"Gefährdete Gebäude nicht an derselben Stelle wieder aufbauen"

Der Risikoforscher Ortwin Renn plädiert dafür, als Konsequenz aus den Überschwemmungen über Umsiedlungen einzelner Häuser und Ortsteile nachzudenken – bei ganzen Dörfern allerdings nur, wenn sie regelmäßig heimgesucht werden.


Überflutete und zerstörte Häuser und zerstörte Bahnstrecke in Altenahr-Altenburg direkt an der Ahr.
Vom Hochwasser in der vergangenen Woche zerstörte Häuser in Altenburg im Ahrtal. (Foto: Martin Seifert/​Wikimedia Commons)

Klimareporter°: Herr Renn, Dörfer wie Schuld in der Eifel oder die Stadt Erftstadt bei Köln wurden von den Überschwemmungen der vergangenen Tage verwüstet. Die Landesregierungen und die Bürgermeister planen nun, die zerstörten Gebäude wieder aufbauen zu lassen. Muss man sich nicht eher an den Gedanken gewöhnen, gefährdete Siedlungen woandershin zu verlegen?

Ortwin Renn: Ja, Umsiedlungen können sinnvoll sein. Allerdings nur, wenn die betroffenen Orte regelmäßig von Naturkatastrophen heimgesucht werden.

Deswegen sind beispielsweise am Rhein Siedlungen schon verlagert worden. Die Dörfer und Kleinstädte, die es nun getroffen hat, gehören jedoch nicht zu den am meisten gefährdeten Gebieten.

Wie sieht es bei Wohnhäusern aus, die in engen Tälern direkt an Bächen und Flüssen stehen?

Viele Anwohner trösten sich mit dem Gedanken, dass solche Überschwemmungen nur alle 100 Jahre vorkommen. Diese Hoffnung mag sich aber als trügerisch erweisen. Besonders gefährdete Gebäude sollten deshalb verlegt und nicht an derselben Stelle neu errichtet werden.

Schuld liegt in einer engen Schleife des Flusses Ahr. Hochwasser kann gar nicht woandershin als ins Dorf.

In solchen Fällen ist es ratsam, flussaufwärts Polderflächen zu schaffen, auf die sich das Wasser teilweise ableiten lässt. Wobei dies bei den betroffenen Grundstücksbesitzern oft auch nicht gut ankommt. Aber es ist sehr viel preiswerter, als etwa Dämme unmittelbar im Ort zu errichten. Dafür ist teilweise auch gar kein Platz.

Die Burg von Erftstadt-Blessem stand solide seit Jahrhunderten. Nun ist sie schwer beschädigt. Zeigt das nicht, dass neue Maßnahmen nötig sind?

Wetterextreme wie Starkregen kommen aufgrund des Klimawandels jetzt häufiger und intensiver. Trotzdem treten solche Ereignisse nur punktuell ein. Und sie lassen sich schwer vorhersagen. Wir können deshalb nicht jede mittelalterliche Burg untersuchen und schützen. Allerdings tun wir gut daran, die öffentliche Infrastruktur zu überprüfen, Brücken zu stabilisieren, eventuell auch Straßen und Leitungen anders zu verlegen.

Wurde beispielsweise aus den Elbe-Fluten von 2002 und 2006 auch die Konsequenz gezogen, Siedlungen zurückzunehmen?

An der Elbe sind nicht alle Gebäude wieder dort errichtet worden, wo sie vorher standen. Neue Polderflächen kamen ebenfalls hinzu. Wobei die Menschen an großen Flüssen mit längeren Vorwarnzeiten kalkulieren können. An kleineren Flüssen wie der Ahr muss es künftig wohl auch darum gehen, sehr schnelle Warnungen an die örtliche Bevölkerung herauszugeben.

Wird heute noch zu wenig unternommen, um Siedlungen vor den Folgen des Klimawandels zu schützen?

Porträtaufnahme von Ortwin Renn.
Foto: IASS

Ortwin Renn

ist Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Trans­formative Nach­haltigkeits­forschung (IASS) in Potsdam und Professor für Umwelt und Technik­soziologie an der Universität Stuttgart. 2014 veröffentlichte er das Buch "Das Risiko­paradox. Warum wir uns vor dem Falschen fürchten" und 2019 "Gefühlte Wahrheiten: Orientierung in Zeiten post­faktischer Verunsicherung".

Die aktuellen Überschwemmungen sind möglicherweise ein Weckruf. Bisher kam es in Deutschland zwar hin und wieder zu großen Sachschäden, Menschen starben aber kaum. Das hat sich nun geändert. Über vieles wird man deshalb neu nachdenken.

Was müsste passieren?

Auf jeden Fall dürfen wir solche Naturgefahren nicht mehr unterschätzen. Die Behörden müssen regelmäßige Übungen durchführen, um sich und die Bevölkerung vorzubereiten.

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