Die solare Umwälzung von unten

Solarmodule sind inzwischen so günstig geworden, dass sich viele Haushalte ein eigenes "Kraftwerk" leisten könnten. Bei öffentlicher Startförderung wäre der eigene Strom unschlagbar preiswert – und nicht nur das: Dies könnte der Energiewende einen entscheidenden Schub verpassen.


Vierstöckiger moderner Plattenbau im Dunkeln, die meisten Fenster sind beleuchtet.
Strom vom Dach kann bisher nur mit großen bürokratischen Hürden im Wohnblock ausgetauscht werden. (Foto: Hans Braxmeier/​Pixabay)

Der neue Solar-Booster beginnt damit, dass jeder Haushalt sich eine passende Solaranlage besorgen kann – ob auf dem Balkon, im Garten oder auf dem Dach – und sie dann einfach in die Steckdose einstöpselt. Anmelden und irgendjemand um Erlaubnis fragen – das gehört ab jetzt der Vergangenheit an.

Die Stabilität des Stromnetzes gefährdet das nicht. Das ist ein beliebtes Märchen der Netzbetreiber. Diese müssten eigentlich nur auf den Wetterbericht schauen, um ausreichend kalkulieren zu können, wie viel Sonnenstrom eingespeist werden wird.

Zudem sortieren die Netzbetreiber die Haushalte schon jetzt in verschiedene Profile ein – je nach Personenzahl, Wohnlage und Ausstattung –, um dann den Lauf der täglichen Verbrauchskurve voraussagen zu können. Experten sind schon lange der Ansicht, dass auch für Haushalte mit Solaranlagen spezielle Lastprofile eingerichtet werden können und die Abrechnung sich radikal vereinfachen lässt.

Bislang sind Haushalts-Solarstromer auf den guten Willen ihres Netzbetreibers angewiesen. Denn die letztlich zuständige Bundesnetzagentur schreibt für Balkonanlagen noch immer vor, dass die Stromeinspeisung "stets gemessen und bilanziert werden" muss. Aber das lässt sich ändern.

Damit sich auch jeder Haushalt eine Solaranlage leisten kann, wird künftig deren Anschaffung durch die öffentliche Hand gefördert – am besten so gut, dass einkommensschwache Haushalte die Anlage quasi zum Nulltarif bekommen, wie das jetzt in Düsseldorf und Jena festgelegt oder geplant ist. Kostet die Anlage wenig bis gar nichts, dann senkt der eigene Strom auch sofort die Stromkosten.

Mit 500 Euro Förderung pro Haushalt ließe sich nach heutigen Preisen schon eine 300-Watt-Balkonanlage anschaffen. Würde beispielsweise das Dienstwagenprivileg abgeschafft und die frei werdende Summe von drei Milliarden Euro in die Solarförderung privater Haushalte gesteckt, könnten mehrere Millionen Haushalte mit Solaranlagen ausgestattet werden.

In kurzer Zeit würde sich die Zahl privater Solaranlagen vervielfachen. Derzeit gibt es in Deutschland laut dem Marktstammdatenregister mehr als 2,4 Millionen Anlagen für solare Strahlungsenergie. Nur 200.000 davon sind sogenannte Steckersolaranlagen. Von denen fällt aber laut einer Marktstudie der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin nur gut ein Drittel unter die Kategorie Balkon-Photovoltaik. Die meisten Steckdosenanlagen stehen im Garten oder auf dem Carport und dienen vor allem als Zusatzgerät zur Haupt-Solaranlage.

Mal angenommen, in jedem Haushalt in Deutschland würde so ein Steckersolarmodul mit 300 bis 600 Watt laufen. Dann könnte jede Familie jährlich um die 400 Kilowattstunden weniger aus dem Netz beziehen. Bei aktuell 43 Millionen Haushalten wären das zusammengenommen 17,2 Milliarden Kilowattstunden jährlich.

Eine ähnlich große Strommenge erzeugt vergleichsweise mit 15 Milliarden Kilowattstunden ein großes Braunkohlekraftwerk mit 2.000 Megawatt Leistung und 7.500 Volllaststunden im Jahr.

Entscheidend ist der problemlose Stromtausch nach nebenan

Entscheidend für die solare Umwälzung ist aber nicht die reine Zahl von Anlagen oder die Menge des so erzeugten Stroms. Die Energiewende von unten beginnt erst dort, wo der grüne Strom problemlos weitergereicht, beispielsweise mit dem Nachbarn übern Flur geteilt oder der Netzanschluss für eine Hausgemeinschaft dann sogar "nach außen" verlegt werden kann. Ein Haus würde quasi einen gemeinsamen Stromzähler bekommen und die Haushalte untereinander ihren Ökostrom tauschen.

Das erhöht die Ausnutzung des grünen Stroms. Ist eine Familie tagsüber nicht da, können die Nachbarn im Homeoffice den Strom nutzen oder einen Stromfresser anwerfen – wie auch umgekehrt. Da die Überschussenergie sonst kostenlos ins Netz abgegeben würde – wie heute noch zur Freude der Netzbetreiber –, kann dieser ungenutzte Strom hausnachbarlich eigentlich zum Nulltarif abgegeben werden. Ein Win-win-Effekt für alle.

Die so eingesparten Stromkosten lassen sich dann, wenn die Menschen sich darüber einig sind, auch investiv einsetzen. Hausgemeinschaften und ganze Mietshäuser und -Quartiere können darüber nachdenken, ob sie mit dem Strom nicht mehr anfangen wollen – einen Speicher installieren für die Zeiten, wenn die Sonne nicht scheint, oder sich eine Wärmepumpe zulegen.

Entscheidet man sich für einen Speicher, lässt sich beispielsweise auch ein Vertrag mit einem Netzdienstleister schließen, der das Haus dann als "flexibles" Element in seine Stromgeschäfte einbaut. Das bringt der solaren Gemeinschaft neues Geld ein – und wenn das Millionen solcher Gemeinschaften machen, wird ein "Blackout" noch unwahrscheinlicher.

Stromautark zu werden, ist nicht das Ziel

So könnte es Stück für Stück weitergehen. Immer neue Elemente der Versorgung mit Strom, Wärme und Kälte könnten in Eigenregie geregelt werden. Und je mehr Haushalte – ob Mieter oder Eigentümer – mitmachen, desto effizienter und zuverlässiger wird das System.

Das Ziel ist aber nicht – womit Solarfirmen auch gern werben – autark zu werden. Der dazu erforderliche Aufwand ist im Verhältnis zum ökologischen Nutzen viel zu hoch. Auch wenn Energie von außen eher nur noch als Reserve benötigt wird – ohne regionales und überregionales Netz geht Energiewende nicht.

Und die Menschen müssen gar nicht alles selber machen. Seit Langem sind sogenannte Contracting-Verträge möglich, wo seriöse Dienstleister das Installieren, Warten und Abrechnen übernehmen. Sie finanzieren sich dann aus einem Teil der eingesparten Kosten.

Selbstverständlich müssen Vermieter – öffentliche wie private – für solche gemeinschaftlichen Lösungen gewonnen werden. Sie dürfen die Haushalte nicht ausbremsen und blockieren – wie derzeit noch, indem schon die Balkonanlage verboten wird, weil sie angeblich das Außenbild des Hauses stört.

Letztlich haben aber auch Vermieter ein Interesse daran, ihr Haus und ihre Quartiere in Richtung Klimaneutralität zu entwickeln. Und wenn ihnen die Mieter da zur Hand gehen, warum soll das nicht klappen?

Dazu könnte auch der Gesetzgeber sanften Druck ausüben und gemeinschaftliche Versorgungslösungen explizit privilegieren – wie das heute schon mit den erneuerbaren Energien geschieht.

Netzbetreiber gehören unter öffentliche Kontrolle

Soll die solare Umwälzung von unten Erfolg haben, braucht sie aber noch eine andere Zutat: Die heute meist noch privaten Netzbetreiber müssen in eine öffentlich-rechtliche Form überführt oder zumindest einer maßgeblichen öffentlichen Kontrolle unterstellt werden.

Das muss kein Staatseigentum sein, sondern es könnte das schon lange existierende Konzept aufgegriffen werden, einen Staatsfonds zu bilden, an dem Bürger oder auch gleich die solaren Gemeinschaften Anteile erwerben können. Mit dem Geld und mit diesem oder jenem Kredit könnten die Stromnetze nach und nach übernommen werden.

Warum sollten die Bürger da ihre Ersparnisse investieren? Der Grund ist einfach: Derzeit dürfen die Netzbetreiber auf ihre Kosten einen gesetzlich festgelegten Zins von fünf bis sieben Prozent aufschlagen.

Ab 2024 sinkt der zwar auf drei bis fünf Prozent. Das ist aber immer noch eine gute Rate und ihre allerschönste Eigenschaft ist: Sie wird anstandslos von den Stromkunden über die Netzentgelte bezahlt.

Ein risikoärmeres Geschäft mit einem quasi garantierten Gewinn ist in Deutschland kaum zu finden. Warum soll das aber den oft privaten Eignern der Netze zugutekommen?

Es fragt sich schon lange, warum die Netze in Deutschland weitgehend in privater Hand sind und die Netzbetreiber faktisch wie ein Staat im Staate agieren. Wer entscheidet, ob bei Netzengpässen erneuerbare oder fossile Anlagen abgeschaltet werden? Die Netzbetreiber. Wer hat die Hand drauf beim Ausbau des Ladenetzes für E-Autos? Die Netzbetreiber. Wer verschleppt den Netzanschluss bereits fertiger Wind- und Solaranlagen? Die Netzbetreiber.

Überall bremsen die Netzbetreiber dank ihres "natürlichen" Monopols, das das Stromnetz nun einmal darstellt. Diese heimlichen Dinosaurier der Energiewende gehören endlich entmachtet und in öffentliche Hände.

Solarstrom ist am demokratietauglichsten

Stromnetze sind die Achillesferse der Energiewende, meint auch Ralf-Michael Marquardt vom Energieinstitut der Westfälischen Hochschule und plädiert auch aus diesem Grund schon länger für eine Vergesellschaftung der Netze.

Das hat aus Marquardt Sicht entscheidende Vorteile. Der dem Gemeinwohl verpflichtete Staat könne auf eine betriebswirtschaftliche Gewinnoptimierung beim Netzbetrieb verzichten, viel besser die Ausbaubelange der Gesellschaft berücksichtigen sowie zur Akzeptanzsteigerung beim Netzausbau beitragen.

Vorstellbar ist weiter, den dann öffentlichen Verwaltern der Stromnetze ein ebenfalls öffentliches Aufsichtsgremium an die Seite zu stellen – so könnten die Interessen der sich lokal bildenden Energiegemeinschaften mit den regionalen und denen des ganzen Landes zusammengebracht werden.

Erst die Kombination eines Solarbooms von unten mit einer demokratischen Kontrolle der Netze von oben würde die bisherigen Machtverhältnisse auf dem Energiemarkt kippen können. So eine Machtverschiebung könnte eine Art Initialzündung für eine echte Energiewende werden. Diese ist eben nicht nur eine Frage technischer Machbarkeit oder aufopferungsvoller lokaler Initiativen, sondern muss auch von entsprechenden gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen flankiert werden.

Und eine dieser Bedingungen ist, dass die Zivilgesellschaft die Kontrolle über die Netze zurückgewinnen muss.

Solarstrom ist von vornherein die demokratietauglichste Energie – und umgekehrt kann die Demokratie die Verfügbarkeit von Solarstrom nutzen, um die Spielregeln des Marktes zu ändern.

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