"Guerilla-PV" wird zum staatlichen Preissenker

Die Nutzung von Stecker-Solaranlagen für Balkon, Fassade oder Vorgarten muss radikal vereinfacht und öffentlich gefördert werden, fordern die Deutsche Umwelthilfe und ein neues Unterstützungs-Bündnis. Millionen Haushalte könnten sich dann an der Energiewende beteiligen und ihre Stromkosten senken.


Drei übereinanderliegende Balkons an einem Plattenbau, der mittlere ist auf jeder möglichen Fläche mit Photovoltaik bestückt.
Ein kleines Solarkraftwerk auf dem Balkon ist derzeit noch die Ausnahme. Geht es nach der Umwelthilfe, wird sich das schnell ändern. (Foto: Gold Picture/​Shutterstock)

Vor sechs Jahren, anno 2016, forderte der Elektronik-Verband VDE noch: Wer Mini-Photovoltaik vom Balkon nutzen will, braucht im Haushalt einen separaten Stromkreis, in den allein der Solarstrom eingespeist wird. Ein Batteriespeicher könnte angeschlossen werden, Stromverbraucher im Haushalt aber nicht. Letzteres könne das Netz überlasten, warnte der VDE.

So wurde der "Guerilla-PV" selbst von renommierten Verbänden Hürden in den Weg gelegt. Inzwischen legten die sogenannten Steckersolaranlagen eine erstaunliche Karriere hin.

Ihre Zahl wurde 2016 auf bundesweit 20.000 geschätzt. In diesem Jahr sollen schon bis zu 200.000 Anlagen in Betrieb sein. Aber nur ein Drittel davon sind klassische Balkon-Anlagen, ergab eine Marktstudie der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin. Der größere Teil sind vor allem Zusatzanlagen zu Dach-Photovoltaik, die im Garten, auf Carports und ähnlichen Flächen installiert werden.

Der Durchbruch beruht vor allem auf zwei Entwicklungen. Zum einen sanken zwischen 2010 und 2020 die Preise für Solarmodule um 90 Prozent, Steckergeräte wurden preiswerter. Aus kleinen Dachanlagen kostet die Kilowattstunde derzeit elf bis 13 Cent.

Zum anderen stieg der Strompreis für Haushalte in ungeahnte Höhen – so hoch, dass die Politik ab Januar 80 Prozent des Haushaltsverbrauchs bei 40 Cent pro Kilowatt "deckelt". Da lohnt es deutlich, eigenen Solarstrom zu nutzen.

Seit Kriegsbeginn Ansturm auf die Ausrüsterfirmen

"Mit einem 600-Watt-Balkonkraftwerk können Haushalte – je nach Ausrichtung und Anstellwinkel – jährlich zwischen 100 und 200 Euro einsparen", sagt Christian Ofenheusle vom Anbieter Empowersource in Berlin-Marzahn. Bei steigendem Strompreis könne es auch noch mehr werden.

Dies hat sich offenbar schnell herumgesprochen. Bereits im November 2021, beim ersten Anziehen der Gaspreise, habe die Steckersolar-Nachfrage angezogen, erinnert sich Kay Theuer von der Priwatt GmbH. Die Leipziger Firma liefert und installiert "schlüsselfertige" Mini-Solaranlagen.

Im Frühjahr sei Priwatt dann vom Ansturm "geradezu überrannt" worden, sagt Theuer. "Nach Beginn von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine liefen in wenigen Wochen so viele Bestellungen ein wie zuvor in einem ganzen Jahr – teilweise bis zu 800 pro Tag."

Die beiden Solarunternehmen gehören zu den Unterstützern einer jetzt von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) gestarteten Initiative für Balkonkraftwerke. Das Ziel: Regierungen, Netzbetreiber sowie Wohnungseigner und -unternehmen sollen Anmeldung, Anbringung und Inbetriebnahme der Steckeranlagen radikal vereinfachen und zudem landes- und bundesweite Förderprogramme auflegen.

Denn trotz günstiger preislicher Umstände rentiert sich eine Balkon-Anlage meist erst nach fünf oder mehr Jahren. Wichtigster Grund sind die Anschaffungskosten, die für eine 600-Watt-Anlage um die 1.000 Euro liegen.

Höherer Zuschuss für finanziell schwache Haushalte

Das ist eine echte Hürde, gerade für viele Mieterinnen und Mieter. Das erkennt zunehmend auch die Politik. Seit November bezuschusst das Land Mecklenburg-Vorpommern Steckersolargeräte samt Installation mit 50 Prozent der Kosten, maximal aber 500 Euro.

Ab Anfang 2023 fördert auch Schleswig-Holstein steckerfertige PV-Balkonanlagen von 250 bis 600 Watt mit jeweils 200 Euro.

Im thüringischen Jena gibt es seit November eine gestaffelte Förderung. Als Standardsatz schießt die Stadt 25 Prozent der Anschaffungskosten zu, maximal 200 Euro. 75 Prozent und maximal 600 Euro können nach Angaben der Kommune sogenannte Jenabonus-Berechtigte erhalten. Das sind unter anderem Personen, die Sozialhilfe oder Grundsicherung erhalten.

Schon länger unterstützt Nordrhein-Westfalens Landeshauptstadt die Anschaffung der Solargeräte. "In Düsseldorf gibt es seit einigen Jahren ein umfangreiches kommunales Balkonsolar-Förderprogramm mit einem Zuschuss von 400 Euro", erläutert Bürgermeisterin Clara Gerlach (Grüne) beim Kampagnen-Auftakt der DUH. Bei den Balkonkraftwerken habe die Stadt jetzt nachgelegt und den Zuschuss auf 600 Euro erhöht.

Es sei ihr wichtig, dass auch finanziell schwache Haushalte nachhaltig Energie produzieren und dabei Geld sparen können, so die Düsseldorfer Bürgermeisterin. "Für diese Haushalte erarbeiten wir gerade ein Programm zum möglichst kostenfreien Erwerb von Balkonkraftwerken."

Dann sollen zu den 600 Euro weitere Hilfen kommen. Menschen, die knapp über dem Hartz-IV- oder künftigen Bürgergeld-Satz verdienen, könnten dann "kostenlos eine eigene Solaranlage bekommen", gibt Gerlach an. Der staatliche Preissenker würde damit praktisch sofort die Stromkosten im Haushalt verringern.

Balkon-PV als "initialer Berührungspunkt"

Auch für DUH-Vizechefin Barbara Metz ist ein entscheidender Vorteil der Balkonkraftwerke, dass nahezu alle mitmachen können, nicht nur die Häuslebesitzer mit eigenem Dach.

Dazu müssten auch private und öffentliche Wohnungseigentümer Vorbehalte ablegen, sagte Metz zum Auftakt. So würden Vermieter Solarpaneele an Fassaden verbieten, weil sich damit das Gesamtbild des Hauses ändere. Im Jahr 2022 dürften solche ästhetischen Gründe keine größere Rolle als der Klimaschutz spielen, fordert Metz.

Für Ofenheusle von Empowersource geht die Rolle von Balkon-Photovoltaik noch weit über Kostenersparnis hinaus. "Die Nutzung von Solarenergie verändert das Bewusstsein über den eigenen Umgang mit Energie", so seine Erfahrung.

Dieser Wandel wird aus Ofenheusles Sicht auch gebraucht, um eine wirklich vollständige Energiewende zu schaffen. Das Balkonkraftwerk spiele dabei eine Schlüsselrolle, es sei eine Art "initialer Berührungspunkt".

Ofenheusle räumt beim Initiativen-Auftakt auch mit einigen Vorurteilen auf, was vermeintliche Hürden und Gefahren von Balkonsolaranlagen betrifft. So sei deren Anschluss mit einem speziellen sogenannten Wieland-Stecker nach den entsprechenden Normen gar nicht verbindlich vorgeschrieben.

Ein üblicher Schukostecker reicht zum Anschluss völlig aus, erklärt Ofenheusle. Für die entscheidende Sicherheit sorge der Mikrowechselrichter in der Balkonanlage selbst, erläutert er. Dieser müsse per Zertifikat nachweisen, dass bei Problemen die Anlage nach 0,2 Sekunden automatisch spannungsfrei ist.

Großes Braunkohlekraftwerk als CO2-Sparpotenzial

Auch sei eine Überlastung der Leitungen in den eigenen vier Wänden nicht zu erwarten. "Wir sprechen hier über ein Produkt, das schon sehr lange sicher ist", betont der Empowersource-Geschäftsführer. Wäre es anders, hätten Bedenkenträger das schon lange hochgezogen.

Die Steckersolaranlagen für Balkon, Vorgarten, Terrasse oder das Garagendach sind auch noch eine einfache Möglichkeit, den eigenen Klima-Fußabdruck zu senken. Würden in allen Wohnungen Deutschlands solche PV-Anlagen installiert, könnten nach Angaben der DUH bis 2030 über 50 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden. So viel emittiert ein großes Braunkohlekraftwerk.

Mit Balkonsolarstrom könnte jeder Haushalt im Schnitt rund 400 Kilowattstunden im Jahr einsparen, so eine weitere Rechnung. Mit den dabei vermiedenen 180 Kilogramm CO2 könne ein Haushalt rund 1.500 Kilometer fossiler Pkw-Fahrten kompensieren.

Man kann natürlich auch mittels Balkon-PV seine CO2-Emissionen senken und trotzdem das Auto stehen lassen.

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