Metropolen als Selbstversorger

Soja aus Brasilien, Schweine nach China – der globale Lebensmitteltransport sorgt für einen hohen CO2-Ausstoß. Ein Teil könnte vermieden werden, wenn sich Städte aus dem Umland ernährten.


Kräftig rot-gelb gefärbte Äpfel am Baum.
Die Äpfel aus Neuseeland sind billiger, weil die Umweltkosten des Transports nicht beglichen werden. (Foto: Mark Jaffé/​Northern Imager/​​Flickr)

In einem Hamburger Supermarkt türmen sich die Äpfel aus dem Alten Land. Direkt daneben liegen die aus Neuseeland, die eine 18.000-Kilometer-Reise hinter sich haben. Deutschland weist etwa 30 bekannte Apfelsorten auf und konsumiert trotzdem Äpfel von der anderen Seite der Erde.

Doch die Bundesrepublik führt Lebensmittel nicht nur ein, sondern auch aus. Schnitzel aus Niedersachsen und Milchpulver aus Bayern werden in alle Welt verschifft. Elf Prozent der Treibhausgasemissionen im Lebensmittelbereich entfallen allein auf den Transport.

Was wäre aber, wenn Städte wie Hamburg oder Berlin ihre Äpfel ausschließlich aus dem Umland bekämen? Oder größer gedacht: Wie viel CO2-Emissionen könnten eingespart werden, wenn Städte auf der ganzen Welt ihre Lebensmittel aus lokaler Landwirtschaft beziehen würden?

Eine Antwort liefern Wissenschaftler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in einer jetzt veröffentlichten Studie.

Das Ergebnis: Mit einer stadtnahen Landwirtschaft könnte ein Zehntel aller beim Lebensmitteltransport entstehenden Emissionen verhindert werden. Die Studienautoren gehen von einem weltweiten Emissionsaufkommen im Lebensmittel-Verkehr von mindestens 1,5 Milliarden Tonnen jährlich aus, was etwa dem doppelten CO2-Ausstoß Deutschlands entspricht.

Klimalast der Ernährung

Lebensmittel verursachen Treibhausgase entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Laut einer Metastudie haben Lebensmittel in Industrieländern je nach Untersuchung einen Anteil von 15 bis 31 Prozent an allen Treibhausgasemissionen. Global gesehen dürfte allein der Anteil der Landwirtschaft an den Emissionen bei über zehn Prozent liegen. Doch auch durch Verpackung, Lagerung, Transport, Handel und nicht zuletzt bei den Endkonsumenten entstehen Emissionen. Entscheidend ist auch, was wir essen. Tierische Produkte erzeugen wesentlich mehr Treibhausgase als pflanzliche.

"Damit könnten umgerechnet etwa vier Prozent der gesamten globalen CO2-Emissionen eingespart werden", sagt Jürgen Kropp, Mitautor der Studie.

Da Emissionsangaben zur Luftfracht fehlten, beziehen sich die Daten nur auf den Land- und Schiffstransport von Lebensmitteln. Das Einsparpotenzial ist damit vermutlich höher, als die Studie errechnet hat, meint Studienautor Kropp.

Die Potsdamer Forscher untersuchten mehr als 4.000 Städte mit jeweils mehr als 100.000 Bewohnern. Die Städte wurden als funktionelle Ballungsräume betrachtet, sodass beispielsweise Berlin und Potsdam in einer Einheit zusammengefasst sind.

Im Schnitt könnten die Metropolen mit der jeweiligen lokalen Landwirtschaft ein gutes Drittel ihrer Bewohner ernähren. Die Produktion von Lebensmitteln vor Ort könne damit als eine Form der Anpassung dienen, die "lokale Ernährungssicherheit gewährleistet, lokale Nährstoffkreisläufe schließt und damit zum Klimaschutz beiträgt", erläutert Kropp.

Nahversorgung nicht immer möglich

Das Potenzial der Selbstversorgung ist aber je nach Ballungsraum unterschiedlich. Während Südasien und Ostafrika große Möglichkeiten für städtische Landwirtschaft aufweisen, ist in Nordamerika das Gegenteil der Fall.

Der Studie zufolge liegt das an der Beschaffenheit des direkten Umlandes. Die großen Städte in den USA sind von Naturgebieten umgeben, die für eine Nahversorgung in Acker umgewandelt werden müssten. Das würde die Emissionen jedoch eher erhöhen als verringern, weil die Landwirtschaft – vor allem bei intensiver Viehzucht – mehr Treibhausgase freisetzt.

Und so gut die Option "Metropolen als Selbstversorger" klingt, so schnell könnte sie auch wieder zerfallen. Denn weiteres Städtewachstum würde dazu führen, dass sich die Ballungsräume auf Kosten landwirtschaftlicher Nutzflächen ausweiten.

Außerdem könnten veränderte Ernährungsgewohnheiten wie zum Beispiel die Zunahme des Fleischkonsums vor allem in Entwicklungsländern die Möglichkeiten lokaler Landwirtschaft zunichtemachen.

Ein weiterer Gegner der städtischen Nahversorgung ist der Klimawandel. Dieser trifft laut Studie besonders die Regionen in Nord- und Westafrika und in Westasien. Die Folgen der Urbanisierung und des Klimawandels zusammengenommen würden allein in Nordafrika dazu führen, dass das Potenzial der lokalen Ernährung um 30 Prozent sinkt, warnen die Wissenschaftler.

Erste umfassende Abschätzung

"Unsere Studie liefert die erste Analyse des globalen Potenzials einer Selbstversorgung von Städten aus lokaler Landwirtschaft und kombiniert dies mit anderen relevanten Effekten", sagt PIK-Forscher Kropp.

Bisherige Studien hätten sich auf einzelne Städte konzentriert oder nur auf die Produktionsseite von Lebensmitteln. Die neue Studie verbinde auch Auswirkungen von Urbanisierung, Klimawandel oder Ernährungsumstellung mit dem globalen Potenzial der lokalen Landwirtschaft.

Natürlich könne nicht einfach ein Schalter umgelegt werden, der die Ernährung der Städte nun auf die Nahversorgung umstellt, räumt Mitautor Steffen Kriewald vom PIK ein.

"Die regionale Landwirtschaft kann nicht den gesamten Speiseplan einer globalisierten Landwirtschaft produzieren – der Ernährungsbedarf könnte jedoch in vielen Regionen der Welt gedeckt werden."

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