Braunkohle stark, Ökostrom stärker

Die erneuerbaren Energien überholen die Kohle, jubelt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Die Erfolgszahlen des BDEW überdecken jedoch, dass vor allem die Braunkohle nach wie vor viel zu viel Strom ins Netz einspeist.


Hier ist der Braunkohletagebau Garzweiler in NRW zu sehen, im Hintergrund Windräder
Tagebau Garzweiler in Nordrhein-Westfalen: Der Übergang von der alten zur neuen Energiewelt hat zwar begonnen, aber der Anteil der Braunkohle ist nach wie vor hoch. (Foto: Herbert Aust/​Pixabay)

Wozu braucht es eigentlich noch die Kohlekommission? Mittlerweile haben die Erneuerbaren doch längst mehr Anteil am deutschen Strommix als die Kohlekraftwerke. Laut Schätzungen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) haben die erneuerbaren Energien im ersten Halbjahr dieses Jahres fast 118 Milliarden Kilowattstunden zur Bruttostromerzeugung beigetragen, zehn Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Dagegen sei die Stromerzeugung aus Braun- und Steinkohle mit etwa 114 Milliarden Kilowattstunden deutlich zurückgegangen. "Diese Zahlen belegen eindrucksvoll: Der marktgetriebene, schrittweise Ausstieg aus der Kohleverstromung ist schon in vollem Gange", lässt sich BDEW-Chef Stefan Kapferer zitieren, dessen Aussage renommierte Magazine und die öffentlich-rechtlichen Sender unkommentiert veröffentlichen.

Hätte der BDEW-Chef recht, würde der Markt allein das Ende der Kohleverstromung herbeiführen. Die Kohle-Kommission, die einen Ausstiegsplan für die Kohleverstromung vorlegen und am kommenden Freitag zu ihrer zweiten Sitzung zusammenkommen soll, könnten eigentlich die Füße hochlegen und dabei zusehen, wie die Kraftwerksbetreiber einen Kohleblock nach dem anderen abschalten. Das tun diese aber nicht.

Die BDEW-Zahlen verraten nämlich nur die halbe Wahrheit. Die Braunkohle ist mitnichten rückläufig – tatsächlich hat sie im vergangenen Halbjahr beinahe genauso viel Strom geliefert wie im Vorjahreszeitraum. 66,7 Milliarden Kilowattstunden haben die hiesigen Braunkohlekraftwerke im ersten Halbjahr ins öffentliche Netz eingespeist. Das sind laut dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) nur zwei Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahrs. Der Verlierer bei der Stromproduktion ist die Steinkohle, die laut Fraunhofer ISE mit 36 Milliarden Kilowattstunden ein Fünftel weniger Strom erzeugt als noch im Vorjahr.

"Kein marktwirtschaftlich getriebener Kohleausstieg"

De facto hat der Markt damit zu keinerlei Verringerung bei der Braunkohleverstromung geführt. "Von einem marktwirtschaftlich getriebenen Kohleausstieg kann nicht die Rede sein, da der Anteil der Braunkohle nach wie vor hoch ist und kaum zurückgeht", sagt die Energieökonomin Claudia Kemfert. Es sei zwar erfreulich, dass der Anteil der erneuerbaren Energien steigt, aber der weitere Ausbau werde massiv ausgebremst.

Zudem rechnet der BDEW wie auch die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, in der die Verbände konventioneller Energieerzeugung sowie staatlich geförderte Forschungsinstitute zusammenarbeiten, mit der Bruttostromproduktion. Die Bruttoerzeugung beinhaltet auch die Eigenerzeugung der Industrie und die internen Verluste der konventionellen Kraftwerke. Da die Pumpen und Anlagen fossiler Kraftwerke ebenfalls Energie verbrauchen, verringert sich so der Anteil, der ins Netz eingespeist wird.

Deshalb rechnet das Fraunhofer ISE mit den Nettozahlen. "Da langfristig mehr Erneuerbare Strom ins öffentliche System einspeisen, sinken langfristig auch die Kraftwerksverluste", sagt der Energiesystemforscher Volker Quaschning. Ob mit Brutto- oder Nettozahlen gerechnet wird, ist für Quaschning nicht entscheidend, da beide Berechnungen einen ähnlichen Trend abbilden würden. "Bei der Nettoerzeugung ist der Anteil der Erneuerbaren einen Tick größer."

Tatsächlich sind die Fraunhofer-Zahlen für die Erneuerbaren etwas höher als die des BDEW. Im ersten Halbjahr speisten Photovoltaikanlagen laut ISE rund 22,3 Milliarden Kilowattstunden Strom ins öffentliche Netz ein, das sind sogar zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Die Windenergie wuchs im gleichen Zeitraum um 15 Prozent und produzierte im ersten Halbjahr 2018 rund 55,2 Milliarden Kilowattstunden.

"Die Energiewende ist auf keinem guten Weg"

Für Erneuerbaren-Experten sind die Zuwächse der Ökoenergien dennoch kein Grund zum Jubeln. "Die deutsche Energiewende ist auf keinem guten Weg", sagt Hans-Josef Fell von der Energy Watch Group. "Denn der hohe Anteil von Erneuerbaren im ersten halben Jahr, mit dem die Kohleverstromung übertroffen wurde, hängt vor allem mit guten meteorologischen Bedingungen wie viel Wind und hoher Sonneneinstrahlung sowie dem Ausbau von Windenergie im Norden zusammen." Die anderen Erneuerbaren würden nur noch wenig ausgebaut. "Auch der Windausbau wird durch die EEG-Novelle von 2016 ab 2019 drastisch reduziert", sagt Fell.

Tatsächlich lag die Stromproduktion bei der Biomasse laut Fraunhofer ISE mit 23 Milliarden Kilowattstunden um fünf Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. Große Zuwächse bei der Photovoltaik werden nach den Boomjahren zumindest in Deutschland wegen der geänderten Rahmenbedingungen nicht mehr erwartet. Die Meldung, dass Erneuerbare die Kohle überholt haben, so Fell weiter, dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bundesregierungen unter Angela Merkel den Ausbau der Erneuerbaren drastisch ausgebremst haben.

"Der alleinige Anstieg von erneuerbaren Energien reicht bei Weitem nicht aus, den Anteil von Kohlestrom sinken zu lassen", sagt Claudia Kemfert. Dafür fehle es an notwendigen klimapolitischen Maßnahmen wie beispielsweise einer Klimaabgabe oder höheren Emissionsgrenzwerten. "Für die Energiewende und zum Erreichen der Klimaziele ist ein strukturierter Kohleausstieg dringend notwendig, der heute eingeleitet und bis spätestens 2030 abgeschlossen wird", mahnt die Energie-Ökonomin.

Wer sich – wie der BDEW nahelegt – auf den Markt verlässt, legt also beim Kohle-Ausstieg die Hände in den Schoß.

Redaktioneller Hinweis: Claudia Kemfert ist Mitherausgeberin von Klimareporter°.

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