"Zahlen, um die eigene Solaranlage zu nutzen?"

Tausende kleinerer Photovoltaik-Anlagen fallen ab 2021 aus der EEG-Förderung. Das Problem muss rasch angepackt werden, sagt Urban Windelen vom Bundesverband Energiespeicher. Er fordert, den Prosumer als zentralen Akteur im Energiesystem zu verankern und ihn nicht für die Nutzung der eigenen Anlage zur Kasse zu bitten.


Solaranlage
Haus, Auto, Solaranlage, Speicher: Ist das die Energiewende? (Foto: Susanne Götze)

Klimareporter°: Herr Windelen, im Februar veröffentlichte die Bundesnetzagentur einen Vorschlag, wie künftig mit Solaranlagen, sogenannten Prosumer-Anlagen, umgegangen werden kann, sofern für sie ab 2020 nach und nach die EEG-Förderung endet oder wenn sie neu ans Netz gehen. Zwei Monate nahm kaum jemand Notiz von dem Vorschlag – jetzt schlagen die Wellen hoch. Manch Kritiker malt den Tod der deutschen Speicherindustrie an die Wand, falls das realisiert wird. Was meinen Sie?

Wir beobachten das Herumgeistern dieses Marktmodells für Prosumer-Anlagen seit einiger Zeit. Und die Wellen, die es schlägt, werden höher, je mehr betroffene Kreise sich das genauer ansehen.

Interessant ist dabei zunächst, dass die Bundesnetzagentur Urheber dieses Marktmodells ist und es landauf und landab promotet. Die Bundesnetzagentur ist jedoch Regulierungs- und Marktaufsichtsbehörde, kein Thinktank und keine Lobbyorganisation für einzelne Energiemarktakteure. Eigentlich sollte hier die Bundesnetzagentur einer besonderen Neutralität verpflichtet sein.

Hinter dem Vorschlag steht das reale Problem, dass Anfang 2021 schätzungsweise 18.000 kleinere Solaranlagen aus dem EEG fallen. Sie bekommen keine Einspeisevergütung mehr und es gibt auch keine Abnahmepflicht mehr für ihren Solarstrom. Die Frage ist doch: Wie können die weiterbetrieben werden?

Das ist tatsächlich ein Thema, das es rasch anzupacken gilt. Und an dem auch bereits kräftig gearbeitet wird. Eine zentrale Stellschraube wird auch hier die Umsetzung der Elektrizitätsbinnenmarkts-Richtlinie der EU in deutsches Recht sein. Die Richtlinie fordert, den Prosumer als zentralen Akteur des Energiesystems zu verankern und ihm die entsprechende Teilhabe an allen Märkten zu eröffnen.

Die diskriminierungsfreie Eigenversorgung spielt dabei eine besondere Rolle. Das Modell der Bundesnetzagentur will dagegen die private Photovoltaik-Anlage einseitig zugunsten des Netzbetreibers in die Pflicht nehmen. Das verstößt deutlich gegen die Vorgaben der EU.

In Deutschland ist besonders um die Mittagszeit viel – und erfreulicherweise immer mehr – Solarstrom verfügbar, gerade auch aus Millionen kleinerer Dachanlagen. Deren schwankende Erzeugung ins Netz zu integrieren und dieses stabil zu halten, darum geht es nach meinem Eindruck beim Vorschlag der Bundesnetzagentur. Dafür ist sie ja zuständig, und das liegt auch im Interesse aller, die Strom erzeugen und verbrauchen.

Für dieses "Problem" bietet aber doch der Vorschlag der Bundesnetzagentur gerade keine Lösung und vernachlässigt ein bedeutendes Element, um die natürlichen Mittagsspitzen bei der Erzeugung herauszunehmen. Das ist der Eigenverbrauch, gerade auch in Kombination mit einem Speicher.

Eine Vielzahl von Studien hat die Netzdienlichkeit derartiger Anlagen eindeutig bestätigt. Bei der Bundesnetzagentur scheint es einzig um den Zugriff auf die Photovoltaik-Anlage zu gehen. Das passt auch zu dem Satz, den man dabei immer wieder hört, dass die Anlagenbetreiber doch genug Geld verdient hätten und jetzt eben zurückzahlen müssten.

Porträtaufnahme von Urban Windelen.
Foto: BVES

Urban Windelen

ist seit 2015 Geschäfts­führer des Bundes­verbandes Energie­speicher (BVES). Der Rechts­anwalt war zuvor bei Organisationen und Unternehmen wie dem Recycling­verband BDE, dem Energie­konzern Shell und dem CDU-Wirtschaftsrat tätig. Hinzu kommt eine langjährige Beratungs­tätigkeit zu Energie- und Umweltfragen.

Ist der Vorwurf nicht sehr übertrieben?

Nun – wenn Sie ihre eigene Photovoltaik-Anlage auf Ihrem eigenen Hausdach nicht mehr selbstbestimmt nutzen dürfen, sondern eine pauschale Nutzungsgebühr an den Netzbetreiber abführen müssen, dann ist das kein freundlicher Akt.

In einer Modellrechnung der Bundesnetzagentur summiert sich die Nutzungsgebühr bei einer Zehn-Kilowatt-Solarstromanlage auf fast 150 Euro pro Monat. Das kann nur ein Scherz sein. So würgt man gerade die Bürgerenergiewende radikal ab.

Zur argumentativen Stütze kommen dann auch noch so tendenziöse Bemerkungen, dass Photovoltaikanlagen den CO2-Ausstoß letztlich erhöhen würden.

Das sagt aber auch der Thinktank Agora Energiewende – wegen des Phänomens der sogenannten Doppelversorgung. Hintergrund ist dabei, dass der Solarstrom, der von den kleineren Anlagen selbst verbraucht wird, nur fehlerhaft bilanziert werden könne. Das Netz weiß, vereinfacht gesagt, nicht so genau, wie viel Strom vom Dach am Ende wirklich im Netz landet. Um das auszugleichen und die Netzfrequenz stabil bei 50 Hertz zu halten, müssen zusätzlich Regelkraftwerke laufen, die bei Bedarf hoch- oder heruntergefahren werden – und das sind eben meist fossil betriebene Anlagen.

Agora Energiewende spricht von einer theoretischen Doppelversorgung. Real im Energiesystem ist das auch gar nicht möglich. Und wenn dem tatsächlich so wäre, dann wird es doch hohe Zeit, das Bilanzsystem und die Ausgleichsmaßnahmen zu flexibilisieren – also das System endlich passend zu machen für die Energiewende und nicht umgekehrt. Wir wehren uns jedenfalls gegen einseitige und unhaltbare Schuldzuweisungen.

Erneuerbare sind fluktuierend – keine besonders neue Erkenntnis. Helfen würden Energiespeicher, Digitalisierung und Umstellung des Systems auf die Dezentralisierung. Die EU hat das erkannt und setzt genau hier die richtigen Schwerpunkte.

Ein anerkannter Solarpionier wie Johannes Lackmann weist schon seit Jahren darauf hin, dass auch Solarstromerzeuger, die einen hohen Eigenverbrauch oder gar Autarkie anstreben, die Netzkosten nicht aus Blick verlieren dürfen – Zitat: "Dass man sich von Netzentgelten und EEG-Umlage befreit, dann aber sagt, die Kosten der Netzinfrastruktur interessieren mich nicht, das darf nicht passieren."

Anders gesagt: Wenn sich immer mehr Prosumer weitgehend aus dem Netz verabschieden, müssen die Haushalte, die sich das nicht leisten können und wollen, höhere Netzkosten tragen. Droht hier nicht eine neue Debatte um "unsolidarische" Solarstromer?

Diese Debatte um die sogenannte Entsolidarisierung wird immer wieder mal aufgebracht. Doch bleibt es stets bei diesem dünnen Schlagwort, wenn den Gegnern der Eigenversorgung und der Bürgerenergiewende die Argumente ausgehen.

Die Realität ist doch umgekehrt: Photovoltaik-Anlagen mit Speicher sind netzdienlich und systemdienlich. Auch Agora Energiewende hat das in Studien deutlich herausgearbeitet.

Grundlegende Anschlussbedingung für einen Hausspeicher ist die Netzdienlichkeit. Mit der zunehmenden Elektromobilität wird sich der Effekt sogar verstärken, da zusätzlich der Ladevorgang über die Photovoltaik-Anlage und den Speicher abgepuffert werden kann. Von den eingesparten Kosten für den Netzausbau gar nicht erst zu reden.

Die Betreiber kleinerer Solaranlagen, die Anfang 2021 aus dem EEG fallen, sehen sich dabei einem besonderen Problem gegenüber: Weil ihre Einspeisevergütung mit 50 Cent pro Kilowattstunde bislang recht hoch war, gab es keinen Anreiz, den erzeugten Strom selbst zu verbrauchen, und so legten sie sich auch keinen Stromspeicher zu ...

Richtig – die derzeit installierten Hausspeicher stehen weit überwiegend im Neubaubereich. Ein Retrofit mit Speichern in den Bestand von Photovoltaik-Anlagen findet bisher noch wenig statt.

Mit dem Auslaufen der festen Einspeisevergütung steigt aber das Interesse an der Eigenversorgung und der unmittelbaren Beteiligung an der Energiewende. Durch Einsatz eines Speichers können natürlich künftig genau diese Photovoltaik-Anlagen ertüchtigt werden und sich dann auch netzdienlich aufstellen.

Diese Anlagen sind doch zwanzig und mehr Jahre alt. Funktionieren die denn noch lange genug, um den Einbau eines Stromspeichers zu refinanzieren? Das ist doch zweifelhaft. Oder schwebt Ihnen vor, die Nachrüstung alter Anlagen bezuschussen zu lassen?

Nach unseren Erfahrungen sind sehr viele der älteren Photovoltaik-Anlagen von hoher Qualität und noch lange nutzbar. In den letzten Jahren sind gleichzeitig die Preise für Hausspeicher deutlich gesunken. Damit kann sich eine Nachrüstung natürlich lohnen, insbesondere wenn man die Nutzungstiefe erhöht, indem man in die Sektorenkopplung einsteigt. Viele Speicher werden heute sofort zusammen mit einer Wärmepumpe verbaut oder dienen zusätzlich als Ladeinfrastruktur für die E-Mobilität. Das ist preislich sehr attraktiv.

Auf das Geschäft fahren derzeit jede Menge Anbieter ab, bieten Rundum- und Komplettpakete von Dach bis zur Wallbox samt E-Auto zum Testen. Aber wie viele von den 60.000 Haushalten, die sich derzeit jährlich einen Stromspeicher zulegen, können sich das ganze Equipment leisten? Das ist doch ein sehr enger Markt.

Das Geschäft mit Energiespeichersystemen ist ein noch recht kleiner, aber deutlich wachsender innovativer Zukunftsmarkt. Gerade im Gebäude oder im Haushaltsbereich bietet sich für derartige Systeme eine Vielzahl von Nutzungen. Und wenn ich eine Anlage nicht nur für einen Zweck nutze, sondern verschiedene Anwendungen vereinen kann, drückt das die Kosten und erhöht die Wirtschaftlichkeit.

Zudem setze ich für mein eigenes Haus die Energiewende konsequent um. Das ist immer noch mit die höchste Motivation für ein Photovoltaik-Energiespeichersystem.

Das Thema wird auch deutlich gestärkt aus der Coronakrise hervorgehen. Eine Krise wirkt wie ein Inkubator für Innovation. Und die Themen Resilienz, Versorgungssicherheit, nachhaltige Wertschöpfungsketten und lokale Versorgung können gerade über innovative Speichersysteme abgebildet werden.

Aus Sicht des Klimaschutzes benötigen wir nicht nur solarautarke Eigenheime, sondern auch möglichst viel erneuerbare Einspeisung ins Netz, quasi einen solaren Rollout gerade in den Metropolen. "Macht die Dächer voll", fordern deswegen Experten wie Volker Quaschning von der HTW Berlin.

Dieser Forderung schließen wir uns voll an. Die Energiewende muss in die Ballungsräume kommen und darf im Gebäudebereich nicht auf Dämmen und Dichten verkürzt werden. Klimapolitisch gibt es doch wenig Besseres als die lokale und vor allem direkte Nutzung des erneuerbaren Stroms.

Über die Sektorenkopplung können dann auch weitere Bereiche wie Wärme und Mobilität flexibel und effizient defossiliert werden. Ohne Speicher bekommen wir jedoch diese Sonnenenergie nicht in die Nacht.

Wenn die Energiewende gelingen soll, heißt es also, dass wir neben dem Ausbau der Erneuerbaren schnell und auf allen Ebenen in Speicher einsteigen sollten. Marktmodelle, die dagegen einseitig der klassischen Energiewelt ihre Position sichern sollen, passen hier einfach nicht rein.

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