Die Last mit den Prosumer-Profilen

Im Entwurf für das EEG 2021 werden Solarstrom-Betreiber, die ihre EEG-Förderung verlieren, vor die Wahl gestellt: Entweder allen Strom abliefern oder teure Messtechnik einbauen. Der Thinktank Agora Energiewende schlägt jetzt eine alternative Lösung vor, die Lobbyorganisation Eurosolar eine andere.


Tesla-Solarziegel
Größere Solar-Prosumer mit Speicher, E-Auto und Wärmepumpe brauchen auch ein Smart Meter, meinen Experten. (Foto: Tesla)

Für Photovoltaikanlagen, die Anfang kommenden Jahres nach 20 Jahren aus der EEG-Förderung fallen, kennt der Entwurf für das EEG 2021 nur zwei Lösungen: Entweder bleiben die Betreiber weiter sogenannte Volleinspeiser oder sie legen sich Messtechnik zu, um ihren Strom vermarkten lassen zu können.

Auf Seite 90 seines Gesetzentwurfs so begründet das Bundeswirtschaftsministerium, warum "insbesondere die in naher Zukunft aus der Förderung fallenden Solaranlagen" sämtlichen Strom beim Netzbetreiber abliefern sollen: Die geforderte Volleinspeisung verhindere, dass die eingespeisten Strommengen für den Netzbetreiber "nicht prognostizierbar" seien.

Und wörtlich: "Aufgrund der betreffenden Anlagenzahl in Millionenhöhe und der erheblichen eingespeisten Strommenge durch diese Anlagen ist perspektivisch neben der Sichtbarkeit auch eine Steuerung dieser Anlagen schon aus Netzstabilitätsgründen durch den Netzbetreiber unumgänglich."

Der Gesetzentwurf stellt die Betreiber der "Ü20-Anlagen" damit vor ein Dilemma, wie der Thinktank Agora Energiewende in einer jetzt vorgelegten Studie beklagt: Entweder akzeptieren die Betreiber sehr niedrige Vermarktungserlöse für ihren Strom, die "gerade so die Versicherungs- und Wartungskosten decken".

Oder die Ü20-Leute rüsten den Anschlusskasten um, um den Solarstrom selbst zu verbrauchen, müssten sich dann aber ein Smart Meter anschaffen und ihren Überschussstrom vermarkten. Doch dafür, so der Thinktank, stünden derzeit kaum Dienstleister bereit, die Strom aus Anlagen mit weniger als 60 Kilowatt Leistung direkt vermarkten.

Aus Ausweg aus dem Dilemma schlägt Agora Energiewende – nicht zum ersten Mal – vor, ein eigenes Prosumer-Standardlastprofil einführen. Zwar seien Standardprofile für Stromverbraucher wie Haushalte und Gewerbe seit Jahrzehnten bewährt, sie berücksichtigten aber nicht den Eigenverbrauch des erzeugten Solarstroms.

"Weil mein Stromvertrieb gar nicht weiß, dass ich eine Solaranlage betreibe, beschafft er auch dann Strom für mich, wenn ich diesen gar nicht verbrauchen kann, weil gerade die Sonne scheint", erläutert Studien-Mitautor Andreas Jahn vom Regulatory Assistance Project. Der unnötig beschaffte Strom müsse dann ausgeglichen werden – im schlimmsten Fall werde er "vernichtet", sagt Jahn. Für ihn ist das wirtschaftlich und ökologisch "komplett unsinnig".

"Unser Vorschlag ist ein Mittelweg"

Dieser Auffassung, der Netzbetreiber müsse wegen fehlender Prosumer-Lastprofile Strom quasi doppelt beschaffen und das sorge auch noch für zusätzliche CO2-Emissionen, stehen die Solar- und besonders die Speicherbranche äußerst skeptisch gegenüber. Sie wollen dem Problem, dass das Stromnetz nicht genau "weiß", was in den Prosumer-Haushalten passiert, vor allem mit einer technischen Aufrüstung der Haushalte selbst begegnen, speziell mithilfe von Stromspeichern und Smart Metern.

Wie Studienautor Andreas Jahn und sein Koautor Thorsten Lenck von Agora Energiewende betonen, wollen sie mit ihrem Vorschlag für ein Prosumer-Profil zum einen verhindern, dass sich kleinere Photovoltaik-Anlagen eine Messeinrichtung zulegen müssen. Das könne unwirtschaftlich werden.

Zum anderen sehen sie die Gefahr, dass sich mit der Ausbreitung kaum flexibler Eigenverbraucher die Netz- und Systemkosten erhöhen, die dann andere Stromverbraucher zu tragen hätten. "Unser Vorschlag ist ein Mittelweg, der die systemischen Notwendigkeiten ausreizt, um dem Verbraucherwunsch der Eigenversorgung entgegenzukommen", erklärt Jahn.

Die obere Grenze für die Prosumer-Lastprofile ziehen die beiden Experten bei sieben Kilowatt Leistung. Bei größeren Anlagen reichten ihrer Ansicht nach die Vermarktungserlöse aus, um das Zählerinvestment tragen zu können. Zudem orientierten sich die sieben Kilowatt an der Grenze für den verpflichtenden Smart-Meter-Einbau im Messstellenbetriebsgesetz.

Die Agora-Studie schränkt die Prosumer-Lastprofile nicht nur auf maximal sieben Kilowatt ein, sondern auch auf einfache Anwendungen. "Das Prinzip kommt an seine Grenzen, wenn jemand ein Elektroauto, einen Stromspeicher oder eine Wärmepumpe mit seinem eigenen Solarstrom betreibt", erklärt Jahn. Hier komme man nicht um den Einsatz eines Smart Meters herum.

Die Anziehungskraft voll ausgestatteter Prosumer-Haushalte, mit der die Branche derzeit aggressiv wirbt, lässt aber auch den Thinktank nicht unbeeindruckt. "Dass Häuslebesitzer mit 20 Jahre alten Solar-Dachanlagen künftig teure intelligente Stromzähler einbauen müssen, um den Strom vom eigenen Dach zu verbrauchen, ist den Leuten nicht zu vermitteln", meint Agora-Energiewende-Chef Patrick Graichen. "Schon gar nicht, wenn die Nachbarn sich gleichzeitig eine neue, auf den Eigenverbrauch optimierte Solaranlage bauen – und zwar ohne teuren Smart Meter."

Extremes Modell von Eurosolar

Die Prosumer-Konkurrenz schimmert in jeder Zeile eines Vorschlags durch, den die Lobbyorganisation Eurosolar einige Tage zuvor für die Altanlagen verbreitete. Von neuen Lastprofilen für Ü20-Anlagen ist da nicht die Rede. Dafür wird eine Liste von Forderungen aufgemacht, damit sich die künftigen Prosumer-Haushalte technisch aufrüsten können.

Dabei sollen die Anlagenbetreiber für den Ökostrom, den sie abgeben, keine Vergütung bekommen. "Den Netzbetreibern sei ein wenig kostenloser grüner Strom gegönnt", schreibt Eurosolar. Um das aber den Betreibern der Altanlagen schmackhaft zu machen, soll ihnen offenbar der Eigenverbrauch möglichst attraktiv gestaltet werden.

Dazu gehört dann der Verzicht auf den Einbau eines Smart Meters. Sogar der 20 Jahre alte Einspeisezähler soll überflüssig werden, weil der Überflussstrom ja umsonst eingespeist würde.

Des Weiteren müsste dann der Wechselrichter der Photovoltaik-Anlagen auf das hausinterne Netz umgeklemmt werden, um den Strom selbst nutzen zu können. Der vorhandene Verbrauchszähler würde dann wie bisher die Strommenge messen, die der Haushalt noch aus dem Netz bezieht.

All das lohnt sich für die Prosumer natürlich nur, wenn der Eigenverbrauch möglichst nach oben getrieben wird. Entsprechend fordert Eurosolar, die Installation von Speichern jeder Art aus öffentlichen Mitteln zu fördern. Darunter sollen Batteriespeicher, Wärmepumpen, Heizstäbe, Infrarotheizungen oder Ladestationen für E-Autos und E-Bikes fallen.

Parallel seien die Meldepflicht und die Abgabenbelastungen für die Energieerzeugung, das Speichern und den lokalen Eigenverbrauch im eigenen Energiesystem abzuschaffen. Richtig optimiert sei dann eine 95-prozentige Ausnutzung des selbst erzeugten Stroms möglich.

Mit dem hohen Eigenverbrauch könnten die kleinen Photovoltaik-Anlagen zur Netzstabilität beitragen, meint Eurosolar. Die Netzbetreiber, die ohne Einspeisezähler oder Smart Meter aber nicht wissen, wie viel Ökostrom zu welcher Zeit eingespeist wird, mögen das anders sehen.

Und auch Ökostrom, der kostenlos abgegeben wird, ist für andere Verbraucher, die am Netz hängen, eben nicht kostenlos.

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