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Grünstrom-Zertifikate tragen nicht zur Emissionsreduktion bei

Viele Unternehmen kaufen sich Herkunftsnachweise für Ökostrom, um ihren CO2-Fußabdruck zu verringern. Doch Expert:innen bezweifeln, dass der Handel mit diesen Zertifikaten auch tatsächlich den gewünschten Effekt hat. Nun berechnete ein Forschungsteam das Ausmaß der Täuschung.


Älteres Wasserkraftwerk aus Beton mit vier Segmenten.
Mit billigen Herkunftsnachweisen von bereits abgeschriebenen Wasserkraftwerken wird ein Beitrag zur Energiewende vorgetäuscht. (Foto: Henning Sørby/​Shutterstock)

Jedes Unternehmen muss seinen Teil leisten, um zur Einhaltung des Pariser Klimaabkommens beizutragen. Dadurch soll die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzt werden.

Eine Reihe staatlicher und nichtstaatlicher Akteure hat dafür die "Science Based Targets initiative" gegründet. Wenn ein Konzern an dem Programm teilnimmt, werden "wissenschaftsbasierte Ziele" für ihn berechnet und deren Einhaltung dokumentiert.

Seit 2015 haben sich weltweit knapp 1.500 Unternehmen für diesen Weg entschieden. Doch eine Forschungsgruppe um Anders Bjørn von der Concordia University in Montreal erhebt nun Zweifel an der Wissenschaftlichkeit dieser science-based targets – und damit auch an ihrer Wirksamkeit.

Ausgangspunkt der Kritik ist, dass die teilnehmenden Firmen ihre Emissionen entsprechend diesen Zielen reduzieren können, indem sie Herkunftsnachweise für Ökostrom erwerben. Die Emissionen sinken dadurch rechnerisch, weil dieser Teil der verbrauchten Energie als "grün" deklariert wird.

Ein Ökostromproduzent erhält für jede erzeugte Megawattstunde ein solches Zertifikat (nicht zu verwechseln mit den CO2-Zertifikaten aus dem Emissionshandel). Diesen Nachweis kann das Energieunternehmen verkaufen – getrennt vom eigentlichen Strom, den es nach wie vor ins Netz einspeist.

Eine Firma mit science-based targets und einem angenommenen Jahresstromverbrauch von 100 Megawattstunden kann also 100 Ökostrom-Zertifikate kaufen und dann behaupten, es würde – zumindest beim Strom – keine CO2-Emissionen mehr verursachen.

Dabei ist zwar durch die Herkunftsnachweise garantiert, dass irgendwo Elektrizität aus erneuerbaren Energien produziert wird – das Unternehmen selbst bezieht aber trotzdem weiter Graustrom, also Strom unbekannter Herkunft.

Billige Zertifikate von Alt-Anlagen

Genau hier liegt das Problem. "Wir wissen, dass eine Umetikettierung von grauem Strom mit Zertifikaten keinen Umweltnutzen bringt", sagt Constantin Zerger von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Es gebe es zu viele "Ramsch-Zertifikate", wie die DUH sie nennt.

Das sind besonders günstige Herkunftsnachweise, die beispielsweise die Betreiber eines jahrzehntealten Wasserkraftwerks ausstellen können, weil sie nur noch die laufenden Kosten decken müssen. Die Zertifikate eines neu errichteten Windparks sind viel teurer, schließlich müssen damit die Investitionen in die Anlage ausgeglichen werden.

Kaufen Unternehmen also günstige Herkunftsnachweise, wird gar kein zusätzlicher grüner Strom produziert. Energieexpert:innen sprechen von der fehlenden "Additionalität" oder "Zusätzlichkeit" dieser Methode: Weil sie den Ausbau von grünen Energien nicht fördern, trügen Ökostrom-Zertifikate nicht dazu bei, dass weniger Treibhausgase ausgestoßen werden.

Die Forscher:innen um Anders Bjørn haben nun in der Fachzeitschrift Nature Climate Change analysiert, wie sich die Emissionen von Unternehmen tatsächlich entwickeln, wenn man die angeblichen Einsparungen durch den Kauf von Herkunftsnachweisen herausrechnet. Dazu begutachteten sie 115 über die ganze Welt verteilte Unternehmen, die sich zu science-based targets verpflichtet hatten und von denen die vollständigen Zahlen vorlagen.

Der Kauf von Ökostrom-Zertifikaten war für die überprüften Firmen der vermeintlich größte Schritt in Richtung Pariser Klimaabkommen. Kaum überraschend, schließlich ist es die günstigste Möglichkeit, Emissionen zu reduzieren – zumindest auf dem Papier.

Insgesamt gaben die Unternehmen zwischen 2015 und 2019 eine Verringerung ihres CO2-Ausstoßes um knapp 31 Prozent bei den sogenannten Scope-2-Emissionen an. Das sind solche, die durch zugekauften Strom verursacht werden. Zieht man den Erwerb von Herkunftsnachweisen davon ab, bleibt laut der Studie jedoch nur eine Reduktion um zehn Prozent übrig.

Damit verfehlen die meisten der untersuchten Unternehmen ihr vereinbartes Soll zum Paris-Abkommen. Nur jede dritte Firma war nach den Neuberechnungen tatsächlich auf dem Pfad in Richtung 1,5-Grad-Grenze.

"Keine Beweise für indirekte Markteffekte" 

Für Constantin Zerger ist die Studie ein "wertvoller Beitrag", weil nun erstmals eine fundierte Auswertung vorliegt, wie viel der von Unternehmen angegebenen Emissionsreduktion in der Realität überhaupt nicht stattfindet.

"Diese Studie müssen die Vorstände auch in deutschen Konzernen als Warnsignal lesen. Sie sollten sie zum Anlass nehmen, ihre eigenen Klimaziele einer kritischen Überprüfung zu unterziehen", so der Energieexperte. "Die Frage ist ja nicht, ob sich ein Klimaziel besonders gut vermarkten lässt, sondern ob es wirklich etwas für das Klima bringt."

Es gibt aber auch Einrichtungen wie das Center for Resource Solutions in Kalifornien, die davon ausgehen, dass Herkunftsnachweise eine Langzeitwirkung entfalten können. Das geschehe, wenn man Emissionszertifikate von frisch gebauten Anlagen kauft, um die Nachfrage nach neuen Ökostrom-Anlagen zu erhöhen. Dabei sollte sich der Zertifikatehandel möglichst auf den innerstaatlichen Markt beschränken, weil so ein direkterer Bezug zwischen Nachfrage und Angebot besteht und weniger "Ramsch-Zertifikate" den Markt überschwemmen.

Doch laut dem Team um Bjørn gibt es bisher "keine Beweise für die Existenz solcher indirekten Markteffekte". "Unternehmen, die als Klimaschutz-Vorreiter wahrgenommen werden wollen, sollten die Verwendung von unwirksamen Zertifikaten für erneuerbare Energien vermeiden, um das Risiko eines vermeintlichen Greenwashings zu minimieren", schreiben die Autor:innen in einem Begleitartikel zur Studie.

Die Forscher:innen empfehlen, dass Unternehmen sich stärker um direkte Bezugsverträge (Power Purchase Agreements, PPAs) bemühen sollten. Das sind Vereinbarungen, die unmittelbar mit den Stromerzeugern abgeschlossen werden. Das fördere den Ausbau erneuerbarer Energien direkt.

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