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Für "Paris" reicht es nicht

Die Klimaziele der meisten Länder reichen nach wie vor nicht aus, um das Paris-Abkommen einzuhalten, zeigt eine neue Bestandsaufnahme. Wenn alle Staaten ihre bisherigen Zusagen vollständig erfüllen, wird das den Treibhausgas-Ausstoß lediglich stagnieren lassen. Er muss aber bis 2030 halbiert werden.


Hier ist das Kohlekraftwerk Waukegan in Illinois, USA, zu sehen
Kraftwerk Waukegan bei Chicago: Mehr als 2.400 Kohlekraftwerke gibt es weltweit noch. (Foto: Cheepshot/Flickr)

Es ist schon einigermaßen verrückt. Mit dem Pariser Klimaabkommen haben fast alle Länder der Welt verbindlich vereinbart, die Erderhitzung auf deutlich unter zwei und möglichst sogar nur 1,5 Grad zu begrenzen. Doch die Treibhausgas-Einsparungen, die sie in freiwilligen Selbstverpflichtungen dafür zusagten, reichten von Anfang an nicht.

Vereinbart wurde deshalb vor vier Jahren in Paris auch, dass die Länder ihre Ziele nachschärfen, um das gemeinsam beschlossene Temperaturlimit doch einzuhalten. Geschehen ist seitdem – fast nichts.

In einer neuen, detaillierten Bestandsaufnahme rechnet ein Team von Klimawissenschaftlern um Robert Watson vor, wie wenig die internationale Staatengemeinschaft das "Ticken der Uhr" bislang zu hören scheint. Der frühere IPCC-Chef Watson ist heute Vorsitzender des Weltbiodiversitätsrats IPBES.

Nicht ernst genommen

"Eine ökologische und ökonomische Katastrophe durch den menschengemachten Klimawandel zeichnet sich ab", schreiben die Forscher. Doch als Aufruf zum Handeln wird dies von den Ländern – ganz offensichtlich – bislang nicht ernst genommen.

11.000 Wissenschaftler rufen Klimanotstand aus

Die brisanten Ergebnisse der Studie haben 11.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, darunter fast 900 aus Deutschland, zum Anlass genommen, um den weltweiten Klimanotstand auszurufen. "Wissenschaftler haben die moralische Pflicht, die Menschheit vor drohenden Katastrophen zu warnen und die Dinge beim Namen zu nennen", schreiben sie in einer gemeinsamen Erklärung im Fachmagazin Bioscience.

 

Seit 40 Jahren würden Klimaforscher auf Konferenzen und Gipfeln vor dem Klimawandel warnen und trotzdem würden die CO2-Emissionen steigen. Es sei nun eine "immense Steigerung der Anstrengungen" nötig, um "unsägliches Leiden infolge der Klimakrise" zu vermeiden. (scz)

195 Länder unterzeichneten 2015 das Paris-Abkommen. 187 haben es inzwischen ratifiziert, 184 haben bis dato Selbstverpflichtungen eingereicht.

Von diesen 184 Ländern haben jedoch 97 Prozent an ihrem ursprünglichen – unzureichenden – Versprechen bis heute nicht das Geringste geändert.

Nur vier Länder haben ihre Ambitionen erhöht: Argentinien, Ecuador, Marokko und die Marshallinseln. Zwei Länder haben ihr Versprechen abgeschwächt: Benin und Eritrea.

Die USA, die aus dem Paris-Abkommen aussteigen wollen, listet die Studie noch nicht unter "Ziel abgeschwächt" auf, da die einstige Selbstverpflichtung der USA ja immer noch wie die anderen beim UN-Klimasekretariat liegt. Das Forscherteam schaut nur auf die offiziell eingereichten Klimaziele, die alle das kommende Jahrzehnt betreffen.

Gewaltige Lücke

Um das 1,5-Grad-Ziel des Paris-Abkommens einzuhalten, müssen die globalen Emissionen bis 2030 halbiert werden, hat der Weltklimarat IPCC vor einem Jahr in einem Sonderbericht vorgerechnet. Doch laut Studie decken die bisher abgegebenen Klimaversprechen nur die Hälfte der Emissionsreduktion ab, die dafür nötig wäre. 

Selbst wenn alle angekündigten Selbstverpflichtungen vollständig eingehalten werden, ließe sich damit allenfalls das weitere Ansteigen der globalen Emissionen verhindern, so die Forscher.

Um 20 Prozent ging der Ausstoß an Treibhausgasen im letzten Jahrzehnt nach oben. 2010 waren es 45 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent, 2017 bereits 53,5 Milliarden Tonnen. Bei Erreichen der bisherigen Klimaziele würde die Welt 2030 bei einem Ausstoß von 54 Milliarden Tonnen landen – also in etwa so viel wie derzeit.

Für das 1,5-Grad-Limit müssten die Emissionen am Ende des nächsten Jahrzehnts aber auf jährlich 27 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent gesunken sein.

Die gewaltige Lücke zeigt deutlich, wie schwach die bisherigen Klimaziele der Länder sind.

Brasilien noch im Mittelfeld

Dabei gibt es durchaus Unterschiede zwischen den 184 abgegebenen Klimaversprechen. 36 werden von der Studie als ausreichend eingestuft, das sind 19 Prozent. Dazu zählen die Ziele der EU und ihrer 28 Mitgliedsländer sowie von Island, Liechtenstein, Monaco, Norwegen, der Schweiz, der Ukraine und auch, mit kleinen Abstrichen, Moldawien – alle in Europa.

Bei zwölf Ländern (sechs Prozent) sind die Klimaziele teilweise ausreichend. Nämlich: Aserbaidschan, Australien, Brasilien, Costa Rica, Israel, Japan, Kanada, Montenegro, Neuseeland, San Marino, Südkorea und Weißrussland.

Hier sieht man bereits, dass das Ergebnis der Studie immer noch recht optimistisch ist. Denn etwa Brasilien, der weltweit siebtgrößte Emittent, erlebt unter Präsident Jair Bolsonaro derzeit ein regelrechtes Klima-Rollback. Dass das Schwellenland sein Paris-Versprechen einhalten wird, kann nicht als wahrscheinlich angesehen werden.

Die Ziele von acht Ländern (zehn Prozent) werden als teilweise unzureichend eingestuft: Albanien, die Cookinseln, Jamaika, Kasachstan, Mikronesien, die Salomonen, Serbien sowie Trinidad und Tobago.

Die Klimaziele aller übrigen Länder werden als unzureichend bewertet – das sind insgesamt 128 beziehungsweise 65 Prozent.

Alles in allem sind demnach drei Viertel aller Klimaversprechen ganz oder teilweise unzureichend.

Hoher Preis

Schlimmer noch: Mehr als zwei Drittel aller Klimaziele sind "conditional", stehen also unter Vorbehalt. Von vornherein haben diese Länder klargemacht, dass sie bestimmte Reduktionsmaßnahmen nur einleiten können, wenn sie Hilfe bekommen – finanziell, technisch oder durch Beratung und Ausbildung.

Falls diese Hilfe ausbleiben sollte, würde auch der Klimaschutz-Beitrag dieser Länder ganz oder zu großen Teilen wegfallen. Die mangelhafte Bilanz der bislang abgegebenen Versprechen würde sich so noch mehr verschlechtern.

Das Kraftwerk Datteln 4 von der Wasserseite aus gesehen.
Neue Kohlekraftwerke konterkarieren die Klimaziele – auch in Deutschland: Datteln 4 bei Recklinghausen soll im Sommer 2020 ans Netz gehen. (Foto: Markus Lutter/​Wikimedia Commons)

Der Preis wäre hoch, betonen die Forscher. Sollte es nicht gelingen, die Emissionen bis 2030 zu halbieren, werde dies mindestens zwei Milliarden US-Dollar kosten – pro Tag.

Neben diesen wirtschaftlichen Schäden – durch Stürme, Waldbrände, Dürren – müsse mit weiteren negativen Folgen gerechnet werden: für die menschliche Gesundheit, die Wasserversorgung und Ernährungssicherheit sowie für die Artenvielfalt.

Zwei besonders effiziente Maßnahmen schlägt das Forscherteam vor, um das 1,5-Grad-Limit doch noch halten zu können. Erstens: So viele Kohlekraftwerke wie möglich abschalten. Mehr als 2.400 gibt es derzeit, 250 werden gerade neu gebaut. Und zweitens: eine massive Steigerung der Energieeffizienz.

Klimaschutz, fordern die Wissenschaftler, müsse eine gemeinsame Aufgabe aller sein: der Regierungen, der Wirtschaft und der einzelnen Bürger.

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