Der ökonomische Mainstream kippt

Durch die Corona-Pandemie stehen vermeintliche Wirtschaftsweisheiten öffentlich infrage. Was zukunftsorientierte Politik jetzt leisten muss. Ein Plädoyer in zwei Teilen – Teil 2.


Einzelner Mann in Anzug geht allein eine riesige Treppe hinauf
Jeder für sich allein nach oben? Die individuelle Nutzenmaximierung als höchste Form des rationalen Handelns steht infrage. (Foto: Souza Miranda Heitor/​Pixabay)

In großen Teilen der Klimabewegung wird "die Wirtschaft" bislang als Blackbox gesehen, als das Andere, ja Gesellschaftsfeindliche. Vor dem Hintergrund der realen Erfahrungen mit vielen Industriekonzernen und Wirtschaftsverbänden ist eine solche Haltung nachvollziehbar.

Aber sie ist nicht sinnvoll. Als Gesellschaft können wir sie uns nicht leisten. Zu wichtig ist die Wirtschaft für unsere Versorgung mit dem Lebensnotwendigen und das Funktionieren des Gemeinwesens.

Aber klar ist auch: Die Wirtschaft wird und muss sich ändern. Je mehr Menschen sie als Teil einer Aufgabe begreifen, die mit Gesellschaftsgestaltung gut beschrieben ist und Gemeinsinn erfordert, desto besser ist es für alle, auch für die meisten Unternehmen selbst.

Der Modus, in dem wir künftig über das Wirtschaften und plurale Wirtschaftsstile reden, wird sich ändern müssen. Vor allem die ökonomische Bildung, die heute oft eine realitätsferne und dogmatische Idealisierung des Eigennutzes und des Wettbewerbs ist, wird vom Kopf auf die Füße zu stellen sein.

Viele Annahmen der vorherrschenden Mainstream-Ökonomik werden durch die Corona-Pandemie und die Erderwärmung gleichermaßen fundamental infrage gestellt. Dazu gehören nicht nur die weitgehende Ignoranz gegenüber planetaren Grenzen und das Beschwören von individueller Nutzenmaximierung als höchster Form rationalen Handelns, sondern auch die Annahme, eine immer weitere Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung mit immer größeren Unternehmen sowie immer längeren und komplexeren Lieferketten sei gut für alle.

Dass es nicht nur "economies of scale" gibt, also ökonomische Größen-, Spezialisierungs- und Globalisierungsvorteile, sondern auch "diseconomies of scale", also entsprechende Nachteile, ist in der sozial-ökologischen Diskussion schon lange ein fest etabliertes Thema. So werden ungerechte und ökologisch schädliche Weltwirtschaftsstrukturen zum Nachteil der Südhemisphäre ebenso intensiv kritisiert wie ausufernde Verkehrsströme am Himmel und auf den Weltmeeren.

Dass für die globalen Luftfracht- und Schiffsverkehre bis heute nicht annähernd ökologisch wahre Preise existieren, wird zu Recht als wesentlicher Stimulator für eine immer weitere Vertiefung der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung gesehen.

Die Coronakrise macht nun auf ihre Weise deutlich, wie verletzbar Staaten sind, wenn Notwendiges einseitig aus fernen Quellen oder gar von Monopolen bezogen werden muss oder im Krisenfall ganz wegfällt. In den USA hat der Präsident bereits kriegswirtschaftliche Instrumente aktiviert, um Automobilkonzerne zur Produktion von fehlenden Beatmungsgeräten zu zwingen.

Selektive De-Globalisierung und gezielte Re-Regionalisierung werden in Zukunft wichtige Bausteine einer Ökonomie der Nachhaltigkeit sein, um Verletzbarkeit und abrupte Störungen der Lieferketten zu reduzieren und so die Robustheit ("Resilienz") des Gesamtsystems zu erhöhen. Dabei wird es nicht um reines Autarkiestreben gehen können, sondern um mehr Autonomie, also um eine Verschiebung der Gewichte von Fremdversorgung zu Eigenversorgung.

Auch dies hat praktische Konsequenzen für viele Politikfelder: Die regionale Landwirtschaft ist zu stärken, die Stadt-Land-Kooperation zu verbessern, die Nutzung der Autobahnen als rollende Warenlager für die Just-in-Time-Produktion der Fabriken zurückzudrängen, die Wirtschaftsförderung auf eine Erhöhung innerregionaler Produktionsverflechtungen und Kreislaufwirtschaft auszurichten und das Bankwesen auf die Unterstützung dezentraler Wertschöpfungsstrategien zu orientieren.

Globale Verantwortung in der Post-Corona-Weltordnung

Aus einer Nachhaltigkeits- und Gerechtigkeitsperspektive verbietet es sich zugleich, aus der Zunahme globaler Probleme wie Pandemien und Klimaextremen dauerhafte Abschottungsstrategien herzuleiten. Die gegenwärtige Renaissance des Nationalen, die zur Bekämpfung der Coronakrise vielleicht temporär ihren Sinn haben mag, sollte nicht zum neuen Standard werden. Im Gegenteil, die Staatenwelt braucht mehr Kooperation und bessere internationale Verträge.

Reinhard Loske vor der Mole in Warnemünde.
Foto: privat

Reinhard Loske

ist Präsident der Cusanus Hochschule für Gesellschafts­gestaltung in Bernkastel-Kues und dort Professor für Nachhaltigkeit. Zudem ist er für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin tätig und sitzt im Vorstand der Umwelt­organisation Germanwatch in Bonn. Der frühere grüne Bundestags­abgeordnete und Bremer Umweltsenator hat zahlreiche Bücher zur Nachhaltigkeit vorgelegt. Zuletzt erschien von ihm "Politik der Zukunfts­fähigkeit".

 

Dieser Text ist die leicht überarbeitete und ergänzte Fassung des Essays "Von der Corona-Krise zur nachhaltigen Wirtschaft", der am 2. April im Blog des wirtschafts­philosophischen Magazins Agora42 erschienen ist.

Abgesehen davon, dass die Bearbeitung globaler Probleme multilaterale Kooperation nachgerade erzwingt, wäre es besonders für die Länder der Südhemisphäre eine düstere Perspektive, würden die Industriestaaten nun auf Abschottung, Autarkie und Ausgrenzung setzen. In den sogenannten Entwicklungsländern ist der Anteil derer, die gegenüber Klimawandel, Pandemien und anderen Katastrophen besonders sensibel sind, sehr hoch. Die Armen leiden am stärksten.

Die Probleme der Welt, die die Industriestaaten zu einem guten Teil über kolonialistische Spätfolgen, ungerechte Weltwirtschaftsbeziehungen oder geopolitischen Egoismus mitverursacht haben, können sie sich nicht durch hohe Grenzzäune vom Leibe halten, jedenfalls nicht auf Dauer. Die momentan im medialen Windschatten liegende Flüchtlingskrise an der EU-Außengrenze in Griechenland zeigt das sehr deutlich. Sie wird durch Wegschauen nicht einfach verschwinden.

So ökologisch sinnvoll es also ist, die an vielen Stellen übertriebene Vertiefung der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung zurückzuschrauben, so notwendig ist es zugleich, am Ziel einer Schaffung fairer und nachhaltiger Welthandelsstrukturen festzuhalten.

Auch hier hat die Politik nach hoffentlich baldiger Überwindung der Coronakrise ein übervolles Aufgabenheft, von der Umsetzung des Pariser Klimavertrages bis zum konsequenten Schutz der Biodiversität und ihrer nachhaltigen Nutzung, von einem wirksamen Lieferkettengesetz bis zum "Marshallplan mit Afrika", von fairen Handelsverträgen bis zum Schutz nachhaltiger Binnenwirtschaften vor billigen Importprodukten, die auf Ökodumping fußen.

Sorgearbeit und Erwerbsstreben gut ausbalancieren

Als größte Quelle für eine nachhaltige Zukunftsgestaltung könnten sich aber die unmittelbaren Krisenerfahrungen selbst erweisen, die Menschen weltweit momentan machen, negative wie positive.

Dazu gehört sicher die Erfahrung von Angst um die Lieben und das eigene Leben, um den Arbeitsplatz oder den eigenen Betrieb, denn Angst ist bekanntlich ein sehr starker Antrieb. Dazu gehören aber auch und vielleicht sogar vor allem das Erleben von Zusammengehörigkeit, Gemeinsinn und Zuwendung sowie die unfreiwillige Erfahrung von plötzlichem Zeitreichtum sowie Konsum- und Reichweitenbeschränkungen.

Es gehört zu den positiven Seiten der letzten Tage und Wochen, wie sehr die Wertschätzung für diejenigen gewachsen ist, die durch ihre Arbeit die Gesellschaft am Laufen halten, ob in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder Supermärkten, im öffentlichen Nahverkehr, im Wasserwerk oder bei der Müllabfuhr. Wurde ihre Tätigkeit bis vor Kurzem kaum wahrgenommen, so ist nun allerorten von "Helden des Alltags" die Rede.

Vor allem die Rolle der überwiegend von Frauen geleisteten Sorgearbeit rückt nun in den Mittelpunkt. Man kann nur hoffen, dass sich die warmen Worte bald auch in den Gehältern der "Heldinnen" niederschlagen und im Gegenzug die Bezüge in den Managementetagen auf ein gesundes Maß schrumpfen.

Offenkundig wird in der Corona-Krise zugleich, dass Eigenarbeit, Familienarbeit und ehrenamtliches Engagement von vielen als positiv erlebt werden, weil sie der Entfremdung der Einzelnen von sich selbst und von ihrer Mitwelt entgegenwirken und soziale Resonanzbeziehungen stärken.

Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass manche mit gewonnener Zeit, erzwungener Sesshaftigkeit und unfreiwilligem Konsumverzicht so ihre Probleme haben, worauf die Zunahme von häuslicher Gewalt auf traurige Weise hindeutet.

Insgesamt lässt sich aber mit hoher Plausibilität sagen, dass beide Formen der Sorgearbeit, die entgeltliche und die finanziell nicht entgoltene, auch für Strategien der Nachhaltigkeit von besonderer Bedeutung sind. Vor allem nehmen sie kommerziellen Wachstumsdruck aus dem Wirtschaftssystem.

Verkürzte Erwerbsarbeitszeiten und Grundeinkommenselemente können helfen, die Zeitsouveränität der Bevölkerung zu erhöhen und so die Voraussetzungen für eine gesunde Ausbalancierung von Erwerbszeiten und Eigenzeiten zu schaffen. Gut erkennbar wird in der Krise auch: Sinnstiftende und befriedigende Arbeit kann Kräfte freisetzen, wenn es darauf ankommt.

Die Zukunft ist offen: Lasst uns über sie reden!

Grundsätzlich ist es in diesen hochvolatilen Zeiten nicht möglich, sichere Prognosen über die Zukunft abzugeben. Das gilt auch für die sozial-ökologische Transformation, vor der wir als Gesellschaft auch nach der Corona-Krise stehen.

Sehr viele Fragen sind offen: Niemand kann sicher wissen, ob die Erfahrung der erzwungenen Suffizienz bei den Menschen in Zukunft eher zu einem Abwerfen von überflüssigem Wohlstandsballast führt oder eher zu einer neuen Welle des Konsumismus, ob die neue Vertrautheit mit der digitalen Welt, die nun immer mehr Menschen im Homeoffice und auf Videokonferenzen gewinnen, zu weniger Verkehr führt oder zu einer neuen Hypermobilität, ob der in der Corona-Krise reaktivierte Gemeinsinn ein dauerhaftes oder ein vorübergehendes Phänomen sein wird.

Gerade weil so vieles offen ist, braucht es zur Förderung der Nachhaltigkeit nicht nur eine handlungswillige Politik und eine transformationsbereite Wirtschaft, sondern auch und gerade eine wache Zivilgesellschaft. Benötigt werden Diskursräume und Reallabore in Schulen und Hochschulen, Unternehmen und Behörden, Nichtregierungsorganisationen und Stiftungen, in denen gemeinsam Formate einer zukunftsfähigen und gerechten Gesellschaftsgestaltung entwickelt und vor allem eingeübt werden.

Es gilt, in Zukunft wieder verstärkt nach "Dritten Wegen" jenseits von Staat und Markt Ausschau zu halten. Denn so sehr es den neoliberalen Zeitgeist einer allumfassenden Ökonomisierung zurückzudrängen gilt, so wenig angemessen wäre es, nun alles auf die Karte "starker Staat" zu setzen. Auch dieser hat, das lehrt die Geschichte, einen Hang zur Übergriffigkeit, wofür das aktuelle Niederreißen von Schranken beim Datenschutz beispielhaft steht.

Lesen Sie hier Teil 1

Der Kampf um die Deutung der Coronakrise: Wer nach der Coronakrise Klimaschutz politisch steuern will, muss sich auf ein hartes Tauziehen mit den Verfechtern des Neoliberalismus vorbereiten, warnt Reinhard Loske.

Wenn die Coronakrise mit ihren zwingenden Herausforderungen überwunden ist, sollten weder blinder Marktglaube noch übertriebener Steuerungsoptimismus zum Hauptwesenszug der sozial-ökologischen Transformation werden, sondern die Fähigkeit zur reflektierten, verantwortungsbewussten und gemeinsamen Gesellschaftsgestaltung. Wir müssen reden!

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