"Die Streiks sind nötig"

Die "Fridays for Future"-Bewegung meldet sich zurück – mit dem siebten internationalen Streiktag am heutigen Freitag. Aktivistin Carla Reemtsma sagt: Die Politik verschleppt den Klimaschutz. Gerade vor der Bundestagswahl müsse der Protest durchdringen, weil bisher keine Partei konsequenten Klimaschutz im Programm hat.


Ein Plakat mit
Die Parteien sollen sich klimapolitisch mehr einfallen lassen als nur Elektroautos und Erdgas. (Foto: Friederike Meier)

Klimareporter°: Frau Reemtsma, am heutigen Freitag findet der siebte internationale Klimastreik statt. Hat das Format in Corona-Zeiten überhaupt Sinn?

Carla Reemtsma: Natürlich. Die CO2-Emissionen liegen jetzt schon wieder höher als vor der Pandemie. Nötige klimapolitische Maßnahmen werden verschleppt.

Es wurde ein Kohlegesetz verabschiedet, dass den Ausstieg bis 2038 verzögert, die Konjunkturpakete lassen 27 Milliarden Euro in fossile Technologien fließen, und der Ausbau der erneuerbaren Energien dümpelt vor sich hin. Wir fordern stattdessen eine klimagerechte Krisenbewältigung.

Die letzten Streiks waren wegen der Corona-Einschränkungen ziemliche Flops, zumindest verglichen mit dem Jahr 2019, als Fridays for Future die politische Debatte beherrschte. Wo steht Ihre Bewegung heute?

Das waren keine Flops, wir haben bewusst weniger Menschen mobilisiert. Wie bei der Klimakrise gilt auch hier "Unite Behind the Science", also Abstandsregeln, Infektionsschutz, weniger Menschen. Das bedeutet aber nicht, dass der gesellschaftliche Rückhalt verschwunden ist. Er findet in anderen Formen Ausdruck, etwa in Online-Aktionen.

Aber die politische Wucht ist nicht mehr da.

Die Corona-Themen bestimmen derzeit die Politik und unseren Alltag. Trotzdem ist Klima auch nach einem Jahr Pandemie gesellschaftlich eine zentrale Herausforderung. Das hat man gerade bei den Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gesehen. In den Nachwahl-Umfragen war Klima ganz vorne bei den wichtigen Themen dabei.

Muss sich die Fridays-Bewegung nicht sowieso neu erfinden? Die Dauerstreiks am Freitag hätten sich ohnehin irgendwann totgelaufen.

Wir haben uns ja längst weiterentwickelt, schon vor Corona. Unsere Aktionen sind vielfältiger geworden, wir arbeiten eng mit Wissenschaftlern und Gewerkschaften zusammen, um klimagerechte Transformation überall sichtbar zu machen

Sie haben keine Sorge, dass sich in Corona-Zeiten Resignation breit macht?

Es ist für alle hart. Homeschooling, Online-Studium, weggebrochene Nebenjobs, alles nervt. Aber bei FFF aktiv sein zu können gibt ja auch eine Perspektive: Man muss nicht nur tatenlos zuschauen, man kann etwas tun.

Immerhin hat Deutschland sein Klimaziel für 2020 nun doch geschafft: 40 Prozent weniger CO2-Ausstoß als 1990. Selbst ohne die Folgen der Corona-Lockdowns hätte es fast dafür gereicht. Die Klimapolitik ist vielleicht doch nicht so schlecht, wie Sie behaupten?

Die Bundesregierung feiert sich für etwas, bei dem es nichts zu feiern gibt. Wahr ist: Dank Corona hat sie ein Klimaziel erreicht, das zu schwach ist, um die Vorgaben des Pariser Klimavertrags zu erfüllen, den sie selbst unterschrieben hat.

Aber Sie müssen doch einräumen: Der beginnende Kohleausstieg und die höheren CO2-Preise im EU-Emissionshandel wirken.

Porträtaufnahme von Carla Reemtsma.
Foto: Markus Hurek

Carla Reemtsma

hat die Jugend­klima­bewegung "Fridays for Future" (FFF) in Deutschland mitgegründet. Die 22-Jährige ist in Berlin aufgewachsen und studiert Politik und Wirtschaft, nach Münster nun in Berlin. Sie ist Jugend­botschafterin für die inter­nationale Organisation ONE, die sich gegen extreme Armut in Afrika einsetzt.

Der Emissionshandel ist ein EU-Projekt, dafür kann die Bundesregierung sich nicht feiern. Und die Abschaltung von Kohlekraftwerken hat die Emissionen zwar etwas reduziert, doch der beschlossene Ausstiegspfad bis 2038 verhindert, dass Deutschland seiner Verantwortung gerecht wird.

Was sind die Themen, die Sie im Bundestagswahljahr nach vorne bringen wollen?

Wir brauchen parteiübergreifende Mehrheiten für eine Politik, die das 1,5-Grad-Limit zum Maßstab nimmt und uns in eine klimagerechte, krisenfeste Zukunft führen. Dazu gehören vor allem eine echte Verkehrswende statt nur der Förderung von E-Antrieben sowie ein massiver Ausbau der Ökoenergien statt des Umstiegs in die angebliche Brückentechnologie Erdgas.

Sprechen Sie sich für bestimmte Parteien aus? Die Grünen zum Beispiel?

Nein.

Sind welche unwählbar?

Grundsätzlich unwählbar sind Parteien wie die AfD, die außerhalb des demokratischen Spektrums stehen, menschenverachtende Ideologien verbreiten und den Klimawandel leugnen.

Wir fordern von allen Parteien, dass sie den Paris-Vertrag ernst nehmen. Den hat der Bundestag schließlich mit breiter Mehrheit ratifiziert. Und um die notwendigen Maßnahmen umzusetzen, brauchen wir parteiübergreifende Mehrheiten.

Die SPD hat gerade die Gespräche mit der Union über die Ökostrom-Förderung gestoppt. Sie fordert Aufklärung über mögliche Lobbyverstrickungen der beteiligten CDU- und CSU-Abgeordneten. Ein richtiger Schritt?

Das aufzuklären ist nun wirklich überfällig. Die Nichtregierungsorganisation Lobbycontrol hat gerade auf die Verbindungen der Industrie zum einflussreichen CDU-Wirtschaftsrat hingewiesen, der Klimaschutz verhindert.

Aber selbst die Grünen unterschreiben nicht alle Ihre Forderungen, zum Beispiel einen Umstieg auf 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2035 ...

Unsere Forderungen stehen, sie sind aus der Klimaforschung abgeleitet und zeigen auf, was nötig wäre, damit Deutschland einen gerechten Beitrag zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze leistet.

Trotzdem: Welche Koalition wäre die beste?

Wir lassen uns nicht auf Farbspiele ein. Stand heute hat keine einzige Partei ein 1,5-Grad-konformes Wahlprogramm, sodass jede Grundlage für einen an Paris orientierten Koalitionsvertrag fehlt. Deswegen protestieren wir ja auch im Wahljahr besonders.

Die Klimalisten von FFF-Aktivisten, die bei den jüngsten Landtagswahlen antraten, hatten nur geringe Resonanz. Waren sie ein Fehler? Zumal sie im Zweifel den Grünen Stimmen wegnehmen.

Das behaupten die Grünen, ist aber nicht ausgemacht. Die Grünen lenken damit eher davon ab, dass auch sie den Wählern kein Angebot machen, das dem 1,5-Grad-Ziel entspricht.

Sollte eine Klimaliste auch zur Bundestagswahl antreten?

Es ist noch unklar, ob es eine Klimaliste geben wird. Grundsätzlich bin ich der Überzeugung, dass es parteiübergreifend konsequente Klimapolitik braucht und diese Aufgabe nicht auf eine einzelne Liste ausgelagert werden kann.

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