Das Klima verlässt Russland

Russland verliert seine Klimaexperten. Dieser Umstand und das Technologie-Lieferverbot könnten verheerende Folgen für die Klimaprogramme haben. Unter den Fachleuten, die im Land bleiben, sehen einige die Lage weniger dramatisch.


Solarfeld in Sibirien
Neues Solarkraftwerk 2018 in Sibirien: In Russland hat die Energiewende gerade begonnen, doch nun verlassen die Fachleute das Land. (Foto: Republik Altai)

"Russland verliert Humankapital, was ein großer Verlust ist, der sich in Zukunft auf verschiedene Sektoren auswirken wird, auch auf den Klimabereich." Das sagt Georgi Safonow, vor dem Krieg Direktor des Zentrums für Umweltökonomie und natürliche Ressourcen an der Moskauer Hochschule für Ökonomie und Autor von Büchern und Aufsätzen über die Möglichkeiten einer CO2-armen und nachhaltigen Entwicklung in Russland. Vor einigen Monaten hat er Russland verlassen und arbeitet jetzt in einem EU-Land.

In diesem Frühjahr wurde der Klimawandel, für den sich die Russen gerade zu interessieren begannen, durch dringlichere Probleme verdrängt. Viele Menschen, die ihre Kräfte für den Kampf gegen die globale Erwärmung eingesetzt hatten, protestierten nun gegen den Krieg.

Doch der Fahrt aufnehmende Repressionsapparat zwang ziemlich schnell selbst Universitätsprofessoren darüber nachzudenken, das Land zu verlassen. "Es ist eine Atmosphäre des Misstrauens entstanden, in der es unmöglich ist, ein vollwertiges Arbeitsverhältnis mit Studenten und Kollegen aufzubauen", sagt Safonow. "Wissenschaftliche Kooperation und zeitgemäße Bildung können unter diesen Bedingungen nicht wirksam entwickelt werden."

Zudem haben Nachhaltigkeitsberater und -unternehmen ihre Aktivitäten in Russland eingestellt oder ausgesetzt. Die Zahl der Studenten, die sich für "grünes" Wirtschaften interessieren, war in Russland in den letzten Jahren deutlich angestiegen. "Wobei allerdings viele von ihnen in andere Länder gehen wollen, wo es Möglichkeiten für wissenschaftliche und unternehmerische Karrieren, für die Verwirklichung ihrer Ideen und Pläne gibt", erläutert Safonow.

"Zwar habe ich nicht das Gefühl, dass alles verloren ist, aber zurzeit braucht das Land uns Fachleute für Klima- und Umweltökonomie nicht", sagt er.

Im März ging Anatoli Tschubais, der Sonderbeauftragte des Präsidenten für nachhaltige Entwicklung, außer Landes – ein symbolischer Abschied von der Klima-Agenda auf Regierungsebene. Bis vor Kurzem bezeichnete er die nachhaltige Entwicklung noch als "Religion des 21. Jahrhunderts", im posiven Sinn. Nun aber hat er die Frage eines Journalisten aus unserem Projekt, ob er sich weiterhin mit Klimafragen befassen werde, nicht einmal beantwortet.

Rückschlag nach 25 Jahren Arbeit

"25 Jahre gemeinsamer Arbeit von Experten und Medien haben Früchte getragen", erinnert sich Safonow. "Die Klimaagenda wird in Russland inzwischen adäquater wahrgenommen, und die internationale Gemeinschaft hat erfahren, über welche Möglichkeiten Russland verfügt, wenn es um die Verhinderung der Klimakatastrophe und die Lösung von Umweltproblemen geht."

So zeigte eine Ende 2019 vom Lewada-Zentrum durchgeführte Umfrage, dass das Bewusstsein der Russen für Umweltprobleme gewachsen war. Auf die Frage der Meinungsforscher, welche der globalen Bedrohungen am gefährlichsten seien, nannten 48 Prozent "Umweltverschmutzung" – das ergab Platz eins unter den angebotenen Möglichkeiten. 34 Prozent der Befragten wählten den "globalen Klimawandel" (Platz vier). Eine Kriegsgefahr befürchteten damals übrigens 37 Prozent der Russen (Platz drei).

Zu der Zeit begann auch der Staat zu demonstrieren, dass er den Klimaschutz ernst nimmt. Im Jahr 2019 ist Russland dem Paris-Abkommen beigetreten, wenn auch mit einem durchaus schlitzohrigen Klimaziel: Der entsprechende Präsidialerlass verlangt eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen auf 70 Prozent des Niveaus von 1990, was aber in der Realität einen Anstieg um 40 Prozent gegenüber dem derzeitigen Niveau ermöglicht.

 

Etwas später formulierte die Regierung eine Strategie für die CO2-arme Entwicklung bis 2050, die allerdings jetzt schon wieder revidiert werden soll – "aufgrund der aktuellen geopolitischen und wirtschaftlichen Veränderungen". Präsident Wladimir Putin hat die CO2-Neutralität des Landes bis 2060 zum Ziel erklärt.

Umfragen zeigen, dass der Krieg und die Sanktionen Russland in der Nachhaltigkeitspolitik um mehrere Jahre zurückwerfen werden. Dieser Ansicht waren 39 Prozent der Fachleute für nachhaltige Entwicklung, die die russische Green Brands League in Kooperation mit der Qualitätsprüfungsagentur Roskatschestwo und dem Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte befragt hat, bevor Deloitte Russland verließ.

43 Prozent der Experten waren überzeugt, dass Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels an Bedeutung verlieren werden, und 29 Prozent meinten, dass sich der Übergang zu erneuerbaren Energien verlangsamen wird.

Die Lobbyisten haben gewonnen

Die Anstrengungen ausländischer "grüner" Investoren sowie russischer Wissenschaftler und Journalisten hatten jedoch keine großen Auswirkungen auf die Schwerindustrie. "Das Entscheidungssystem ist nach wie vor ausgesprochen verzerrt", meint Safonow.

"Die Lobbyisten der Energie- und Industrieunternehmen sind sehr stark – sie sind in der Lage, die erforderlichen Entscheidungen zu blockieren", erläutert er. "Das Gesetz über die Regulierung der Treibhausgasemissionen ist vollkommen verwässert, es sieht keinerlei Beschränkungen für die Verursacher von Verschmutzungen vor. Die Strategie der CO2-armen Entwicklung ist ambitionslos und verlässt sich auf das höchst unrealistische Wachstum der Kohlenstoffbindung durch Wälder."

Das alles hätten die Lobbyisten der unökologischen Unternehmen erreicht, so Safonow. "Die Beteiligung an internationalen Klima- und Umweltabkommen hat in der aktuellen Situation für Russland definitiv keine Priorität – im Gegensatz zur Mehrheit der Länder weltweit, die das Paris-Abkommen unterzeichnet haben."

"Die Stimme der Unternehmen im Land, die nach ökologischen Kennziffern global wettbewerbsfähig sind, wird von der traditionellen Lobby in der RSPP, der Russischen Union der Industriellen und Unternehmer, übertönt und findet nur wenig Gehör", sagt Jewgeni Schwarz, Leiter des Zentrums für verantwortungsvolles Naturmanagement am Geografischen Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften.

"Im Ergebnis haben wir auf der einen Seite die Regierung, die oft durchaus vernünftige wirtschaftliche Forderungen formuliert, und auf der anderen Seite die sehr starke traditionelle Industrie- und Ressourcenlobby, die sich der Regulierung erfolgreich widersetzt", umreißt der Geograf die Situation.

Im Ergebnis liegt Russland, das zu den fünf größten CO2-Emittenten der Welt gehört, im Climate Change Performance Index auf Platz 56 von 64. Obwohl das Land über ein großes Potenzial für Wind- und Solarenergie verfügt, beträgt deren Anteil an der Energieerzeugung nur 0,3 Prozent. Berechnungen zeigen, dass selbst die ehrgeizigsten Entwicklungspläne diesen Anteil nur auf höchstens 2,5 Prozent erhöhen werden.

"Wir können uns vor Aufträgen kaum retten"

Unter den Fachleuten, die Russland nicht verlassen haben, gibt es einige, die nach wie vor optimistisch sind. "Die Gerüchte über den Tod der Klimaagenda in Russland sind stark übertrieben", meint Michail Julkin, Experte für Klimapolitik und nachhaltige Entwicklung und Chef der Beratungsfirma Carbon Lab. Im Gegenteil erhalte der Klimaschutz selbst in jüngster Zeit wachsende Aufmerksamkeit und nehme geradezu eine Schlüsselrolle ein, wenn es um die zukünftige Entwicklung von Unternehmen geht.

"Ich spüre diese Veränderungen sehr gut. Wir können uns vor Aufträgen kaum retten, und das ist natürlich Anlass zur Freude", sagt Julkin. "Es liegt auf der Hand, dass diese Welle des Interesses nicht durch den Krieg ausgelöst wurde. Sie ist einfach nur endlich bei uns angekommen. Und nicht einmal der Krieg konnte sie aufhalten."

Michail Julkin glaubt auch nicht an eine Massenabwanderung von Fachleuten. Eine Reihe bedeutender Experten von Weltrang bleibe im Lande. "Viele von ihnen, wenn auch nicht alle, haben sich gegen die russische Aggression in der Ukraine ausgesprochen und sogar entsprechende Petitionen unterzeichnet", betont Julkin. "Aber gewisse bedeutende Veränderungen gibt es doch", räumt er ein.

"Die weltweit größten Unternehmen für Management- und Strategieberatung wollen nicht mehr in Russland arbeiten oder entziehen ihren russischen Untergliederungen die Schirmherrschaft und sogar das Recht, ihren guten Namen zu verwenden." Das sei bedauerlich, so Julkin.

"Andererseits haben wir jetzt auf diesem Markt einen wirklichen, sauberen Wettbewerb der Qualifikationen und Kompetenzen – und nicht mehr nur den Wettbewerb von großen Namen, hinter denen häufig keinerlei Qualifikation stand", meint er. "Und das ist gut!"

Umdeutung von "grün" statt "grüner Übergang"

Sollte Russland tatsächlich klimaneutral werden wollen, muss es die Aktivitäten nahezu aller Wirtschaftsbereiche einer radikalen Prüfung unterziehen. Die Sberbank, Russlands größte Finanzinstitution, hatte vor dem Krieg errechnet, dass die russischen Unternehmen zur Finanzierung des "grünen Übergangs" rund eine Billion US-Dollar benötigen würden.

Doch angesichts der Sanktionen verfügen weder die Unternehmen noch der Staatshaushalt über die entsprechenden Mittel. Die Abwanderung von Fachleuten und das Verbot, Russland mit neuer Technologie und Ausrüstung zu beliefern, werden zusätzliche Probleme verursachen.

Große Unternehmen schlagen bereits vor, selbst die weniger ehrgeizigen Klimaziele aufzugeben. "Zu anspruchsvolle Ziele und eine belastende CO2-Regulierung können die wirtschaftliche Lage verschlechtern und zu Krisen in verschiedenen Bereichen führen, wie Energiewirtschaft, Ernährung oder Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs", sagte ein RSPP-Vertreter der Zeitung Iswestija.

"Da immer weniger finanzielle Mittel und Technologien für die Dekarbonisierung der Wirtschaft zur Verfügung stehen, sind schärfere Ziele zur Verringerung der Treibhausgasemissionen nur in einigen Bereichen möglich", stellte der Sprecher klar.

Die Klima-Agenda wird sich jedoch nicht in Luft auflösen. "Bislang ist die Klimarhetorik der Regierung selbst gegenüber 'unfreundlichen' Ländern ehrlich, relativ respektvoll und politisch korrekt, weil sie praktisch das letzte 'offene Fenster' für den Dialog mit der entwickelten Welt darstellt", erläutert Jewgeni Schwarz.

Allerdings sei es durchaus möglich, dass Russland versuchen wird, eine eigene Ressource ins Spiel zu bringen, nämlich den Wald und seine CO2-Speicherfähigkeit. "In Wirtschaftskreisen meint man inzwischen, dass die deutlich netto-positive CO2-Bilanz der russischen Wälder die Unternehmen davor bewahren kann, substanzielle Maßnahmen zur Reduzierung der direkten CO2-Emissionen ergreifen zu müssen", so Schwarz.

Laut einer mit den aktuellen Debatten vertrauten Quelle soll die Regierung den entsprechenden Experten eine sehr strenge Auflage erteilt haben: Sie sollten die CO2-Absorption so berechnen, dass sie über den Emissionen liegt.

Ein solcher Ansatz wird sicher nicht dazu beitragen, das globale Problem des Klimawandels zu lösen. Er dürfte auch kaum dazu führen, dass russische Unternehmen von hohen Zahlungen bei der grenzüberschreitenden CO2-Regulierung der EU verschont bleiben.

Jewgeni Schwarz formuliert es so: "Die Illusion, dass durch die Berücksichtigung und Aufwertung der Rolle der Wälder und anderer Ökosysteme ein wirksames systemisches Handeln zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen vermieden werden kann, stellt eines der größten Risiken für die Entwicklung Russlands dar."

Den Beitrag in russischer Sprache finden Sie hier.

Wie diese Artikelserie entstand

Im August 2021 begannen unabhängige Journalist:innen und Expert:innen sich in einem Projekt der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde (DGO) mit der Frage zu befassen, wie Russland das Pariser Klimaabkommen einhalten und zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise finden kann. Das Land ist weltweit einer der größten Emittenten von Treibhausgasen, seine Ökonomie ist eng mit der Nutzung fossiler Brennstoffe verbunden. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine löste zudem eine scharfe Debatte aus, welche Rolle das Land in der internationalen Klima-Gemeinschaft noch einnehmen kann.

 

Grafik: Links ein Wärmekraftwerk mit rauchenden Schornsteinen und dampfenden Kühltürmen, rechts ein Nadelwald und ein großes Windrad – dazu der Schriftzug: Wie steht es um die Klimapolitik in Russland?
Illustration: Kristin Rabaschus

Klimareporter° möchte zu dieser Debatte beitragen und veröffentlicht im Rahmen des DGO-Projekts entstandene Texte in einer Beitragsserie.

 

Aufgrund der Repressalien, denen Journalist:innen und Expert:innen seitens der russischen Regierung ausgesetzt sind, werden einige Texte unter Pseudonym veröffentlicht.

 

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