"Die Klimawandel-Effekte konkurrieren miteinander"

Seit Wochen hält sich ein Ozonloch über dem Nordpol. Eine Ursache ist das außergewöhnliche Winterwetter. Hat das mit der Klimakrise zu tun? Klimaphysikerin Marlene Kretschmer erklärt im Interview, was die Wissenschaft darüber weiß.


Eisbär
Wenn wir von "dem" Ozonloch sprechen, meinen wir normalerweise das über dem Südpol. Jetzt wurde auch über der Arktis eines entdeckt.  (Foto: University of Washington/​Flickr)

Klimareporter°: Frau Kretschmer, das Ozonloch, das über der Arktis entdeckt wurde, wird auch mit einer außergewöhnlichen Wetterlage begründet. Hat der Klimawandel seine Finger im Spiel?

Marlene Kretschmer: Das Ozonloch führt man unter anderem auf den Polarwirbel der Nord-Hemisphäre zurück. Dieses große Tiefdruckgebiet bildet sich jeden Winter über der Arktis, es wird vor allem durch den Temperaturunterschied zwischen Nordpol und Äquator sowie durch die Erdrotation angetrieben. Der Effekt war dieses Jahr besonders ausgeprägt.

Ein schneller, starker Polarwirbel geht mit geringen Ozonkonzentrationen in der Atmosphäre einher. Das liegt an chemischen Reaktionen zwischen Sauerstoff und UV-Strahlen in der Stratosphäre und ist ganz natürlich. Die Frage, wie sich der menschengemachte Klimawandel auf den Polarwirbel auswirkt, ist nicht trivial.

Man kann also noch nicht genau sagen, ob Wetterlagen, die ein Ozonloch über der Nordhalbkugel begünstigen, künftig häufiger auf uns zukommen?

Wie der Polarwirbel ausfällt, wird von mehreren Faktoren beeinflusst. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass er im Zuge des Klimawandels eher schwächer wird.

Der immer stärkere Rückgang des Meereises im Herbst führt beispielsweise dazu, dass der Arktische Ozean mehr Wärme aus Sonnenstrahlen aufnimmt, die er in den Folgemonaten wieder abgibt. Das kann Wellen in der Atmosphäre verstärken, die bis in die Stratosphäre reichen und den Polarwirbel schwächen.

Das macht die Lage in diesem Winter also noch außergewöhnlicher.

Porträtaufnahme von Marlene Kretschmer.
Foto: PIK

Marlene Kretschmer

ist Klima­physikerin an der University of Reading und Gast­wissen­schaftlerin am Potsdam-Institut für Klima­folgen­forschung. Für ihre Dissertation wurde sie mit dem Wladimir-Peter-Köppen-Preis 2018 ausgezeichnet. In der Arbeit befasste sie sich mit dem Polarwirbel und der Frage, inwiefern die Klimakrise dazu beigetragen hat, dass es zuletzt doch häufiger kalte Winter in gemäßigten Breiten gab.

Ja, allerdings gibt es auch noch andere Faktoren, die den Polarwirbel beeinflussen. Für seine künftige Verstärkung spricht zum Beispiel, dass der Pazifik sich jetzt zunehmend erwärmt. Es gibt Hinweise darauf, dass dann weniger Wellen die Stratosphäre erreichen und der Polarwirbel stärker ist, allerdings ist dieser Effekt noch nicht gut erforscht.

Die Effekte konkurrieren teilweise miteinander. Welcher sich durchsetzen wird, ist bisher nicht klar. Wie stark der Polarwirbel ist, wirkt sich übrigens nicht nur auf die Ozonschicht aus, sondern auch direkt auf unser Winterwetter auf der Nordhalbkugel.

Dieses Jahr war es ja sehr mild.

Aber es gab auch viele Stürme, außerdem Überflutungen in Großbritannien und Trockenheit im Mittelmeerraum. Wenn der Polarwirbel stärker wird, können wir solche Winter häufiger erwarten. Ansonsten werden die Winter kälter.

Insgesamt zeigt sich also wieder einmal: Greift der Mensch ins Klimasystem ein, kann das weitreichende Folgen haben. Der Blick auf die Ozonschicht in der Atmosphäre kann dabei lehrreich sein. Das hartnäckige Ozonloch über dem Südpol haben wir Menschen ziemlich direkt durch unsere Verwendung von FCKW zu verantworten, das mit dem Ozon reagiert. Das Montreal-Protokoll hat die Stoffe verboten, und tatsächlich baut sich die Ozonschicht seither langsam wieder auf. Das zeigt, dass globale Umweltpolitik zur Erfolgsgeschichte werden kann.

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