Wir müssen anders über die Klimakrise reden

Die jüngste Rekord-Hitzewelle im Westen Nordamerikas macht deutlich, dass sich die Berichterstattung über die Klimakrise ändern muss, argumentiert unser Gastautor, Journalist und Sozialwissenschaftler aus Kanada. Er macht auch Vorschläge, wie das aussehen könnte.


Windpark neben einem Feld in der kanadischen Provinz Alberta
Bekannt ist die kanadische Provinz Alberta vor allem für ihre Ölsand-Vorkommen. Doch inzwischen wird dort auch die Energiewende – wie hier mit Windparks – vorangetrieben. (Foto: Brian Holdsworth/​Wikimedia Commons)

Neue Normalität. Rekordverdächtig. Noch nie dagewesen.

In den letzten Tagen, in denen der Westen Kanadas und der USA unter einer klimabedingten Hitzekrise brütete, wurden alle möglichen Superlative verwendet, um noch nie dagewesene Temperaturen zu beschreiben. Die Gemeinde Lytton in der kanadischen Provinz British Columbia erreichte am 29. Juni unglaubliche 49,5 Grad Celsius und brach damit drei Tage in Folge alle bisherigen Temperaturrekorde.

Die Menschen sind verständlicherweise schockiert und erschrocken über diese Zahlen. Aber kam dies überraschend?

Nein. Wissenschaftler warnen schon seit über 40 Jahren vor dem Zusammenhang zwischen längeren, intensiveren Hitzeperioden und dem Klimawandel. Die Rede von "Normalwerten" und "neuen Rekorden" wird zunehmend bedeutungslos.

Aber die Vorstellung, die Menschheit hätte es wissen oder früher etwas gegen die Krise tun müssen – dass wir uns für unsere Untätigkeit schämen sollten –, ist für den Umgang mit der Klimakrise nicht hilfreich.

Über das Klima reden

Was also ist ein besserer, hilfreicherer Ansatz, den Klimawandel zu thematisieren?

Zunächst einmal sollte man generell mehr Zeit damit verbringen, über den Klimawandel zu sprechen. Es wird in der Öffentlichkeit viel zu wenig über dieses Thema diskutiert.

Die globale Erwärmung ist der größte Notfall, mit dem der Planet je konfrontiert war, aber man würde es nicht merken, wenn man die Nachrichten liest oder hört.

Letztes Jahr machten Berichte über den Klimawandel gerade einmal 0,4 Prozent der gesamten Medienberichterstattung in den USA aus. Im Jahr 2019 waren es 0,7 Prozent.

Selbst inmitten einer beispiellosen Hitzewelle, die sich von Kalifornien bis zum Yukon erstreckt, sind Hinweise auf den Klimawandel rar gesät.

Modell des Informationsdefizits

Paradoxerweise hat einer der größten blinden Flecken damit zu tun, wie Informationen über dieses Thema an die Öffentlichkeit weitergegeben werden.

Kamyar Razavi
Foto: privat

Kamyar Razavi

Kamyar Razavi promoviert an der School of Communication der Simon Fraser University im kanadischen Vancouver über Klimakommunikation. Sein Thema: Inwieweit bietet ein lösungsorientierter Ansatz in der Berichterstattung über den Klimawandel eine Verbesserung gegenüber konventionellen Nachrichtennarrativen und Rahmensetzungen? Zuvor arbeitete Razavi 15 Jahre als Fernsehnachrichten-Produzent.

Der konventionelle Ansatz beruht auf dem sogenannten "Informationsdefizitmodell".

Das Defizitmodell baut auf der Annahme auf, dass die Menschen etwas gegen den Klimawandel unternehmen werden, wenn sie mehr Informationen darüber haben.

Dieser informationsbasierte Ansatz hat alle Arten von Kommunikation geprägt, von öffentlichen Informationskampagnen zu den Gefahren von Alkohol am Steuer bis hin zu Nachrichtenberichten über das Klima und andere wichtige Themen.

Leider ist die Beziehung zwischen dem, wie viel Menschen wissen und wie sie handeln, nicht immer linear.

Jemanden mit mehr Fakten zu füttern, der sich mit dem Klimawandel nicht beschäftigen will, wird ihn nicht dazu bewegen, dem Problem mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Der Klimawandel ist eine komplexe Sache, die man nur schwer begreifen kann. Das kann sich zu groß, zu beängstigend und zu schwierig für eine einzelne Person anfühlen. Informationen sind zwar wichtig, reichen aber nicht immer aus.

Damit sich jemand mit dem Thema beschäftigt und auch bereit ist, etwas zu tun, muss sich die Klimakrise persönlich, nachvollziehbar, verständlich anfühlen – und vor allem lösbar.

Diagramme und Grafiken – und auch Abbildungen von Eisbären – erreichen dieses Ziel selten. 83 Prozent der Kanadier stimmen zu, dass die Erde wärmer wird. Aber nur 47 Prozent glauben, dass der Klimawandel ihnen persönlich schaden wird (in Deutschland sind die Zahlen ähnlich, Anm. der Redaktion).

Um die Menschen für das Thema zu gewinnen, müssen wir mehr Gespräche darüber führen, wie die Menschen an der Lösung des Klimaproblems arbeiten und wie diese Lösungen ihre Lebensqualität dort verbessern, wo sie leben.

Diese Gespräche rücken ein ansonsten abstraktes, kaum greifbares und beängstigendes Problem in den Bereich des Alltäglichen und lassen es lösbar erscheinen, was es ja auch ist.

Lösungen sind wichtig

Umweltkommunikatoren weisen seit Langem darauf hin, dass das übermäßige Verbreiten von Angstbotschaften im Zusammenhang mit dem Klimawandel eines der Hauptprobleme ist, wenn es darum geht, die Öffentlichkeit für dieses Thema zu begeistern.

Die Herausforderung besteht darin, die warnenden Stimmen mit Informationen über wirkungsvolles Handeln zu verknüpfen, also mit dem, was die Menschen tatsächlich tun können, um die Angst zu mindern.

Die Kombination von Angst und wirkungsvollem Handeln führt zu dem, was als "Gefahrenkontrolle" bezeichnet wird, das heißt zu Maßnahmen zur Abschwächung der Gefahr, im Gegensatz zur "Angstkontrolle", womit Maßnahmen zur bloßen Ausschaltung der Angst gemeint sind.

Im Fall von Covid-19 war klar, welche Maßnahmen sinnvoll und wirkungsvoll sind: Händewaschen, Abstand halten, Mundschutz tragen. Im Fall des Klimawandels sind Informationen, wie wirkungsvolles Handeln aussehen könnte, weit weniger offensichtlich. Und es ist schwieriger, danach zu handeln.

Es wird oft argumentiert, dass die großen Emittenten, vor allem die Hersteller fossiler Brennstoffe, die Hauptschuld tragen und für die Beseitigung des Schlamassels verantwortlich sind. Der britische Guardian weist darauf hin, dass 100 Unternehmen für 71 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich sind.

Ja, es ist klar, dass die Welt aufhören muss, fossile Brennstoffe – Öl, Gas und Kohle – zu verbrennen. Aber um dorthin zu gelangen, können auch Einzelpersonen ein Beispiel dafür geben, wie umweltfreundliches Verhalten aussieht.

Das kann etwas ganz Einfaches sein wie das Posten von Fotos in den sozialen Medien von gemeinsamen Umweltschutzaktionen, Naturspaziergängen oder Postings über jede Art von umweltfreundlichem Verhalten, wie etwa das Fahren mit dem Fahrrad oder Bus.

Diese Form der Kommunikation – im Gegensatz zu Bildern, die einen CO2-intensiven Lebensstil feiern – verankert die Dringlichkeit, Wichtigkeit und Möglichkeit, die Erde zu schützen, im alltäglichen Leben.

Einige der effektivsten Kommunikatoren sind TV-Nachrichtenmeteorologen, die oft eine treue Fangemeinde haben. Viele von ihnen diskutieren darüber, wie sich die Klimakrise dort überwinden lässt, wo die Menschen leben.

Sehen heißt Glauben

In aller Regel baut die Kommunikation rund um das Thema Risiko auf dem Standard moralischer Ge- und Verbote auf – dass man etwas tun oder lassen sollte. Zum Beispiel, wenn ein Parkschild den Besuchern mitteilt, dass sie die Enten nicht füttern sollen, weil menschliches Essen schlecht für die Tiere ist. Trotzdem füttern die Besucher die Enten weiter.

Stattdessen sollten sich Kommunikatoren auf "deskriptive soziale Normen" verlassen, also auf Beschreibungen von Verhaltensweisen, die andere, wie sie selbst, bereits tun und von denen sie profitieren.

In Großbritannien forderte eine Kampagne im Jahr 2015 die Menschen auf: "Nimm deinen Müll wieder mit wie andere Leute auch." Das reduzierte das Vermüllen von Parks mit größerer Wahrscheinlichkeit als Schilder mit der Aufschrift: "Bitte halten Sie Ihren Park sauber, indem Sie keinen Müll wegwerfen."

Lösungen, vor allem in Form von Berichten über Menschen und Gemeinschaften, die Maßnahmen zur Lösung der Klimakrise ergreifen, gehören zu den effektivsten Möglichkeiten, den Notstand zu kommunizieren.

Die Serie "First Nations Forward" des kanadischen Online-Nachrichtenmagazins National Observer ist ein großartiges Beispiel für diese Art der Berichterstattung. Eine Geschichte nach der anderen beschreibt, wie die First-Nations-Gemeinden in British Columbia eine Vorreiterrolle beim Übergang zu einer Zukunft mit erneuerbaren Energien einnehmen.

Auch Mainstream-Nachrichtenmedien wie der kanadische TV-Sender Global News, für den ich arbeite, widmen dem Klima mehr Zeit und überdenken ihre Berichterstattung. In einer kürzlich erschienenen Story ging es um die Energiewende, die in Kanadas Ölsand-Provinz Alberta bereits im Gange ist.

Solche Berichte über Veränderungen, die funktionieren, senden die Botschaft, dass Maßnahmen zur Abschwächung der Klimakrise durch normale Menschen durchführbar, normal, ermächtigend und wünschenswert sind.

Sie ermutigen und mobilisieren die Öffentlichkeit, die bereit ist zu handeln, indem sie sichtbare Beispiele dafür liefern, wer vorangeht und den Weg weist.

Sie führen außerdem dazu, dass die Debatte nicht länger um Skeptiker und Leugner kreist. Vielmehr werden umweltfreundliche Werte und Verhaltensweisen gestärkt und unterstützt – für die wachsende Zahl von Menschen, die bereits alarmiert oder besorgt über den Klimanotstand sind.

Weit davon entfernt, das Narrativ der Angst voranzutreiben, vermitteln Geschichten über Klimalösungen den Leuten ein Gefühl der Wirksamkeit und Handlungsfähigkeit angesichts der drohenden Gefahr.

Mit anderen Worten, sie engagieren die Öffentlichkeit für den Klimawandel, indem sie das tun, was jede gute Kommunikation tut: die Menschen dort abholen, wo sie sind, durch mobilisierende Berichte.

Das ist das Einmaleins des Erzählens: das Publikum einbinden, statt dafür zu sorgen, dass es sich abwendet, wie es die meisten Klimaberichte tun.

Übersetzung: Verena Kern

Diesen Beitrag haben wir mit freundlicher Genehmigung des Magazins The Conversation unter einer Creative-Commons-Lizenz übernommen. Den Artikel im Original können Sie hier lesen. The Conversation

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