Schrumpfende Stilllegungskosten, extreme Winter und verletzliche Welternährung

Kalenderwoche 14: Der menschengemachte Klimawandel hat den Produktivitätszuwachs der Landwirtschaft verlangsamt, sagt Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe und Mitglied des Herausgeberrats von Klimareporter°. Das wird in naher Zukunft zu einem noch bedrohlicheren Faktor bei der Welternährung.


Porträtaufnahme von Hartmut Graßl.
Hartmut Graßl. (Foto: Christoph Mischke/​VDW)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.

Klimareporter°: Herr Graßl, gemäß der zweiten Ausschreibungsrunde für das Stilllegen von Steinkohlekraftwerken sollen bis Ende des Jahres 1.500 Megawatt vom Netz gehen – darunter auch Anlagen, die kaum ausgelastet waren. Helfen solche Ausschreibungen dem Klimaschutz?

Hartmut Graßl: Deutschland hat ein Gesetz zum Ausstieg aus der Kohlenutzung für die Erzeugung von elektrischem Strom bis spätestens 2038. Also greift die Politik für die Besitzer von noch funktionsfähigen und auch mit Erlaubnis betriebenen Kohlekraftwerken in ihren Privatbesitz ein. Vorzeitiges Stilllegen solcher Kraftwerke ist also mit Kosten für die Steuerzahler verbunden.

In der zweiten Ausschreibung für dieses Jahr 2021 sollten 1.500 Megawatt Leistung alter Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden, sodass anders als beim Kernenergieausstieg ein Konsens mit den Kraftwerksbetreibern über die Kompensationszahlung erzielt werden kann und keine Klagen drohen.

Immer stärker werden in Zukunft – wie schon dieses Jahr – nur teilweise ausgelastete Steinkohlekraftwerke darunter sein. Denn die ins Stromnetz eingespeiste Leistung der erneuerbar produzierenden Anlagen ist bereits so hoch, dass bei jedem stärkeren Tiefdruckgebiet im Winterhalbjahr und tagsüber bei kräftigem Hochdruckgebiet im Sommerhalbjahr bundesweit fast keine Steinkohlekraftwerke mehr gebraucht und gelegentlich auch Braunkohlekraftwerke heruntergefahren werden.

Das kann jeder täglich im "Agorameter" mit hoher zeitlicher Auflösung auf Basis der Daten der Kraftwerksbetreiber sehen, die vom Wirtschaftsministerium veröffentlicht werden. Ich finde es gut, dass sich diese klimaschädlichen Kraftwerke kaum noch rentieren und damit die Stilllegungskosten schrumpfen.

US-Präsident Joe Biden hat vergangene Woche seinen Infrastrukturplan vorgestellt. Danach sollen allein 1.000 Milliarden US-Dollar in Klimaschutzmaßnahmen fließen. Kann die Billion helfen, die Emissionen der USA deutlich zu senken?

Wer die USA besucht, sieht sofort, dass die Stromleitungen und die Wärmeisolierung der Häuser sehr zu wünschen übrig lassen und die Energievergeudung stärker zum Lebensstil gehört als bei uns.

Wenn es Präsident Biden gelingt, die Treibhausgasemissionen weiter und noch schneller zu senken – das hat bereits unter Präsident Obama begonnen – und wieder stärkere und voll demokratische Vereinigte Staaten zu schaffen, dann ist das nicht nur für die globale Klimapolitik gut, sondern auch für uns Europäer.

Ich freue mich auf den Wettbewerb zwischen der Europäischen Union und den USA in der Klimapolitik und auf einen wieder verlässlicheren transatlantischen Partner für unsere Sicherheit.

Eine aktuelle Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die starken Schneefälle über Nordeuropa in diesem Jahr zu einem großen Teil auf den Meereisverlust in der Barentssee im Arktischen Ozean zurückgehen. Bereitet Ihnen die geringe Ausdehnung der Meereisdecke in der Arktis im vergangenen September Sorgen?

Wenn sich die Erde wie zurzeit durch den verstärkten Treibhauseffekt rasch erwärmt, werden die Häufigkeitsverteilungen der wichtigsten Klimaparameter – nämlich der Temperatur und des Niederschlags – nicht nur verschoben, sondern auch oft verbreitert. Damit werden Extremwerte an den Rändern der Verteilungen noch häufiger als bei einer Verschiebung ohne Verbreiterung.

Durch die jetzt vor allem in der Barentssee geringere Meereisbedeckung hat zum Beispiel der Polarwirbel, der sich in der Polarnacht bildet, häufiger die Tendenz zu einer Verlagerung und einer Aufspaltung als früher. Dadurch tritt trotz mittlerer globaler Erwärmung öfter extreme Kälte im östlichen Nordamerika oder je nach Lage des verbleibenden Polarwirbels auch im östlichen Mitteleuropa auf – siehe dazu die mit dem Wladimir-Peter-Köppen-Preis des Jahres 2018 ausgezeichnete Dissertation von Marlene Kretschmer.

Die in Ihrer Frage angesprochene Studie beschreibt hierzu eine neue Facette: Das internationale Team zeigt, dass die im Winter überwiegend eisfrei bleibende Barentssee die Quelle für den hohen Wasserdampfgehalt über diesem Meer ist, der sich in Nordeuropa als extremer Schneefall niederschlägt.

Wir müssen bei weiterer Erwärmung mit einer noch länger eisfrei bleibenden Barentssee und zugehörigen Wetterextremen rechnen. Klimaschutz wird also auch dadurch immer dringlicher.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die von uns Menschen verursachten Klimaänderungen der vergangenen Jahrzehnte haben den Produktivitätszuwachs der Landwirtschaft verlangsamt. In einem Beitrag in Nature Climate Change haben Ariel Ortiz-Bobea und mehrere Kollegen mit einem ökonometrischen Modell die Wirkung von Wetterkapriolen auf die globale Produktivität der Landwirtschaft abgeschätzt. Laut ihrer Veröffentlichung hat die Produktivität seit 1961 dadurch um etwa 21 Prozent abgenommen.

Diese Verlangsamung des Produktivitätszuwachses ist gleichbedeutend mit einem Verlust des Produktivitätsfortschritts durch landwirtschaftliche Forschung von sieben Jahren. Der Effekt ist in den tropischen Regionen in Afrika, Lateinamerika oder der Karibik mit 26 bis 34 Prozent weit höher.

Die Welternährung ist durch die anthropogene Klimaänderung also schon jetzt verletzlicher geworden. Dass der Produktivitätsfortschritt in der Landwirtschaft langsamer wird, wird bei weiter wachsender Bevölkerung schon in naher Zukunft ein noch bedrohlicherer Faktor.

Fragen: Sandra Kirchner

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