Blackouts am Strommarkt

Reihenweise gehen derzeit Stromanbieter pleite oder nehmen keine neuen Kunden an. Sie müssen Strom teurer einkaufen, als sie ihn vertraglich zu liefern haben. Was als vorübergehende Fehlfunktion des Marktes erscheint, weist auf grundlegende Probleme hin. Der bisherige Strommarkt steht offenbar vor dem Blackout.


Ein Elektriker schraubt eine Steckdose an die Wand, von unten aufgenommen, sodass man vor allem sein Kinn und den Schirm seines weißen Schutzhelms sieht.
Mit ein bisschen Herumschrauben sind die Probleme im Strommarkt nicht mehr in den Griff zu kriegen. (Foto: Michał Jarmoluk/​Pixabay)

Zu den Feiertagen droht an der Steckdose der "Blackout" – aber nicht, weil der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, wie verschwörerische "Stromexperten" es tagaus, tagein prophezeien. Nein, Tausenden Haushalten wird von heute auf morgen der Stecker gezogen, weil gerade ein Geschäftsmodell scheitert.

Das sieht seit Jahren so aus: Kaufe europaweit kurzfristig – und das meint wirklich nur Stunden oder Tage voraus – irgendwelchen Strom an der Börse ein, garniere diesen vielleicht noch mit billigen Öko-Herkunftsnachweisen – und schon hast du ein schönes Stromprodukt.

Viel Equipment wird dazu nicht benötigt: eine Traderabteilung, die den Strom besorgt, ein in ein Callcenter ausgelagerter Kundendienst und eine grünwaschende Public Relation. Sich mit eigenen Kraftwerken herumschlagen? Netze unterhalten? Das braucht so ein Stromlinienförmiger nicht.

Geringe Kosten, hohe Gewinne. Start-ups, die im Revier der etablierten Stromversorger wilderten, schossen seit der Jahrtausendwende wie Blitze aus der Gewitterwolke. Das galt als innovativ und zukunftsweisend.

So zählten diverse Wirtschaftsmagazine und Portale zum Beispiel die Stromangebote von Stromio wie Grünwelt Energie lange Zeit zu den fairsten und günstigsten in Deutschland. Stromio lobte sich selbst, wie billig man seinen Strom europaweit einkaufe.

Und natürlich fehlt bei Anbietern solchen Schlags der Hinweis nicht, man sei ein mittelständischer Versorger und konzernunabhängig. Auch noch den bösen Strommonopolisten ein Schnippchen schlagen – so was lieben die Verbraucher.

Gut gelebt auf Kosten anderer

Letzte Woche hatte es sich dann für Stromio und Grünwelt Energie ausgestromt: Weil die kurzfristigen Einkaufspreise an der Strombörse seit ein paar Monaten höher liegen, als man bei vertraglichen Preiszusagen an die Kunden einkalkuliert hatte, kam das Geschäftsmodell schnell an sein Ende. Und dann wurde – Fairness hin, Fairness her – den Kunden rechtlich ganz uninnovativ der Strom von heute auf morgen abgedreht.

Tatsächlich waren diese Anbieter eine Art Schmarotzer am Stromsystem. Mit dem durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz ausgelösten Boom der Erneuerbaren seit der Jahrtausendwende bei gleichzeitigem Festhalten an der fossilen Erzeugung hatten die Bundesregierungen nicht nur für ein Überangebot an Strom gesorgt.

Seit 2010 musste auch der meiste erneuerbare Strom an der Börse gehandelt werden – und wurde dort zur Freude der Billigheimer verramscht. Nicht ganz zufällig gab es ab 2010 dann Zeiten mit negativen Strompreisen an der Börse – wer also zu der Zeit dort Strom abnahm, bekam dafür noch einen Bonus drauf. Zu den Zeiten kauften die Stromdiscounter dann auch am liebsten ein.

Das Problem ist nur: Diese Geschäfte haben so rein gar nichts mit der Realität des Stromsystems zu tun. In aller Klarheit ist das in der Marktanalyse Ökostrom II des Umweltbundesamtes (UBA) nachzulesen.

Aufgrund der physikalischen Besonderheiten des Handelsgutes Strom ist der Strom(groß)handel kein normales Handelsgeschäft, bei dem grundsätzlich lagerfähige Güter gehandelt werden, erläutert das UBA. Gehandelt würden letztlich künftige "Produktions- und Verbrauchspflichten" als Bilanzpositionen.

Weiter heißt es wörtlich in der UBA-Analyse: "Wenn also beispielsweise der Käufer A vom Erzeuger B Strom für die Stunde C kauft, so besteht die Erfüllung des 'Kaufvertrages' darin, dass Erzeuger B die bestellte Strommenge in der Stunde C ins Stromnetz einspeist, und der Käufer A – neben der Zahlung des Kaufpreises an den B – sich verpflichtet, die bestellte Strommenge aus dem Netz zu entnehmen."

Wenn der Stromsee nicht mehr überläuft

Daraus abgeleitet ergibt sich für die UBA-Autoren das Bild vom "Stromsee": Alle Kraftwerke speisen ihren Strom in einen gemeinsamen "See" – das Stromnetz – ein, aus dem die jeweiligen Verbraucher dann mit Strom versorgt werden.

Von der geschilderten Sorte von Kaufverträgen, bei denen nicht ein einziges Elektron real und direkt zwischen den Käufern getauscht wird, lebte bislang ein ganzes Rudel von Stromversorgern ziemlich gut. Die versuchten dann auch noch, den Markt trickreich zu ihren Gunsten drehten.

Der "virtuelle" Handel wurde so mächtig, dass er zeitweise das ganze Stromsystem gefährdete, etwa mit dubiosen Praktiken beim Bereitstellen von Regelenergie. Bei der Bundesnetzagentur und den Netzbetreibern sind deshalb Heerscharen von Mitarbeitern allein damit beschäftigt, die Folgen dieses "Handels" für das Gesamtsystem einzudämmen. Bezahlen dürfen das absurderweise am Ende die Kunden mit den Netzentgelten, dem derzeit teuersten Teil des Strompreises.

Nun kam alldem etwas in die Quere, mit dem die virtuellen Stromhändler nicht gerechnet hatten: Was passiert, wenn der "Stromsee" nicht mehr "überläuft" und nicht mehr genügend billiger und also attraktiv handelbarer Strom abfällt? Wenn die Realität das virtuelle Kartenhaus einstürzen lässt?

Dann droht all diesen Stromanbietern der Blackout – sie haben ja keine eigene Erzeugung und keinen vertraglich geregelten Zugriff auf Erzeugungsanlagen. Sie schöpfen zwar kurzfristige Gewinne ab, schalten sich langfristig aber das Licht aus. Das Geschäftsmodell steht praktisch vor dem Aus.

Energiebranche will nur die Symptome loswerden

Kurz vor Weihnachten erreichte die Blackout-Panik auch den mächtigen Energiebranchenverband BDEW. "Mit großer Sorge" beobachte er die aktuellen Verwerfungen an den Energiemärkten, verkündete der Verband. Ein wesentliches Problem besteht für den BDEW darin, dass "unseriöse Billiganbieter" ihre Kunden nicht mehr beliefern, die dann in der Ersatzversorgung landen.

Dass der Branchenverband einst gefeierte Stromgurus nun als "unseriöse Billiganbieter" abqualifiziert – das ist geschenkt. Interessanter ist die Frage, was dem Energieverband zufolge gegen die Probleme getan werden soll.

Die Bundesregierung sollte veranlassen, erklärt BDEW-Chefin Kerstin Andreae dazu, dass Energieversorger bei Bedarf vorübergehend auf zinslose zweckgebundene Darlehen der staatseigenen Kreditanstalt KfW zurückgreifen können.

Mit den Darlehen, dies zur Erklärung, sollen die Versorger, die nunmehr statt der Billigheimer den Strom liefern müssen, die für den jetzt so teuren Strom anfallenden Zusatzkosten tragen können.

Allerdings lehnt der BDEW die von einigen EU-Ländern kürzlich ins Spiel gebrachten Preisobergrenzen am Strommarkt ebenso ab wie eine veränderte Findung des Strompreises anhand der Durchschnittskosten der Erzeugung – statt wie derzeit in Deutschland danach, wie teuer der Strom des letzten Kraftwerks ist, das noch benötigt wird, um den Strombedarf zu decken.

Die Reaktion des BDEW ist gewohnt inkonsequent und kurzsichtig: Der Staat soll einspringen, wenn der bislang gehypte virtuelle Markt versagt, und ein paar Symptome mit Steuergeld kurieren. Er soll sich aber dabei zurückhalten, die zugrunde liegenden Probleme zu lösen.

Dass die Branche am überbordenden Fake-Handel im Strommarkt festhalten will und nicht einmal auf die Idee kommt, so etwas wie einen Solidarfonds aufzulegen, um Kunden, denen der Strom abgedreht wird, ein halbwegs akzeptables Angebot zu machen – das ist wohl nur mit einem ideologischen Blackout zu erklären.

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