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Eine Welt ohne Profite im Energiesektor

Wie kann eine Energieversorgung aussehen, die sozial gerecht, demokratisch und klimaschützend ist? Eine Vision: Im Jahr 2048 gibt es die 1.250-Watt-Gesellschaft und solidarische Produktionsgemeinschaften. Was es nicht mehr gibt: CO2-Emissionen in allen Sektoren und Profite im Energiebereich.


Kleine Photovoltaik-Anlage in Acuauá in Brasilien
Maria do Socorro Goveia koordiniert ein Nord-Süd-Solarprojekt in Acauã (Brasilien). In einer gerechten Zukunft arbeiten die Regionen auf Augenhöhe zusammen. (Foto: Eduardo Soteras/​Misereor)

Für viele Menschen ist es leichter, sich den Untergang der Welt vorzustellen als das Ende von Wachstum, Kapitalismus und Konkurrenz. Das vorherrschende Wirtschaftssystem scheint alternativlos. Dabei gehen die wichtigsten Fragen unter: Wie wollen wir leben? Und wie kommen wir dahin?

In Zukunftswerkstätten arbeiten wir beim Konzeptwerk Neue Ökonomie im Projekt "Zukunft für alle – gerecht, ökologisch, machbar" an visionären Vorschlägen, um diese scheinbare Alternativlosigkeit aufzubrechen. Wir wollen keinen Masterplan, der am Reißbrett entworfen wird: Inspiriert durch schon existierende Alternativen und die Vernetzung mit sozialen Bewegungen möchten wir eine demokratische Suche ermöglichen. 

In der Zukunftswerkstatt zu Klima und Energie haben wir uns gefragt: Wie kann eine Energieversorgung aussehen, die sozial gerecht, demokratisch und klimaschützend ist? Gemeinsam mit zehn Vordenkerinnen und Vordenkern aus verschiedenen Nichtregierungsorganisationen haben wir eine Vision entwickelt, wie das Energiesystem im Jahr 2048 aussehen könnte.

Ein Erfahrungsbericht aus der Zukunft

Ich bin jetzt seit 20 Jahren Energiedienstleisterin und kümmere mich darum, dass die wieder vergesellschaftete Stromversorgung technisch funktioniert. Wir Energiedienstleister*innen, umgangssprachlich E-Nerds genannt, haben uns im Kollektiv organisiert. Und dieses Jahr, 2048, steige ich aus.

Dabei bin ich nicht unzufrieden mit meiner Arbeit. In den vergangenen 25 Jahren haben wir viel erreicht. Damals, nach den großen Protesten 2020, wurde schnell klar, dass die Regierungen nicht nur ihre Rivalitäten, sondern auch das Streben nach Wirtschaftswachstum aufgeben mussten, um den Planeten für Menschen bewohnbar zu halten.

Natürlich gab es großen Widerstand der Energie- und Industrielobby, aber eine ganze Generation forderte Veränderungen und schmiedete Bündnisse mit sozialen Bewegungen, der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft. Gleichzeitig wütete eine Wetterkatastrophe nach der anderen – den Regierungen fielen einfach keine guten Ausreden mehr ein und die schlechten Ausreden kosteten Stimmen bei den Wahlen.

Die neuen Machtverhältnisse veränderten auch die internationale Klimapolitik. Die auf Konkurrenz angelegten Klimaverhandlungen wurden schließlich 2030 durch einen internationalen Klimarat ersetzt. Er besteht aus 100 Personen, die 100 Weltregionen repräsentieren.

In den Weltregionen gibt es wiederum Räte aus 100 Personen, und so setzt sich das fort bis auf die Ebene der Kommunen. Dabei werden die Entscheidungen immer auf der kleinstmöglichen Ebene getroffen und die Ratsmitglieder sind streng mandatsgebunden. Das heißt, sie entscheiden nicht nach ihrem Empfinden, sondern brauchen immer die Zustimmung durch ihren eigenen Rat.

Von den ehemaligen Klimaverhandlungen sind nur die Ziele geblieben – wir haben zwar die 1,5-Grad-Grenze überschritten, sind aber auf gutem Weg, die Erwärmung auf 1,8 Grad zu begrenzen. Der Klimarat koordiniert die globalen Bemühungen und kümmert sich darum, dass die Emissionsbudgets für die einzelnen Regionen eingehalten werden. Im Notfall durch Handelsbeschränkungen, normalerweise reichen aber öffentliche Tadel.

Kai Kuhnhenn
Foto: KNÖ

Kai Kuhnhenn

hat Geoökologie und Umweltwissenschaften studiert. Er arbeitet seit 2013 im Konzeptwerk Neue Ökonomie in Leipzig, zurzeit am Projekt "Zukunft für alle – gerecht, ökologisch, machbar".

Wir in Nordosteuropa haben dabei etwas mehr Budget als der Durchschnitt auf der Nordhalbkugel, einfach weil es ziemlich kalt werden kann. Trotzdem bedeutete das Budget am Anfang eine Mammutaufgabe – keine CO2-Emissionen mehr ab 2035, weder im Stromsektor noch bei Verkehr oder Raumwärme. Wir Energiedienstleister*innen haben uns im Kollektiv organisiert um die technische Seite gekümmert.

Uns wurde aber schnell klar, dass wir das nicht schaffen können, wenn der Energieverbrauch weiter steigt. Als Antwort darauf schlugen Nichtregierungsorganisationen die "sinkende Wattgrenze" vor. Angelehnt an das Modell der 2.000-Watt-Gesellschaft, in der jeder Mensch im Schnitt nicht mehr als 2.000 Watt – oder 17.520 Kilowattstunden pro Jahr an Primärenergie – braucht, sollte der Bedarf kontinuierlich erst auf 2.000, dann auf 1.500 und schließlich auf 1.250 Watt pro Person gesenkt werden.

Wissenschaftliche Studien berechneten, dass wir dafür etwa wieder so konsumieren müssten wie 1985. Aber die Pionier*innen aus vielen "Reallaboren" widersprachen dieser Orientierung an der Vergangenheit – in solidarischen Produktionsgemeinschaften, Ökodörfern und genossenschaftlichen Unternehmen praktizierten sie schon eine umwelt- und sozial gerechte Wirtschaftsweise mit weniger Watt.

Diese Suche nach neuen Lebens- und Wirtschaftsformen nahm weiter Fahrt auf durch die Versuchsregionen "Gutes Leben" in den alten Braunkohlerevieren und den Süd-Nord-Partnerkommunen, einem Programm zum Austausch von klimagerechten Techniken und Lebensweisen zwischen globalem Süden und Norden.

Den verbleibenden Energiebedarf CO2-frei zu decken war zwar immer noch eine Herausforderung, aber bei uns im Stromsektor gab es mit den erneuerbaren Energien schon gute Alternativen, und die Konzepte zum Umgang mit fluktuierenden Quellen wie Windkraft und Photovoltaik gab es auch 2020 schon.

Die Frage war daher nicht so sehr, ob, sondern wie wir Produktion und Verteilung von Strom CO2-frei organisieren konnten. Letztendlich sind wir dabei pragmatisch vorgegangen, haben das vorhandene Stromnetz genutzt, wenn es passte, und dezentrale Lösungen für Gebiete gefunden, die sich dafür entschieden hatten.

Ich bin stolz, bei dieser Entwicklung mitgeholfen zu haben, und finde meine Arbeit auch immer noch sehr sinnvoll. Vor allem im Vergleich zu der Zeit, als ich noch kein E-Nerd war. Damals war ich als Unternehmensangestellte dafür verantwortlich, die Profite von irgendwelchen Aktienbesitzer*innen zu sichern.

Zukunft der Mobilität 2035
In den nächsten 30 Jahren muss nicht das Rad neu erfunden werden, aber die Grundlage des Wirtschaftens. (Foto/​Montage: Greenpeace/​Wuppertal Institut)

Das mit den Profiten war ohnehin ziemlich schnell vorbei, als klar wurde, dass all die fossile Energieinfrastruktur wegen Ökosteuern, Emissionsbudgets und sinkender Wattgrenze ziemlich wertlos war. Die Unternehmen gingen daraufhin pleite und die Energieversorgung drohte zusammenzubrechen.

Glücklicherweise gab es schon genug Kommunen und Städte, die Kraftwerke und Netze zurückgekauft und ökologisch umgestaltet hatten. Diese Erfahrungen führten dazu, dass die Bundesregierung die Kommunen beim Rückkauf der lokalen Energieversorgung unterstützte.

Diese übernahmen die Aufgabe, aber nur unter dem Vorbehalt, dass die Stromversorgung zukünftig der Daseinsvorsorge dienen sollte, mit kostenlosen Grundbudgets für alle Menschen. Ich bin auch deswegen froh über diese Entwicklung, weil ein umweltfreundliches, vollkommen erneuerbares Energiesystem viel leichter zu steuern ist, wenn es gemeinschaftlich geplant werden kann und nicht ein schwer berechenbarer Markt zuständig ist.

Und auch mein Nerdkollektiv werde ich vermissen. Wir sind eins von fünf Teams für Nordosteuropa und die Stimmung ist immer gut. Das hat auch gute Gründe. Einerseits war für mich persönlich die Einführung der Frauenquote für E-Nerds 2035 toll, vorher war ich doch etwas alleine.

Andererseits sind mit der Einführung des bedarfsgerechten Lohnsystems all die Leute ausgestiegen, die vor allem wegen der guten Karrierechancen und Gehälter dabei waren. Jetzt habe ich nur noch Kolleg*innen, die sich aus Leidenschaft um das hiesige Energiesystem für 300 Millionen Menschen kümmern.

Und trotzdem höre ich dieses Jahr auf, einfach weil ich mal etwas ganz anderes machen will. Um meine finanzielle Zukunft muss ich mir keine Sorgen mehr machen, seit die Allgemeine Daseinsvorsorge eingeführt wurde. Vielleicht reise ich mal ein bisschen, vielleicht als Passagierin auf einem dieser Segel-Containerschiffe zu unserer Partnerkommune in Tansania. Ich bin gespannt, wie die Techniken im Original aussehen, die wir von dort übernommen haben.

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