Die Klimakrise ist keine virtuelle

Die globale Corona-Pandemie rückt die zentrale Zukunftsfrage der Menschheit, die Klimakrise, in den Hintergrund. Doch gerade jetzt muss die Politik Weitblick beweisen und die Weichen richtig stellen.


Hurrikan Harvey
Abwarten, bis die Katastrophe vor der eigenen Tür steht? Hurrikan "Harvey" 2017 in Texas. (Foto: Malcolm McClendon/​DoD)

Der heute beginnende Petersberger Klimadialog findet in diesem Jahr virtuell statt. Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel wird auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres auf der von den Regierungen Deutschlands und Großbritanniens veranstalteten zweitägigen Konferenz sprechen.

Ein weiterer Online-Gipfel von vielen, die derzeit organisiert werden, könnte man meinen. Doch gerade jetzt ist ein entscheidender Moment, um die dringend notwendige politische Aufmerksamkeit für die Klimakrise herzustellen und sie als Teil einer umfassenden Antwort auf die Coronakrise zu verstehen.

Was uns allen klar sein muss: Wenn die Weltgemeinschaft jetzt nichts weiter tut, als den minimalen Verpflichtungen nachzukommen, zu denen sie sich in vielen Klimaverhandlungen durchgerungen hat, werden die Temperaturen in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich um drei oder mehr Grad Celsius über das vorindustrielle Niveau steigen.

Über die verheerenden Auswirkungen, die dieses Versäumnis hätte, haben wir schon viel gehört. Bis 2030 brauchen wir mindestens eine Halbierung der globalen Treibhausgasemissionen. Der Weg dahin ist klar und gangbar: eine rasche Abkehr von fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren Energien, Schutz und Wiederherstellung von Ökosystemen, eine nachhaltige Landwirtschaft und vieles mehr.

Für die Europäische Union heißt das, gerade jetzt die Pläne für ihren "Green Deal" schnell in Gang zu setzen. Noch in diesem Jahr sollte sie beschließen, die Emissionen bis 2030 um 65 Prozent gegenüber 1990 zu senken – und damit deutlich stärker als bisher geplant – sowie die notwendige Transformation zu beschleunigen.

Die deutsche Bundesregierung darf hier nicht auf der Bremse stehen, sondern sollte angesichts der Chancen des Green Deal die Umsetzung vorantreiben.

Lasten und Chancen gerecht verteilen

Gleichzeitig sind viele Länder und Gemeinden im globalen Süden – und zum Teil auch in Deutschland – nicht auf die negativen Auswirkungen der Klimakrise vorbereitet. Ohne eine Anpassung der Landwirtschaft könnte der Klimawandel bis 2050 das erwartete Wachstum der globalen Agrarerträge um bis zu 30 Prozent drücken.

Am stärksten werden die weltweit 500 Millionen Kleinfarmen und die Bäuerinnen dort betroffen sein. Ja: Bäuerinnen. Allgemein tragen Frauen und Mädchen die Hauptlast der Klimaauswirkungen, sei es durch sich verschlimmernde Dürren, Überschwemmungen oder Stürme. Sie essen als letzte und versorgen Kinder und Alte, ohne selbst versorgt zu sein. Ihre Bedürfnisse müssen bei allen Klimaschutzmaßnahmen im Mittelpunkt stehen.

Sven Harmeling
Foto: Care

Sven Harmeling

Der Geograf, Umwelt­ökonom und Politik­wissen­schaftler Sven Harmeling leitet den Bereich Klima­politik bei der Entwicklungs­organisation Care International. Seit vielen Jahren begleitet er für Nicht­regierungs­organisationen die UN-Klima­verhandlungen.

Ist all das miteinander unvereinbar und aussichtslos? Im Gegenteil. Laut dem letztjährigen Bericht der Globalen Anpassungskommission, einem hochrangigen Expertengremium, könnten Investitionen von 1,8 Billionen US-Dollar weltweit in fünf Bereichen in diesem Jahrzehnt einen wirtschaftlichen und sozialen Gesamtnutzen von 7,1 Billionen US-Dollar generieren.

Dazu gehören Frühwarnsysteme, eine klimaresistente Infrastruktur, verbesserte Trockenlandwirtschaft, der Mangrovenschutz sowie Investitionen in eine widerstandsfähige Wasserversorgung. Klimaschutz lohnt sich also auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten.

In einigen Städten sehen Kinder zum ersten Mal den Sternenhimmel, weil wegen der Coronakrise der industrielle Smog wegfällt. Rund um Gebiete, in denen früher viel Verkehr herrschte, tauchen nun Wildtiere auf, weil es ruhig und sicher ist.

Die drastischen Einschränkungen von Produktion und Handels haben dramatische Folgen für die Weltwirtschaft, keine Frage. Aber sie sind auch eine Weggabelung, die uns die Richtung in eine grüne Transformation unserer Wirtschaftssysteme weist, in eine gerechte Lasten- und Chancenverteilung zwischen Männern und Frauen und eine gesündere Zukunft für alle.

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