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Intakte Ökosysteme nutzen auch den Menschen

Das Wohl der Menschen hängt von der Natur und ihren Leistungen ab. Doch die weltweiten Ökosysteme sind aufgrund zahlreicher Eingriffe immer weniger leistungsfähig. Klimaschutz und nachhaltiges Wirtschaften könnten die Bedrohung um ein Vielfaches mindern. Millionen Menschen würden davon profitieren, zeigt eine Studie.


Ein Boot vor einem Mangrovenwald auf den Andamanen am Rand des Indischen Ozeans.
Kinderstube für viele Tierarten, unterschätzter CO2-Speicher und effektiver Küstenschutz: Der Wert von Mangroven kann kaum zu hoch eingeschätzt werden. (Foto: Bishnu Sarangi/​Pixabay)

Moore sind ausgesprochene Leistungsträger: Sie regulieren das Mikroklima einer Region, den Wasserkreislauf und den Wasserstand. In Mooren ist die biologische Vielfalt besonders hoch. Darüber hinaus speichern sie sehr große Mengen Treibhausgase.

Weil der Mensch diesen "Leistungen" aber keinen Wert beimaß, wurden Moore weltweit trockengelegt und einer Nutzung zugeführt, die sich in bares Geld niederschlägt. Während sie in abgelegenen und dünn besiedelten Regionen wie Kanada, Alaska oder Sibirien noch weitgehend intakt sind, wird der Großteil der ehemaligen Moore hierzulande heute wirtschaftlich genutzt – als Weiden und Wiesen, Äcker oder Forste. Ihre ursprünglichen Leistungen erfüllen die Moorböden in Deutschland kaum noch.

Überall auf der Welt leistet die Natur entscheidende Beiträge für das Überleben der Menschheit. Wenn beispielsweise Wildbienen das Gemüse eines Bauern befruchten, tun sie das zwar für ihr eigenes Überleben, dennoch bringen die Bestäuber dem Bauern einen Nutzen – für den er nichts bezahlen muss. Der Bauern bekommt die Bestäubung seines Gemüses quasi geschenkt.

Ein anderes Beispiel sind Mangroven, die den Bewohnern küstennaher Gebiete Schutz vor Stürmen und Küstenerosion bieten – und das vollkommen gratis.

Allerdings kann die Natur ihre unentgeltlichen Gaben – die sogenannten Ökosystemdienstleistungen – immer weniger bereitstellen. Die stetigen Eingriffe von Menschen in den Naturhaushalt beeinträchtigen die Ökosysteme und bedrohen zunehmend die Artenvielfalt – und damit letztlich auch das Leben von Milliarden Menschen. Dabei stehen die Ökosysteme auch noch unter wachsendem Druck durch den Klimawandel.

Großer Teil der Menschheit potenziell betroffen

Eine Studie des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (Idiv) und der Universität Halle-Wittenberg zeigt jetzt, wie stark das Wohl der Menschheit durch den Rückgang der Ökosystemdienstleistungen in Gefahr ist. Bis zur Mitte des Jahrhunderts können bis zu fünf Milliarden Menschen durch Wasserverschmutzung, Küstenstürme und unbestäubte Pflanzen bedroht sein, warnen die Autoren der Untersuchung, die heute im Fachmagazin Science veröffentlicht wurde.

Für die Studie haben die Wissenschaftler für drei ausgewählte Ökosystemdienstleistungen – die Verbesserung der Wasserqualität, den Küstenschutz sowie das Bestäuben von Pflanzen – Satellitendaten in eine globale Übersicht eingebettet. Hinzu kommen Prognosen, wie sich die Ökosystemdienstleistung unter verschiedenen Szenarien entwickelt. Dabei zeigen die Forscher erstmals, wie stark der Mensch von diesen Ökosystemdienstleistungen abhängt. Die Daten haben sie in einer interaktiven Karte aufbereitet.

Deutlich wird, dass die Probleme weltweit ungleich verteilt sind. Besonders dort, wo die Menschen direkt auf die Leistungen der Natur angewiesen sind, kann diese die Bedürfnisse der Menschen immer weniger erfüllen. "Wir haben herausgefunden, dass Ökosysteme genau dort schwächer werden, wo die Menschen besonders von der Natur abhängig sind", sagt der Ökologe Henrique Miguel Pereira von der Universität Halle.

Vor allem die Menschen im globalen Süden bekommen die Auswirkungen der rückläufigen Natur-Gaben zu spüren. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Afrika und Südasien erleben schon heute die Folgen, wenn die Natur ihre Leistungen nicht mehr erbringen kann. Sie leiden unter verschmutztem Trinkwasser oder Ernteverlusten.

Weltweit könnten zur Mitte dieses Jahrhunderts bis zu 4,5 Milliarden Menschen mit einer stärkeren Wasserverschmutzung konfrontiert sein, heißt es in der Studie. Fünf Milliarden könnten von landwirtschaftlichen Verlusten aufgrund unzureichender Bestäubung betroffen sein.

Keine Preisschilder für die Natur

Allerdings zeigen die Forscher auch, dass die Auswirkungen weniger heftig sind, wenn der bislang ungebremste Treibhausgasausstoß zugunsten einer eher nachhaltigen Entwicklung sinkt. Dann könnte die Zahl der Betroffenen in den verschiedenen Regionen um das Drei- bis Zehnfache verringert werden.

Der Anstieg des Meeresspiegels wird wiederum die Bewohner küstennaher Regionen weltweit beeinflussen. Der Schutz durch küstennahe Ökosysteme wie Korallenriffe, Mangroven, Salzwiesen oder Seegras, die Küstenlinien vor den Auswirkungen von Stürmen, Überschwemmungen und Erosion schützen, wird dadurch geschwächt. Bis 2050 könnten weltweit mehr als 500 Millionen Menschen von Küstenstürmen betroffen sein, warnen die Studienautoren.

Mit ihrer Forschung machen die Wissenschaftler auch deutlich, dass sich Investitionen in den Naturschutz lohnen. Demnach belegen die Daten, dass sich das Ganges-Becken in Indien oder Teile Ostchinas besonders für Investitionen in die natürlichen Ökosysteme eignen, die stark zum Wohlergehen der Bevölkerung beitragen können.

Dass der Wert der Natur bislang in politischen Entscheidungsprozessen nicht ausreichend berücksichtigt wird, stört auch andere Forscher sowie Umweltschützer. Allerdings birgt eine ökonomische Betrachtung der Natur auch Risiken. Die Natur werde in das Wirtschaftssystem eingepasst, statt das Wirtschaften an den planetaren Grenzen auszurichten, monieren Kriktiker der Inwertsetzung der Natur. Den Wert von Ökosystemdienstleistungen abzuschätzen ist schwierig und die Ergebnisse fallen regional unterschiedlich aus.

Den Wissenschaftlern der jetzt veröffentlichten Studie geht es auch nicht darum, konkrete Ökosystemdienstleistungen in Geld auszudrücken. Sie wollen verstehen, wie intakte Ökosysteme die regionale Bevölkerung besser unterstützen können.

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