Die ökologischen Scheinriesen

Die bundesdeutsche Mittelklasse hält viel von Umweltschutz. Wer dem guten Willen auch Taten folgen lassen will, muss sich um die sogenannten "Big Points" kümmern, sagt das Umweltbundesamt: Mobilität mit wenig Sprit und Kerosin, energiesparendes Wohnen, geringer Fleischkonsum. Zur Massenbewegung wird das nur mit der richtigen Finanzpolitik.


Zweistöckige Backstein-Reihenhäuser mit Solarpaneelen auf dem gesamten Dach.
Von den "bewussten Durchschnittsverbrauchern" brauchen wir viel mehr, sagt das UBA. Dafür müsste die Politik zum Beispiel Energie statt Arbeit besteuern. (Foto: Christine Westerback/​geograph)

Die Öko-Mama. Sie fährt im SUV 20 Kilometer zum Bio-Bauernhof, um umweltbewusst Kartoffeln, Äpfel und Eier für die Familie einzukaufen. Der Grünen-Wähler. Er ist passionierter Urlauber, gerne auch mal in Australien, Namibia oder Costa Rica. Der Öko-Journalist. Wohnt im großen Haus, natürlich draußen im Grünen und mit weitem Weg in die Redaktion.

Alles Klischees, natürlich. Nur leider, wie bei allen Klischees gilt: Es ist was Wahres dran. Wie viel, das zeigt eine neue Untersuchung des Umweltbundesamts (UBA). Es hat darin erstmals die beim Konsum der Bundesbürger anfallenden Verbräuche von Energie und Ressourcen sowie den CO2-Ausstoß repräsentativ über die wichtigen Konsumfelder und gesellschaftliche Gruppen hinweg analysiert. Ergebnis: Wer mehr Geld hat, schädigt auch Umwelt und Klima meist mehr – und zwar unabhängig davon, ob er sich als umweltbewusst einschätzt oder nicht.

Der Grund ist klar: Mehr Einkommen fließt oft in schwerere Autos, größere Wohnungen und häufigere Flugreisen, auch wenn die Menschen sich sonst im Alltag umweltbewusst verhalten – den Müll ordentlich trennen, öfter mal aufs Fahrrad umsteigen und beim Kauf des neuen Fernsehers auf den Stromverbrauch achten. Doch gerade diese erstgenannten "Big Points", so das UBA, beeinflussen die persönliche Ökobilanz am stärksten. Die anderen guten Taten wiegen das nicht auf.

Umweltbewusstsein reicht nicht aus

Die ernüchternde Erkenntnis daraus: Umweltbewusstsein führt keineswegs automatisch zur guten Umweltbilanz. Was die "Ökos" an einer Stelle einsparen, hauen sie woanders dreifach wieder raus. Dagegen belasten gerade Menschen aus armen Haushalten, die wenig auf Energieeffizienz und Ressourcenschutz achten, die Umwelt am wenigsten.

Eine kleine Gruppe freilich gibt es unter den Umweltbewussten, die vorbildlich erscheint. Das UBA nennt sie die "bewussten Durchschnittsverbraucher". Bei diesen führen höheres Einkommen und hohes Umweltbewusstsein zu einer guten Umweltbilanz, weil sie sich bei den "Big Points" richtig verhalten. Wie die das machen? Sparsames Auto oder Carsharing, energiesanierte Wohnung, geringer Fleischkonsum, Investitionen in Solaranlagen oder Windkraft-Genossenschaften, wenig Flugreisen und CO2-Kompensation.

Indes: Wer will darauf warten, bis alle 82 Millionen Bundesbürger von selbst erstens an die nötige Knete dafür und zweitens dann auf diesen Öko-Trip kommen? Es wird nämlich nie passieren, solange Energie und Ressourcen zu billig sind, die Preise ergo nicht die "ökologische Wahrheit" sagen. Deswegen muss die überfällige "grüne" Finanzreform endlich einmal angepackt werden. Mit sozialer Flankierung natürlich. Denn Umweltschutz durch Energiearmut wirkt zwar, siehe oben, ist aber unsinnig.

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins Klimareporter°.

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