Bild: Kristin Rabaschus

Diese Kolumne ist eine Kooperation mit Treibhauspost, dem Klima-Newsletter von Manuel Kronenberg und Julien Gupta.

Klimamodelle versorgen uns mit Wahrscheinlichkeiten, mit möglichen Klimafolgen und Risikoabwägungen. Aber sie sind keine Kristallkugeln, die uns Ereignisse in der Zukunft auf den Tag genau vorhersagen können. Wie auch?

Die Crux dabei: Wahrscheinlichkeiten holen uns emotional einfach nicht ab. Vor allem nicht solche, die erst in Jahren und Jahrzehnten Realität werden könnten.

Der Fakt, dass Extremwetterereignisse durch die Erderhitzung häufiger und stärker werden, berührt uns nicht einmal mit einem Bruchteil der Wucht, die ein einziges Bild aus dem Ahrtal in sich trägt. Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, Zukunfts-Empathie zu entwickeln.

Das wollen wir heute ein Stück weit ändern.

 

Nachrichten aus der Zukunft

Dafür haben wir die Köpfe mit dem IT-Experten Daniel Tamberg von Sciara zusammengesteckt. Daniel entwickelt mit seinem Team Simulationen möglicher Klimaszenarien, in Zusammenarbeit mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Für diese Treibhauspost hat Daniel uns mit Daten zur Erderhitzung sowie möglichen Klimafolgen versorgt. Das sind keine Spekulationen, sondern wissenschaftlich fundierte, realistische Szenarien. Sie können genau so passieren.

Genau diese Ereignisse haben wir uns geschnappt und einfach mal das gemacht, was Wissenschaftler:innen aus gutem Grund nicht können: Wir haben eine Kurzgeschichte mit Nachrichten aus der Zukunft geschrieben. Bist du bereit für eine Klimazeitreise bis ins Jahr 2056? Los gehts.

11. Juli 2023: 1,2 Grad mehr

Du sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer deiner Mietwohnung und greifst nach dem Wasserglas. Du bist nicht durstig, aber der Typ dir gegenüber auf dem Sessel macht dich nervös. Er heißt Ronni, ein Reporter des neuen Ahrtal-Büros von Focus Online, und er schreibt eine Porträt-Reihe über Menschen, die vor zwei Jahren von der Flutkatastrophe betroffen waren.

Er hat dich nach einem Interview gefragt, weil du damals dein Zuhause in Altenahr verloren hast. Als du zugesagt hast, hieltest du das noch für eine gute Idee. Aber jetzt fragt dich Ronni die ganze Zeit nur nach deiner Tochter, die vor ein paar Wochen auf die Welt gekommen ist. Ob du dich nicht sorgst, welche Zukunft der kleinen Marla bevorstehe. Ob dir nicht bewusst sei, dass die Klimakatastrophen nur noch schlimmer und häufiger werden.

"Bereuen Sie manchmal, ein Kind in diese Welt gesetzt zu haben?", fragt Ronni.

Ihr hört Marla im Nebenzimmer schreien. Du stöhnst und springst auf. 

"Ich glaube, Sie gehen jetzt besser."

Was für ein unangenehmer Mensch, denkst du, nachdem Ronni widerwillig deine Wohnung verlassen hat. Aber hat er nicht auch irgendwo recht? Was für eine Zukunft steht Marla nur bevor?

27. Juni 2025: 1,3 Grad mehr

Deine schwitzigen Hände kleben am Lenkrad und du drehst die Klimaanlage noch ein bisschen weiter auf. Seit Tagen sorgt das Hoch "Olaf" für unerträgliche Temperaturen. Du bist auf dem Weg zur Kita, um Marla abzuholen. Sie wird heute zwei Jahre alt und ihr wollt noch zu Oma fahren.

Bild: privat

Manuel Kronenberg

ist freier Journalist in Berlin. Er studierte in München Soziologie, Kommunikations­wissenschaft und Umwelt­wissenschaften. Zusammen mit Julien Gupta gründete er 2021 den Newsletter Treibhauspost. Alle zwei Wochen erscheint eine Ausgabe mit konstruktivem und frei zugänglichem Klima-Journalismus.

Als die Nachrichten beginnen, stellst du das Radio lauter. Seit Wochen herrscht in Kanada eine tödliche Hitzewelle. Die Sprecherin verkündet einen neuen Temperaturrekord – über 51 Grad. Das ist mehr als der vorherige Rekord von vor vier Jahren, als dort das Dorf Lytton fast komplett abgebrannt ist.

Du musst an Eliza denken, eine gute Freundin aus Vancouver, die du damals auf deiner Weltreise kennengelernt hast. Euer letztes Gespräch ist schon lange her, also rufst du sie an. Eliza hebt ab und du merkst sofort, dass etwas nicht stimmt.

"Was ist los?", fragst du.

"Ich mache mir Sorgen", sagt Eliza. "Susa hatte einen Hitzeschlag, sie ist im Krankenhaus."

Susa ist Elizas Tochter, etwa in Marlas Alter. Du schluckst. Kleinkinder sind besonders anfällig für Hitze, genauso wie alte Menschen. In den Nachrichten hatten sie vorhin noch von über 11.400 Hitzetoten in Kanada gesprochen.

31. Dezember 2033: 1,49 Grad mehr

Du sitzt mit Marla im Zug nach Paris. Deine Tochter ist inzwischen zehn und erzählt dir von ihrem Traum, einmal mit eigenen Augen ein Korallenriff zu sehen. Aber sie weiß, wie stark sie gefährdet sind, und ist deshalb fest entschlossen, etwas gegen die Klimakrise zu unternehmen.

Die Erderhitzung wird im kommenden Jahr – 2034 – die 1,5-Grad-Schwelle durchbrechen. Eine Begrenzung auf zwei Grad ist auch nur noch ein weit entfernter Traum.

Klimaaktivist:innen haben deshalb für die Silvesternacht eine große Aktion in Paris angekündigt. Statt das neue Jahr zu feiern, wollen sie das Klimaschutzabkommen symbolisch platzen lassen. Aus aller Welt reisen Menschen an und auch Marla hat nicht lockergelassen, bis du zugesagt hast, mit ihr gemeinsam hinzufahren.

Die Aktivist:innen wollen die Erde in Form eines riesigen Ballons vor dem Eiffelturm aufsteigen lassen und genau um Mitternacht wie den größten Böller aller Zeiten zum Platzen bringen.

Du weißt, was zwei Grad mehr bedeuten, wie unsicher die Zukunft sein wird – und Marla weiß es auch. Du bist mehr als froh darüber, dass du dir heute nicht in Deutschland das Feuerwerk ansiehst und stattdessen auf dem Weg nach Paris bist, um zu protestieren.

So sind wir auf die Ereignisse in unserer Klimazeitreise gekommen: Anhand eines Emissions-Szenarios hat Sciara errechnet, wie die globale Durchschnittstemperatur bis 2100 ansteigt und in welchem Jahr bestimmte Ereignisse auftreten können. Grundlage ist ein Business-as-usual-Szenario – ein bisschen Klimaschutz, aber zu wenig und zu spät. (Bild: Sciara)

7. Juli 2034: 1,5 Grad mehr

Du lässt dich nach einem langen Arbeitstag erschöpft neben Marla auf die Couch fallen und stellst den Fernseher an. 20 Uhr, Tagesschau. Die Sendung ist mittlerweile zum Ticker-Kanal für Klimafolgen geworden, denkst du.

Und tatsächlich eröffnet Susanne Daubner heute wieder mit den heftigen Waldbränden im Zentrum Afrikas. Angola und Kongo sind am stärksten betroffen. Hunderte Dörfer werden evakuiert, die Feuerwehr ist komplett überfordert, Zehntausende Menschen verlieren ihre Existenz.

"Wir sollten spenden", sagt Marla.

"Schon wieder?", fragst du.

Erst gestern hatte Marla dich dazu überredet, eine ordentliche Summe für die Opfer des Sturms in Indonesien zu schicken. Und genauso im Juni, für den Wiederaufbau des bayerischen Städtchens Simbach, das komplett überflutet worden ist.

Das Spendenaufkommen ist auch Thema in der Tagesschau. Noch nie haben Deutsche so viel gegeben wie in diesem Jahr, sagt Susanne Daubner. Das Überschreiten der 1,5-Grad-Grenze und die sich häufenden Katastrophen haben offenbar eine Welle der Solidarität ausgelöst.

Du seufzt, denn du hast nicht mehr viel Geld übrig. Trotzdem spendest du ein paar Euro. Marla lächelt.

19. August 2034: 1,5 Grad mehr

Du sitzt zu Hause im Büro, als von draußen plötzlich ein Alarmsignal dröhnt. Du zuckst zusammen. Da stimmt auf einmal dein Handy ein und gibt einen lauten, hohen Signalton von sich.

NOTFALLALARM, liest du auf dem Display. Die Waldbrände, die seit Tagen im Umkreis wüten, sind außer Kontrolle. Es besteht ein erhöhtes Risiko der Rauchvergiftung.

BLEIBEN SIE ZU HAUSE. HALTEN SIE FENSTER UND TÜREN GESCHLOSSEN.

Du denkst sofort an Marla. Sie ist auf dem Geburtstag eines Schulfreunds. Du hast es von Anfang an für eine schlechte Idee gehalten, dass die Feier in einer Ferienhütte am Waldrand stattfindet – mitten im Hochsommer.

Porträtaufnahme von Julien Gupta.
Bild: privat

Julien Gupta

ist freier Journalist in Berlin und Mitgründer der Treibhauspost. Nach einem Ökonomie- und Management-Studium hat er verschiedene Start-ups mitgegründet.

Du beendest den Alarm am Handy und versuchst, die Eltern des Schulfreunds anzurufen. Das Netz ist überlastet. Mit zittrigen Fingern tippst du auf Wahlwiederholung, kommst aber wieder nicht durch. Du probierst es nochmal und nochmal. Keine Chance.

Du wippst verzweifelt auf deinem Bürostuhl hin und her. Es sind die längsten Stunden deines Lebens. Sollst du einfach losfahren und nach Marla suchen? Da klingelt es plötzlich an der Tür. Es ist der Vater des Freundes, mit Marla!

Der ganze Himmel habe sich plötzlich schwarz gefärbt, erzählt der Vater. Da seien sie sofort aufgebrochen und er habe alle Kinder nach Hause gebracht. Du atmest auf.

12. Februar 2043: 1,7 Grad mehr

Der Reißverschluss deiner Winterjacke ist schon am Anschlag. Am liebsten würdest du ihn noch zehn Zentimeter höher ziehen, so heftig pfeift der Wind um deine Ohren.

Die Evakuierungsmaßnahmen sind in vollem Gange, trotz Dunkelheit. Ein Scheinwerfer blendet dich. "Hier entlang!", weist euch eine Polizistin an. Du greifst Marlas Hand noch ein bisschen fester – du hast dich immer noch nicht ganz daran gewöhnt, dass sie mittlerweile die Hand einer jungen Erwachsenen hat.

Der Deutsche Wetterdienst warnt vor verheerenden Fluten. Ihr seid zwei von einer Million Menschen aus Norddeutschland, die ihre Häuser und Wohnungen verlassen müssen. Für wie lange? Das wisst ihr nicht. Bis die Modelle der Meteorolog:innen Entwarnung geben.

Wir hätten niemals so nah ans Meer ziehen sollen, denkst du dir im umfunktionierten Reisebus des THW, während Marlas Kopf auf deiner Schulter liegt.

Die meisten Binnenflüchtlinge kommen in Bayern unter. Als ihr in Regensburg von freiwilligen Helfer:innen in Warnwesten in Empfang genommen werdet, guckst du auf den großen Screen in der zentralen Auffangstelle.

"Wenn einer in Not ist, dann müssen wir helfen", sagt der bayerische Ministerpräsident. "Da ist es doch egal, ob einer aus Bayern oder aus Borkum kommt." Na, Gott sei Dank.

21. September 2052: 1,9 Grad mehr

Marla ist zu Besuch. Seitdem sie ihre Promotion in Biodiversity Preservation angefangen hat, seht ihr euch nicht mehr so regelmäßig. Ihr sitzt auf der Couch und guckt gemeinsam eine neue Doku, die sie dir unbedingt zeigen wollte – "The Last Corals".

Sie handelt vom tragischen Versuch eines internationalen Teams von Wissenschaftler:innen und Freiwilligen, das letzte natürliche Korallenriff der Welt zu erhalten. Es gelingt ihnen nicht. Auch mit den modernsten Geräten können sie das empfindliche Ökosystem nicht retten.

Ein letztes Close-up auf die skelettartigen, bleichen Überreste der letzten Korallen. Die Leiterin des Teams schaut direkt in die Kamera.

"That's it. They're gone."

Du hast einen Kloß im Hals, als du dich an Marlas Kindheitstraum erinnerst, einmal ein echtes Korallenriff zu sehen.

 

10. August 2056: 2,0 Grad mehr

Du streamst mal wieder die gute alte Tagesschau – die nun schon über 100 Jahre alt ist. Die Klimaanlage summt, aber daran hast du dich mittlerweile gewöhnt.

"New York. Nachdem die Zwei-Grad-Grenze im IPCC-Sonderbericht vom März für überschritten erklärt wurde, kritisiert die Generalsekretärin der Vereinten Nationen ..." Du skippst eine Minute.

"Dresden. Die Ausschreitungen in der sächsischen Landeshauptstadt spitzen sich zu. Nachdem die Bundesregierung angekündigt hat, die Grenzen kurzzeitig wieder zu öffnen, um – Zitat – 'die innere Sicherheit nicht zu gefährden', sind innerhalb weniger Tage weitere 350.000 Geflüchtete aus den überfluteten Gebieten in Bangladesch und Indien nach Deutschland gekommen. Die zuletzt aufgeheizte Stimmung entlädt sich in gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Befürworter:innen und Gegner:innen des neuen Climate Refugee Act der EU."

Als die Sendung fast zu Ende ist, ruft Marla dich an. Du platzt vor Stolz, als sie dir von ihrem neuen Job erzählt. Das UN-Klimasekretariat hat ihr eine Stelle als Invasive-Species-Managerin angeboten. Wenn das mal keine guten Nachrichten sind.

Im Hintergrund hörst du noch leise die Tagesschau-Sprecherin: "Und nun zum Wetter."


Du denkst jetzt vielleicht: Uff, ganz schön dystopisch. Genau deswegen ist es wichtig, sich bewusst zu machen: Das hier ist keine Vorhersage. Die beschriebenen Ereignisse hangeln sich an einem bestimmten Szenario entlang, an einem "Business as usual".

Es ist die wahrscheinlichste Zukunft, wenn wir Klimaschutz weiter im großen Stil verschlafen. Aber es gibt auch andere Zukunftsversionen. Szenarien, in denen die Menschheit sich zusammenreißt und eine globale Kehrtwende hinlegt. Noch besteht die Chance, für eine lebenswertere Zukunft zu kämpfen.