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Das flüchtige Sein des Wasserstoffs

Russland hatte große Hoffnungen in die Produktion und den Export von Wasserstoff gesetzt. Durch den Krieg und die Sanktionen haben sich die Pläne wohl auf absehbare Zeit zerschlagen. Die russische Wasserstoffstrategie muss stark überarbeitet werden.


Großer Messestand mit einem Bus und mehreren Kleinbussen, auf dem Bus steht groß: H2.
Noch vor einem Jahr gehörten russische Wasserstoffbusse und -Lkws zu den Attraktionen auf der Nutzfahrzeugmesse Comtrans in Moskau. (Foto: Hodim/​Shutterstock)

Am 17. Februar dieses Jahres erörterten die Mitglieder einer Regierungskommission in Moskau die wichtigsten Ziele der neuen russischen Wasserstoffstrategie. Es gab viel zu besprechen.

Es ging um Pläne für den Export von 2,3 Millionen Tonnen Wasserstoff aus Russland im Jahr 2030 und 9,4 Millionen Tonnen 2050, um fünf über ganz Russland verteilte große "Wasserstoff-Cluster", um den globalen Wettbewerb mit Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas sowie mit Chile, Australien, Kanada, Norwegen und den Niederlanden, die umstrittene Lieferung von Wasserstoff durch die Nord-Stream-Pipeline nach Deutschland und per Wasserstofftanker nach Japan, die verschiedenen staatlichen Unterstützungsmechanismen für russische Wasserstoffproduzenten – um nur die wichtigsten Themen zu nennen.

Acht Monate lang war an der detaillierten Strategie gearbeitet worden, und zahlreiche Kommissionsmitglieder erwarteten, dass die Umsetzung mehr oder weniger sofort beginnen würde.

Allerdings hatte die Strategie in der vorliegenden Form nur noch sechs Tage Bestand.

Zukunft Wasserstoff

Doch werfen wir zunächst einen Blick in die Vergangenheit.

Wasserstoff gilt als ein Eckpfeiler der Energiewende und des weltweiten Kampfes gegen den globalen Klimawandel. Der Grund dafür ist einfach: Wasserstoff ist ein einzigartiger Energieträger, der mit geringen Treibhausgasemissionen und fast ohne Luftverschmutzung produziert, transportiert, gespeichert und verwendet werden kann.

Die Eignung von Wasserstoff für die Energiewende wurde schon vor hundert Jahren erkannt. Im Februar 1923 hielt der Futurist John Haldane in Cambridge einen Vortrag über zahlreiche Windkraftanlagen, die England in Zukunft mit sauberer und billiger Energie versorgen würden, einschließlich der Erzeugung und unterirdischen Speicherung von Wasserstoff und dessen Nutzung zur Energieversorgung, wenn der Wind nicht weht.

Seitdem haben weltweit Enthusiasten immer wieder versucht, diese Träume zu verwirklichen. Aber erst mit dem Pariser Klimaabkommen von 2015 wurde Wasserstoff zu einem der angesagtesten Themen in der globalen Energiewirtschaft.

So hat beispielsweise die deutsche Bundesregierung im Juni 2020 ihre nationale Wasserstoffstrategie neu aufgelegt, sofort neun Milliarden Euro für die Förderung von Wasserstoffprojekten im In- und Ausland zur Verfügung gestellt und die Absicht verkündet, Deutschland zum weltweit führenden Land im Bereich der Wasserstofftechnologien zu machen.

Heute, zwei Jahre später, verfügen schon etwa 30 Länder über nationale Wasserstoffprogramme, in denen sie ihre langfristigen Ambitionen für den sich bildenden Weltmarkt festgeschrieben haben – sowohl den Markt für Wasserstoff als mögliche künftige Ware im interkontinentalen Handel als auch den Markt für Wasserstofftechnologien.

Vom Kohlenwasserstoff- zum Wasserstoff-Exporteur

Auch Russland blieb nicht außen vor. Bis September 2021 hatten die russischen Interessenvertreter – der Staat und die wichtigsten Energie- und Industrieakteure – ihren Platz in der Wasserstoffzukunft weitgehend bestimmt, die Skeptiker vorerst überzeugt und die Erarbeitung einer umfassenden nationalen Strategie in Angriff genommen. Der Kern der russischen Wasserstoffstrategie bestand darin, den Export von Kohlenwasserstoffen durch den Export von Wasserstoff zu ersetzen.

Russland als weltweit größter Exporteur fossiler Energieressourcen sah sich der Gefahr einer sinkenden Nachfrage nach Kohle, Erdöl und Erdgas auf den wichtigsten Märkten ausgesetzt, vor allem in Europa. Da schien es eine einfache Lösung zu sein, eine fossile und schmutzige Ware durch eine saubere und klimaneutrale zu ersetzen.

Das lag durchaus in der bisherigen Logik. Seit dem Abschluss des ersten Gas-gegen-Röhren-Geschäfts zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik Deutschland 1970 war die Sowjetunion zum größten Gaslieferanten für den europäischen und den deutschen Markt geworden – mit einer enormen und zuverlässigen Infrastruktur für den Transport von Erdgas sowie einem halben Jahrhundert Geschäftsbeziehungen. Das billige und nahezu unerschöpfliche russische Gas kann in kostengünstigen Wasserstoff umgewandelt werden – den sogenannten "blauen" Wasserstoff.

Da das Potenzial für erneuerbare Energien in Russland ebenso immens wie ungenutzt ist, eröffneten sich Möglichkeiten für die groß angelegte Produktion von erneuerbarem Wasserstoff. Hergestellt wird dieser "grüne" Wasserstoff aus Wasser mithilfe von Strom aus Windkraftanlagen – genau so, wie es sich John Haldane erträumt hatte – oder aus Solarparks.

Nicht weniger als Deutschland sind auch die Länder des asiatisch-pazifischen Raums daran interessiert, Wasserstoff aus Russland über die Seehäfen im Osten des Landes zu importieren.

Probleme erschienen lösbar – bis zum Februar

Die Exportorientierung war aber auch mit zwei erheblichen Risiken verbunden.

Erstens war der russische Inlandsmarkt für "CO2-armen" Wasserstoff, der mit geringen Treibhausgasemissionen hergestellt wird und daher teuer ist, nicht besonders zukunftsträchtig. Erdgas ist in Russland billig und fast überall verfügbar.

Außerdem gibt es in Russland keine Ambitionen zur Treibhausgasminderung auf null. Zwar hatte das Land kurz vor dem letztjährigen Klimagipfel in Glasgow erklärt, bis 2060 CO2-neutral werden zu wollen. Nach wie vor soll dieses Ziel aber vor allem durch CO2-Absorption in Wäldern erreicht werden und nicht durch das Einsparen von Emissionen.

Und auch wegen der hohen Kapitalkosten war Wasserstoff auf dem russischen Markt nicht wettbewerbsfähig – weder "blauer" noch "grüner". All dies schränkte die Investoren ein und erhöhte ihre Risiken, denn wenn es in Russland keinen Absatzmarkt gibt, müssen alle Projekte zur Wasserstoffproduktion von Anfang an auf den Export ausgerichtet sein.

Zweitens sind die russischen Wasserstofftechnologien noch nicht ausgereift genug, um auf ihrer Grundlage Industrieunternehmen aufzubauen. Während beispielsweise Deutschland sein "Nationales Innovationsprogramm Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie" (NIP) bereits 2006 ins Leben gerufen hat, gab es in Russland nichts dergleichen.

Die russischen Hersteller von Anlagen und Technologien hatten es einfach nicht geschafft, ihre Entwicklungen auf den Markt zu bringen. Aus diesem Grund war für alle potenziellen exportorientierten Wasserstoffprojekte in Russland, von denen es bis zum vergangenen Februar ungefähr zehn gab, der Einsatz von Importanlagen vorgesehen.

Ungeachtet dessen hätte man mit all diesen Risiken arbeiten, langfristige Optionen sorgfältig analysieren, die besten Unterstützungsmechanismen und regulatorischen Rahmensetzungen auswählen und eine Wasserstoffstrategie an den Start bringen können. Das alles wäre machbar gewesen, doch im März 2022 war es damit vorbei.

Nach dem Beginn des Konflikts in der Ukraine, der Verhängung der internationalen Sanktionen und der Ankündigung mehrerer, für den russischen Wasserstoff wichtiger Unternehmen, sich aus dem russischen Markt zurückziehen zu wollen, wurde klar, dass die Wasserstoffstrategie radikal überarbeitet werden muss.

Russischer Wasserstoff nur noch für den Inlandsbedarf

Aller Wahrscheinlichkeit nach bedeutet das für den exportorientierten Wasserstoff das Aus. Wasserstofflieferungen aus Russland in die Länder der Europäischen Union dürften auf absehbare Zeit unrealistisch sein, denn für die EU ist Wasserstoff nicht mehr nur ein Mittel zum Erreichen der Klimaneutralität, sondern, wie Vizekommissionspräsident Frans Timmermans im Mai erklärte, auch "ein integraler Bestandteil der zukünftigen Souveränität". Da spielt es dann keine Rolle mehr, welche "Farbe" dieser Wasserstoff hat, grün oder blau: Entscheidend ist, dass er einen russischen "Pass" hat.

Umorientierung auf die Märkte im asiatisch-pazifischen Raum? Das dürfte nicht ganz einfach sein, denn Japan und Südkorea, wichtige künftige Importeure von Wasserstoff, wurden von der russischen Regierung im März auf die Liste der "unfreundlichen Staaten" gesetzt.

Die internationalen Sanktionen, Blockaden im Zahlungsverkehr und die Unterbrechung von Logistikketten haben Störungen für wichtige Investitionsprojekte im russischen Energiesektor verursacht. Einige Projekte wurden komplett gestrichen.

Die Gründe sind vielfältig: Lieferanten verweigern die Erfüllung von Lieferverträgen, Lieferungen hängen in europäischen Häfen fest, Chefingenieure kehren aus Russland nach Hause zurück, ohne die entsprechenden Anlagen betriebsfertig gemacht zu haben, Zahlungen gehen in Banken "verloren". Unter solchen Bedingungen wird die Umsetzung von Wasserstoffprojekten – wie von allen Projekten mit ausländischer Beteiligung – zum Gang durch ein Minenfeld. Doch was soll man tun, solange es noch keine ausgereiften russischen Technologien gibt?

Die Antwort auf diese Herausforderung soll nun die Konzeption einer "technologischen Souveränität" Russlands sein. Vorgesehen ist eine Konzentration auf die Entwicklung eigener Technologien durch massive Förderung von Forschung und Entwicklung, durch Importsubstitution und die Unterstützung lokaler Technologieanbieter.

Die Zeit wird zeigen, inwieweit diese Konzeption lebensfähig ist. Aber schon jetzt ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Dimensionen der russischen Wasserstoffstrategie um ein Vielfaches reduziert werden müssen, und zwar bis auf das Niveau der Inlandsnachfrage nach Wasserstoff. Geklärt werden muss dabei noch, wie diese Nachfrage stimuliert werden kann, wenn der Wasserstoff für russische Verbraucher zu teuer ist, und wie die russischen Technologien entwickelt werden sollen, wenn Massenmarkt und Nutzer fehlen.

Die Konkurrenz steht schon bereit

Was die Länder betrifft, die Russland als Konkurrenten auf dem künftigen Wasserstoffmarkt betrachtet hat, so werden auch diese ihre Strategien mit Sicherheit überdenken müssen. Aber natürlich nicht im Sinne einer Reduzierung der Ambitionen, sondern einer Erhöhung.

Deutschland hat sein Büro für Wasserstoffdiplomatie in Moskau geschlossen, aber je eines in Riad, Luanda und Abuja eröffnet und ist dabei, auch in anderen energieexportierenden Ländern solche Vertretungen einzurichten. Unternehmen aus dem Nahen Osten sind auf dem aufstrebenden Markt für erneuerbare Energien in zentralasiatischen Ländern aktiv und schließen mit ihnen schon jetzt Wasserstoffabkommen ab.

Saudi-Arabien ist bestrebt, "eine zuverlässige Quelle für alle Arten von Energie zu werden", wie der Energieminister im Oktober 2021 erklärt hat, und konkurriert mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Nordafrika darum, zum bevorzugten Partner der EU zu werden. Sowohl bei der Lieferung von Wasserstoff als auch bei der Lieferung von Technologien wird der Wettbewerb schärfer.

Das alles erinnert an ein russisches Sprichwort: "Ein guter Platz bleibt niemals leer."

Und es erinnert uns auch daran, dass im Universum sich nichts so schnell verflüchtigt wie Wasserstoff.

Der Autor ist unabhängiger Experte für erneuerbare Energien. Den Beitrag in russischer Sprache finden Sie hier.

Wie diese Artikelserie entstand

Im August 2021 begannen unabhängige Journalist:innen und Expert:innen sich in einem Projekt der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) mit der Frage zu befassen, wie Russland das Pariser Klimaabkommen einhalten und zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise finden kann. Das Land ist weltweit einer der größten Emittenten von Treibhausgasen, seine Ökonomie ist eng mit der Nutzung fossiler Brennstoffe verbunden. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine löste zudem eine scharfe Debatte aus, welche Rolle das Land in der internationalen Klima-Gemeinschaft noch einnehmen kann.

 

Grafik: Links ein Wärmekraftwerk mit rauchenden Schornsteinen und dampfenden Kühltürmen, rechts ein Nadelwald und ein großes Windrad – dazu der Schriftzug: Wie steht es um die Klimapolitik in Russland?
Illustration: Kristin Rabaschus

Klimareporter° möchte zu dieser Debatte beitragen und veröffentlicht im Rahmen des DGO-Projekts entstandene Texte in einer Beitragsserie.

 

Aufgrund der Repressalien, denen Journalist:innen und Expert:innen seitens der russischen Regierung ausgesetzt sind, werden einige Texte unter Pseudonym veröffentlicht.

 

Klimareporter° arbeitet dabei neben der DGO mit weiteren Organisationen zusammen, darunter Stiftungen wie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). Aufgrund der schwierigen Situation für demokratisch orientierte Organisationen in Russland können nicht alle Unterstützer:innen öffentlich genannt werden. Beteiligt sind auch weitere Medien wie DW Russland und das Journalistennetzwerk N-Ost.

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