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Die Straße nach Nirgendwo

Wie die Abhängigkeit von Öl und Gas die russische Außenpolitik bestimmt: Seit Kriegsbeginn verdient Russland mit dem Verkauf fossiler Brennstoffe mehr denn je. Doch es zeichnet sich bereits deutlich ab: Die Tage des Öl- und Gasimperiums sind gezählt. 


Mensch geht auf angerosteter Pipeline schnurgeradeaus über Sumpflandschaft.
Pipelines sind zu ökonomischen Risikoprojekten geworden. (Foto: Rodion Kuzajew/​Wikimedia Commons)

Ein Symbol, das wie kein anderes für diesen Krieg steht, ist die Pipeline. Egal, wie lange Tod und Zerstörung wüten, egal, wie laut die Rufe nach einem Embargo russischer fossiler Brennstoffe werden (auch von russischen und ukrainischen Klimaschützern), Öl und Gas strömen weiter. Worte wie "grotesk", "irrsinnig" oder "obszön" fallen einem dazu ein, und doch bleiben sie weit hinter den Tatsachen zurück.

Seit Kriegsbeginn sind die russischen Gewinne aus dem Verkauf fossiler Brennstoffe in der Tat nur gestiegen. Schätzungen der Internationalen Energieagentur IEA zufolge haben die russischen Öleinnahmen in diesem Jahr 50 Prozent zugelegt.

Moskau verdient im Jahr 2022 jeden Monat 20 Milliarden US-Dollar mit dem Verkauf von Rohöl und Erdölprodukten. Dank der steigenden Öl- und Gaspreise konnte Russland seit Jahresbeginn sogar 22 Milliarden Dollar zusätzlich in seinen Reservefonds legen.

Gleichzeitig fährt China gegen Preisnachlass allmählich seine Öl-Importe aus Russland hoch. Waren es im ersten Quartal dieses Jahres noch 750.000 Barrel am Tag, so wurden im Mai bereits 1,1 Millionen Barrel täglich importiert.

Andererseits zeichnet sich bereits deutlich ab: Die Tage des Öl- und Gasimperiums sind gezählt. Hätte Putin nicht sein geopolitisches Machtspiel begonnen, könnte Russland noch weitere zehn Jahre lang Exporteur Nummer eins von Gas und Öl nach Europa sein.

Jetzt allerdings ist die EU entschlossener denn je, ihrer Energie-Abhängigkeit von Russland ein Ende zu setzen. Maßnahmen, deren Umsetzung einst Jahre in Anspruch nahm, werden heute innerhalb von Wochen oder Monaten ergriffen.

Auch wenn noch nicht alle an Bord sind und zumindest kurzfristig ein Anstieg des Kohleverbrauchs zu erwarten ist, während die europäischen Länder nach einem Ersatz für russische Energieträger suchen, stehen die Zeichen in Europa auf Beschleunigung der Energiewende.

Diese wird nun ohne russisches Gas vonstattengehen. Gas wird manchmal als "Brückenenergie" bezeichnet, als eine weniger umweltschädigende Option für den Übergang von schmutziger Kohle zu sauberer Energie. Diese Brücke wurde, wie so viele andere dieser Tage, nun gesprengt.

Ein Auge für Öl und Gas

Seit seiner Zeit in der Stadtverwaltung von St. Petersburg und an der Bergbau-Universität hatte der russische Präsident Wladimir Putin immer ein besonderes Augenmerk auf die Öl- und Gasmärkte.

In seiner Dissertation mit dem Titel "Strategische Planung mit regionalen Ressourcen durch Schaffung von Marktbeziehungen" argumentierte Putin, dass der Rohstoffsektor in allen Staatsgeschäften eine bestimmende Rolle spielen sollte, um so eine stabile Grundlage für Industrie und Landwirtschaft aufzubauen und seine Rolle als Haupteinnahmequelle des Landes zu festigen. Seiner Ansicht nach war all das daran gebunden, dass die Regierung die Kontrolle über den Öl- und Gassektor fest in der Hand behielt.

Interessanterweise vertrat auch Putins enger Vertrauter Igor Setschin solche Thesen. Er ist heute Verfechter der "Spezialoperation" sowie Geschäftsführer, Präsident und Vorstandsvorsitzender von Rosneft, einem der größten Öl- und Gaskonzerne der Welt.

Laut Thane Gustafson, einem US-Experten für die Öl- und Gaspolitik Russlands und der ehemaligen Sowjetunion, verfolgt Putin die Entwicklung des Öl- und Gasmarkts im Detail: "Sobald sich auf dem europäischen Gasmarkt etwas zusammenbraut, ist Putin zur Stelle." Die gleiche Aufmerksamkeit schenke er auch den Geschäftsinteressen von Gazprom.

Diese Besessenheit mit Öl und Gas hat in den letzten 20 Jahren immer wieder die Ukraine in den Fokus von Putins (und damit Russlands) Plänen gerückt. Eine seiner ersten Amtshandlungen als Präsident war 2000 eine Ukrainereise, bei der er mit dem damaligen ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma über die Gasschulden des Landes sprach.

Das ukrainische Pipelinesystem und der Gastransport über ukrainisches Hoheitsgebiet beschäftigen Putin schon seit Langem. Es war ihm immer wichtig, die Kontrolle darüber zu erlangen. Da Politik und Wirtschaft in diesem Bereich so eng miteinander verknüpft sind, wurde jeder proeuropäische Akteur in der ukrainischen Regierung für Putin automatisch nicht nur zum ideologischen, sondern zum wirtschaftlichen Problem. Und das nahm er sehr persönlich.

In diesem Sinne ist die "Spezialoperation" nur der letzte morbide Ausdruck seines langfristig angelegten Versuchs, Russland, die Ukraine und das Weltsystem der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen in ein starres, ultrakonservatives Glaubenssystem zu pressen.

Die Strategie der Klimaunsicherheit

Diese Vision von Russland als "Energiesupermacht" und als Enklave "konservativer Werte" ließ jedoch nur wenig Spielraum, als klar wurde, dass der Klimawandel eine ernstzunehmende Herausforderung ist und die führenden Nationen der Welt (und zugleich größten Verbraucher von russischem Öl und Gas) darauf hinarbeiten, fossile Brennstoffe durch erneuerbare Energien zu ersetzen.

Bei allen Unkenrufen über "existenzielle Bedrohungen" seitens der Nato ist die wahre Bedrohung für den russischen Staat die Energiewende. Russland hat keine Exportalternativen zu Öl, Pipeline-Gas und Kohle.

Wie Gustafson in seinem neuen Buch "Klimat: Russia in the Age of Climate Change" deutlich macht, wären auch ohne den Ukraine-Krieg bis 2050 die russischen Exporteinnahmen für andere Exportgüter um mehr als 25 Prozent zurückgegangen, von rund 69 auf 50 Milliarden Dollar. Ein gewaltiger Unterschied.

Diese Aussicht beunruhigte Moskau natürlich. Das wahrhaft bittere Erwachen kam, als die EU letztes Jahr die Einführung eines CO2-Grenzausgleichssystems vorschlug.

Während der ersten Umsetzungsphase sollen die neuen CO2-Zölle nur emissionsbelastete Importe wie Zement und Stahl betreffen, doch die russischen Staatsorgane und die Wirtschaft wussten die Zeichen zu deuten. Ihnen war klar, dass die Vorgaben bald auch für Gas und Öl gelten würden und dass die Zeit zum Handeln gekommen war. Also handelten sie.

Nach der Ratifizierung des Kyoto-Protokolls 1994 hatte Russland eine umfassende Strategie für nachhaltige Entwicklung, so Michail Julkin, ein internationaler Experte für den Klimawandel. 2017 wurde diese Strategie jedoch durch die Strategie für Klimasicherheit ersetzt.

Dadurch änderte sich der Rahmen, der bis dato die russische Klimapolitik definiert hatte. Die Verwendung des Begriffs Sicherheit implizierte zugleich das Vorhandensein von Risiken und Gefahren (Sicherheit wovor?) und verengte den Blick für Chancen.

Nach zehn Jahren Stagnation in der russischen Wirtschaft hätten die neuen Felder der grünen Wirtschaft dringend benötigtes Wachstum generieren können. Doch der russische Staat hat diese Chance, wie so viele andere, nicht erkannt. In einer Welt voller Gefahren konnte eben jede Veränderung der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Kurswechsel

Das bedeutet nicht, dass sich die Wahrnehmung des Klimawandels in den Putin-Jahren nicht verändert hätte. Lange Zeit ließ sich die Sichtweise des russischen Präsidenten auf das Klima als "milder Fall von Klimaleugnung" beschreiben. Bis 2018 war er noch skeptisch, was die Rolle menschengemachter Emissionen bei der Erderwärmung anging.

Doch seitdem hat sich seine Meinung signifikant geändert und mit ihr die russische Klimapolitik. Der Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge waren die Männer, die für Putin den Ausschlag gaben, Ministerpräsident Michail Mischustin und Herman Gref, Chef der Sberbank, der größten Bank in Russland.

Der Kurswechsel zeigte sich sowohl in der offiziellen Rhetorik als auch in der Gesetzgebung. Plötzlich war die Bedrohung durch den Klimawandel real geworden, nicht nur für die Welt, sondern insbesondere für Russland.

Wie Putin immer wieder konstatierte, schreitet die Erwärmung auf russischem Territorium wesentlich schneller voran als im Rest der Welt. Das Auftauen der Permafrostböden, vermehrte Waldbrände und zerstörerische Hochwasser führten die Liste der Konsequenzen an.

2021 beschleunigte die russische Klimapolitik also von null auf hundert. Ein Gesetz zur Eindämmung der Treibhausgasemissionen wurde entworfen und verabschiedet, Russland verpflichtete sich dazu, bis 2060 klimaneutral zu werden, eine langfristige Strategie für klimafreundliche Entwicklung wurde angelegt und auf der Insel Sachalin startete ein Projekt zur Emissionsreduzierung.

Für sich allein genommen waren diese Maßnahmen oft nicht ausgereift und voller innerer Widersprüche, doch sie waren eine eindeutige Absichtserklärung.

Allerdings hatte Russland an Lösungen für den Klimawandel immer noch nicht viel zu bieten. Beim letzten großen Klimagipfel, der COP 26 in Glasgow, gab es noch immer keinen Konsens unter den größten Verschmutzern des Landes und kaum Druck aus der Öffentlichkeit, sodass Russlands einziger Diskussionsbeitrag die CO2-Aufnahmefähigkeit seiner Wälder war.

Zwar gibt es Pläne für den Ausbau einer Wasserstoffproduktion und den Umbau der bestehenden Pipeline-Infrastruktur für den Export von Wasserstoff anstelle von Gas und Öl. Doch vorsichtig gesagt sind diese Pläne noch nicht sehr weit gediehen.

Ein weiteres Thema ist die Atomtechnik. Hier hat Russland tatsächlich etwas vorzuweisen. Die russische Atomenergiebehörde Rosatom plant den Export kleiner modularer Reaktoren in Entwicklungsländer, damit diese, wie es heißt, emissionsarm Energie produzieren können.

Ein weiterer Versuch, die Wirtschaft zu diversifizieren, findet in der Landwirtschaft statt, die derzeit im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit steht, nachdem russische Streitkräfte ukrainische Häfen und damit den Export von Getreide blockiert haben.

Seit Anfang der 2000er Jahre zeigen die russischen Lebensmittelexporte ein stetiges Wachstum. Russland ist außerdem ein führender Lieferant von Düngemitteln. Dabei steht es laut Welternährungsorganisation FAO an der Spitze der Liste der Stickstoff-Exporteure und ist zugleich der zweitwichtigste Lieferant von Kaliumdünger und der drittwichtigste bei Phosphordüngemitteln.

Trotzdem sind russische Bauern stark abhängig von Pestizid- und Getreidelieferungen aus Europa. Seit Kriegsbeginn wurden Schritte zur Reduzierung dieser Abhängigkeit unternommen, wie etwa die Schaffung von nationalen Saatgutbanken und die Förderung der heimischen Pestizidproduktion.

Doch diese Maßnahmen werden erst mittelfristig greifen. Die Sanktionen und drastischen Veränderungen in den Lieferketten können diesen Plänen leicht einen Strich durch die Rechnung machen. Selbst wenn alle diese Maßnahmen umgesetzt werden, reichen sie nicht aus, um die Einnahmen aus den Öl- und Gasexporten aufzufangen.

Der Abbau und Verkauf von fossilen Brennstoffen wird für Russland mit jedem Jahr schwerer, denn russische Öl- und Gaskonzerne sind auf allen Stufen des Produktions- und Transportprozesses extrem abhängig von Maschinen aus dem Ausland.

Eine weitere Herausforderung für Russland ist, dass die zugänglichen Öllagerstätten, wie etwa in der Gegend um Chanty-Mansijsk, nahezu erschöpft sind.

Im Nebel der Geschichte

Der Soziologe Georgi Derlugjan bezeichnet die Breschnew-Ära, in der die UdSSR erstmals von hohen Ölpreisen profitierte, als eine Zeit der Bewahrung gesellschaftlicher Traditionen. Das verzögerte die Krise nicht nur, sondern blies sie auch weiter auf und machte ihr schließlich notwendiges Überwinden schwieriger.

Die aktuelle Situation ähnelt der damaligen auf vielfältige Art und Weise, wobei der Krieg in der Ukraine der Versuch ist, den inneren Druck nach Außen "outzusourcen".

Wenig überraschend haben die Widersprüche nur zugenommen. Die russische Gesellschaft ist polarisierter denn je. Der Wandel kommt und die russische Regierung verliert immer mehr die Kontrolle über die Situation. Dabei sind die Kräfte aus dem Außen wie Naturgewalten, die man nicht kontrollieren und gegen die man sich nur wappnen kann.

Im Rest der Welt hat der Krieg einmal mehr gezeigt, dass unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen eine Reihe von Risiken birgt, die sich gegenseitig verstärken. Öl und Gas heizen die Klimakrise weiter an und stützen undemokratische Herrschaftsformen und große Energiekonzerne.

Sowohl diese Regime als auch diese Konzerne haben enorme Macht über die Zukunft unseres Planeten und über Leben und Tod, während sie zugleich kaum Rechenschaft ablegen müssen und die Menschen kaum ein Mitbestimmungsrecht bei Entscheidungen haben, die dort getroffen werden. Sei es über CO2-Emissionen oder über Krieg und Frieden.

Den Originalbeitrag finden Sie hier.

Wie diese Artikelserie entstand

Im August 2021 begannen unabhängige Journalist:innen und Expert:innen sich in einem Projekt der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) mit der Frage zu befassen, wie Russland das Pariser Klimaabkommen einhalten und zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise finden kann. Das Land ist weltweit einer der größten Emittenten von Treibhausgasen, seine Ökonomie ist eng mit der Nutzung fossiler Brennstoffe verbunden. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine löste zudem eine scharfe Debatte aus, welche Rolle das Land in der internationalen Klima-Gemeinschaft noch einnehmen kann.

 

Grafik: Links ein Wärmekraftwerk mit rauchenden Schornsteinen und dampfenden Kühltürmen, rechts ein Nadelwald und ein großes Windrad - dazu der Schriftzug: Wie steht es um die Klimapolitik in Russland?
Illustration: Kristin Rabaschus

Klimareporter° möchte zu dieser Debatte beitragen und veröffentlicht im Rahmen des DGO-Projekts entstandene Texte in einer Beitragsserie.

 

Aufgrund der Repressalien, denen Journalist:innen und Expert:innen seitens der russischen Regierung ausgesetzt sind, werden einige Texte unter Pseudonym veröffentlicht.

 

Klimareporter° arbeitet dabei neben der DGO mit weiteren Organisationen zusammen, darunter Stiftungen wie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES). Aufgrund der schwierigen Situation für demokratisch orientierte Organisationen in Russland können nicht alle Unterstützer:innen öffentlich genannt werden. Beteiligt sind auch weitere Medien wie DW Russland und das Journalistennetzwerk N-Ost.

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