Klimareporter°: Herr Loske, im ersten Teil sprachen wir am Ende über die aktuelle Multikrise und ihre Ursachen. Eine der wichtigsten gemeinsamen Ursachen ist für mich: Die Umweltfolgekosten unseres Wirtschaftens und Lebens wurden in den letzten 150 Jahren zum allergrößten Teil beiseite geschoben, vergraben oder scheinbar "entsorgt" wie die Klimagase in die Atmosphäre. Die Kosten dieses Raubbaus und der "Vermüllung" unseres Planeten fallen jetzt mit aller Wucht auf uns zurück.

Reinhard Loske: Meine Sorge dabei ist, dass die schon lang anhaltende Verweigerung eines transformativen Wandels, der diesen Namen verdient, unmittelbar umschlägt in Fatalismus, in Verzagtheit und mangelnde Zuversicht – nach dem Motto, man könne sowieso nichts mehr machen.

 

Über diese Gefahr habe ich schon in meiner Doktorarbeit Mitte der 1990er Jahre geschrieben. Und die Zahlen sind ja erdrückend genug.

Gerade in Teilen der engagierten jungen Generation beobachten wir dieses Phänomen des schnellen Verzweifelns. Manchmal heißt es dann, nach zwei Jahren Einsatz fürs Klima habe sich ja immer noch nichts bewegt.

Ich halte zwar von einer Pauschalkritik an der vermeintlich mangelnden Resilienz junger Menschen grundsätzlich nicht viel. Aber eine gewisse Beharrlichkeit braucht es schon, um gegen bestehende Missstände anzukämpfen. Erfolg stellt sich oft erst auf mittlere oder lange Sicht ein. Mitten in der Auseinandersetzung sieht man das oft gar nicht.

Lange Zeit war die ökologische Bewegung vor allem auch eine Nein-Bewegung. "Nein, das wollen wir nicht", den Atomstaat nicht, keine monopolistischen Strukturen, keine industrialisierte Landwirtschaft, keine automobilfixierte Verkehrspolitik ...

... dass nur ein Nein hilft, ist aber die Kernerfahrung der Umweltbewegung. Nur wenn sie konsequent Nein sagte, erreichte sie etwas.

Es braucht beides. Am Anfang stand sicher das große Nein.

In den 1970er Jahren ging es um Fragen wie die Grenzen des Wachstums beim Club of Rome. Was macht das mit der Gesellschaft, wenn wir immer nur aufs Mehr schauen? Was bedeutet das kulturell, was macht das mit unserem Leben?

Erich Fromm spitzte das auf die Frage zu: Haben oder Sein? Rudolf Bahro sprach später über den kompensatorischen Konsum, weil der Sinn des Ganzen nicht mehr richtig geklärt werde.

Konsumkritik, Wachstumskritik, Industrialismuskritik – all das stand an der Wiege der Ökologiebewegung als sozialer Bewegung.

Der Ökologiebewegung wurde dann vorgeworfen, sie sei ideologisch, fortschritts- und technikfeindlich und kulturpessimistisch. Vor Schreck ist man seit den späten 80er und den frühen 90er Jahren dann ein wenig zu brav geworden. Es kamen die primär technikzentrierten Wende-Konzepte auf, die Energie-, die Verkehrs-, die Chemie- und die Landbauwende.

Die Botschaft lautete nicht mehr, die Welt geht unter, wenn wir so weitermachen, sondern: Wir können es besser.

"Technische Innovationen allein können die Reduktion von Umweltbelastung und Ressourcenverbrauch nicht erbringen"

Das war in gewisser Weise eine alternativlose Entwicklung. Damit konnte die Bewegung die Hauptdiskurse mitprägen. Aber zugleich ist man inkrementalistisch, kleinteilig und gradualistisch geworden.

Der Terminus von der ökologischen Reformpolitik oder Modernisierung war geboren, später begleitet vom Hohelied auf grüne Märkte, grüne Technologie, grüne Jobs, grünes Wachstum.

Das war alles nicht falsch, aber eben nur die halbe Wahrheit, denn technische Innovationen allein können die erforderliche Reduktion von Umweltbelastung und Ressourcenverbrauch bei anhaltendem Wachstum von Produktion und Konsum niemals erbringen. Über Kulturwandel, Lebensstilwandel und Gesellschaftswandel kaum noch zu reden, war deshalb ein Fehler.

Und jetzt plötzlich liegt wieder die volle Wahrheit über die Krise vor uns. Man kann sie natürlich leugnen, das machen wir alle gern hier und da, aber die Entwicklungen sind inzwischen offenkundig.

Die letzten 70 Jahre schlagen jetzt voll zurück. Umwelthistoriker sprechen vom "1950er-Syndrom". Von da an explodierte der Naturverbrauch förmlich.

Jetzt kommen wir mit dem eingeübten Inkrementalismus nicht mehr weiter. Das ist die Krise, in der wir stecken. Und das ist leider auch die Chance für den Populismus mit seinen Phrasen von der Rückkehr in vermeintlich gute alte Zeiten.

Die ökologischen Imperative, die uns entgegenschlagen, lauten auf schnelles, tiefgreifendes Handeln. Die Erfahrung, die wir mit sozialem Handeln in "normalen Zeiten" machen, ist aber: Inkrementalismus, Gradualismus, Kompromisssuche, Kompromissfindung und Kleinteiligkeit. Da liegt ein gewaltiges Spannungsfeld.

Da kommen dann häufig auch technisch-technokratische Lösungen heraus, die das ökologische Problem meist nicht dauerhaft lösen, sondern oft nur verlagern.

Es ist schon wichtig, die Transformationslogik in den einzelnen Feldern konkret durchzudeklinieren. Es sollte nicht als Technokratie denunziert werden, wenn ein Unternehmen sich Gedanken macht, wie es Rohstoffe, Wasser und Energie sparen und klimaneutral sein kann.

Aber es kommt schon darauf an, dass die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzt. Das Primat der Politik ist essenziell.

Im Moment spüre ich da schon eine Tendenz, dass – abgesehen bei den erneuerbaren Energien – doch viele Weichenstellungen in der Industriepolitik, der Verkehrspolitik, der Baupolitik und der Agrarpolitik tendenziell weiter in die falsche Richtung laufen.

Statt sich darauf zu konzentrieren, die vielen "Inseln des Gelingens", die im Prozess der ökologischen Transformation längst entstanden sind, zum neuen Mainstream für alle zu machen, herrscht noch zu viel Festhalten am Überkommenen.

Bild: Julia Zimmer­mann

Reinhard Loske

ist Nach­haltig­keits­forscher und Hochschul­lehrer. Der Volks­wirt und Politik­wissen­schaftler ist Vorstands­mitglied des Instituts für ökologische Wirtschafts­forschung und der Right Liveli­hood Foundation. Von 1998 bis 2011 war er bei den Grünen unter anderem Vize­fraktions­chef im Bundestag und Bremer Umwelt­senator. Später war er Professor für Trans­formations­dynamik an der Universität Witten/​Herdecke und Präsident der Cusanus-Hoch­schule für Gesellschafts­gestaltung in Koblenz. Sein neuestes Buch heißt "Ökonomie(n) mit Zukunft: Jenseits der Wachstums­illusion".

Verrückt ist bei alldem auch: Konsequenter Klima- und Umweltschutz ist eine soziale Sache. Denn er hilft gerade den Menschen, die sich intakte Natur oder eine gesunde Umwelt nicht einfach kaufen oder dorthin entfliehen können.

Gerade bei den Benachteiligten finden aber Klima- und Umweltschutz derzeit offenbar wenig Anklang. Wie kann das sein?

Zunächst sollten wir die Debatte nicht darauf reduzieren, dass die Reichen das Klima kaputt machen. Das finde ich ein wenig zu reduktionistisch. Schon der Normalbetrieb der Industriegesellschaft ist ökologisch gesehen katastrophal.

Aber klar ist natürlich, dass Reiche in der ökologischen Transformation mehr leisten müssen. Und vor allem sollten sie von der Illusion Abschied nehmen, sich den Folgen der Klima- und der Umweltkrise durch die Wahl ihres Wohnorts und Lebensstils dauerhaft entziehen zu können.

Wenn die Klimakrise sich zuspitzt und es zu Katastrophen kommt, werden auch die Wohlstandsinseln der Seligen nicht von den ökologischen und sozialen Folgen verschont bleiben.

Aus der Skepsis oder gar Ablehnung der sogenannten normalen Leute gegenüber dem Klimaschutz ziehe ich politisch den Schluss, dass der Transformationsprozess so gerecht wie möglich geschehen muss.

Das klingt wie eine Phrase. Die Frage stellte sich für mich schon vor 15 Jahren. Damals hieß das Mittel der Wahl nur nicht Klimageld, sondern Ökobonus.

Allen kann man es nie recht machen, wer aber heute Klimapolitik macht, muss die soziale Komponente mitdenken – und das aus zwei Gründen. Erstens können hohe Transformationskosten nicht von allen gleich gut gestemmt werden. Die Bezieher niedriger Einkommen müssen vom Staat deshalb stärker unterstützt werden als diejenigen, die die notwendigen Aufgaben im Wesentlichen aus eigener Kraft bewältigen können.

Und zweitens: Gerechtigkeit in der Ausgestaltung der Klimapolitik entzieht den Populisten die Grundlage für ihr übles Spiel, in dem Klimaschutz nur als Marotte einer saturierten Bionade-Bourgeoisie vorkommt, der die Sorgen der kleinen Leute egal sind.

Kurz: Gerechte Klimapolitik ist aus ökonomischen und gesellschaftspolitischen Gründen ein unbedingtes Muss.

Und das Soziale muss von Anfang an mitgedacht werden, wie die unselige Geschichte ums Gebäudeenergiegesetz einmal mehr bewies.

Wie nur konnte die Regierung nur mit der technischen Seite anfangen? Wie konnte man die ganze Sache im ersten Durchgang vor allem auf Eigenheimbesitzer fokussieren?

Wir wissen doch seit Jahren: Gerade im urbanen Raum geht es um die integrale Erzeugung von Strom und Wärme, um Netze und Gemeinschaftslösungen.

Und das flankierende Förderprogramm hätte gleichzeitig mit dem Gebäudeenergiegesetz vorgelegt werden müssen. Das war einfach undurchdacht und vom Prozess her ganz schlecht.

 

Und vor 25 Jahren war die ökologische Politik nicht ganz so schlecht?

Ich gehöre ganz sicher nicht zu der Fraktion "Früher war alles besser". 1998 waren, wie ich es heute sehe, aber drei Sachen anders.

Der erste Punkt: Wir setzten damals stärker auf gesellschaftliche Allianzen, in denen ideelle wie materielle Interessen gleichermaßen vertreten waren. Es wurde weniger in Blasen agiert und Politik war noch nicht so stark auf "Verkaufen" und "Hochglanz-Kommunikation" fürs eigene Publikum ausgerichtet.

Das Zweite: In der rot-grünen Zeit ab 1998 gab es einen Verbund von Gleichgesinnten in den beiden Regierungsfraktionen, die wirklich zusammengehalten haben und auch sehr selbstbewusst gegenüber den eigenen Ministerien aufgetreten sind.

Die Dominanz der Exekutive war noch nicht so stark wie heute. Beim Erneuerbare-Energien-Gesetz etwa waren Abgeordnete wie Hermann Scheer, Michaele Hustedt, Hans-Josef Fell und Dietmar Schütz ganz entscheidende Akteure.

"In der rot-grünen Regierungszeit gab es einen Verbund von Gleichgesinnten in beiden Fraktionen, die zusammenhielten"

Die Kooperation ging sogar über die rot-grüne Koalition hinaus. Dafür standen Leute wie Josef Göppel von der CSU, die eine konsequente und beharrliche Naturschutz- und Klimapolitik verfolgt haben.

Heute sehe ich diesen lagerübergreifenden Verbund in Sachen Ökologie nicht mehr. Jeder macht nun vor allem sein eigenes Ding. Dass für Umweltpolitik jetzt ausschließlich die Grünen verantwortlich sein sollen, ist gesellschaftspolitisch eher ein Nachteil als ein Vorteil.

Und drittens: Es gab damals viele Leute, die selbst konzeptionell gearbeitet haben und diese Ideen in die Politik mitbrachten.

Sicher, Regierungshandeln ist kein Politikseminar, aber dass Hermann Scheer über die solare Weltwirtschaft geschrieben hatte, Ernst-Ulrich von Weizsäcker über die Effizienzrevolution, Michael Müller über die Ökonomie des Vermeidens oder ich selbst über Klimapolitik und ein zukunftsfähiges Deutschland, hat der rot-grünen Sache wohl eher nicht geschadet. Jedenfalls konnte man sein tagespolitisches Agieren in eine größere Erzählung einbetten und entsprechend kommunizieren.

Vielleicht wären das Schmieden von gesellschaftlichen Allianzen, die lagerübergreifende Kooperation und die Einbettung des politischen Tagesgeschäfts in größere Erzählungen ja auch heute eine ganz gute Orientierung für Regierung, Regierungsfraktionen und Regierungsparteien.

Mehr davon wäre jedenfalls eine gute Sache.

Lesen Sie hier Teil eins: "Die Idee des grünen Wachstums darf nicht auf die Spitze getrieben werden"

Anzeige