richtigen Anschlussregelungen den Weiterbetrieb der ersten EEG-Anlagen zu sichern. Dafür muss sie jetzt umgehend handeln. Wir brauchen die alten und viele neue Erneuerbaren-Anlagen, um wirksamen Klimaschutz zu erreichen und die Energiewende zu schaffen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier