Klingt doch prima. Gerade in diesen Zeiten, da alles teurer wird. "Strompreis: Staat nicht mehr größter Preistreiber." Das meldete das Vergleichsportal Verivox, das regelmäßig die Preisentwicklung bei der Energie scannt.

Und tatsächlich ist der Anteil von Steuern, Abgaben und Umlagen an den Kilowattstunden-Preisen, die die Verbraucher zahlen müssen, zuletzt deutlich gesunken. Fast zehn Jahre lang lag er über der Hälfte, in der Spitze sogar bei 57 Prozent. Jetzt sind es nur noch 29 Prozent.

Die Freude darüber ist trotzdem gebremst. Die Nachricht bedeutet nämlich nicht, dass auch der Strompreis selbst entsprechend gesunken ist. Die Rechnungen sind weiter hoch. Denn die Entlastung – vor allem durch den Wegfall der Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) – ist durch die höheren Beschaffungskosten für Strom, die die Versorger zahlen müssen, mindestens wieder aufgefressen worden.

Ein dauerhafter Billigmacher war die Aktion EEG-Umlage-Abschaffung der Ampelregierung im vorigen Jahr auf dem Höhepunkt der Energiekrise nicht, aber sie hat immerhin noch höhere Ausschläge am Markt verhindert.

Industrie entlasten, aber nicht kopflos

Leider bedeutet die Nachricht deswegen auch keine Entspannung in der Debatte über die Stromkosten der Wirtschaft. Die haben sich, nach den extremen Ausschlägen in der Folge von Putins Angriff auf die Ukraine, zwar im Schnitt wieder etwas normalisiert. Trotzdem ist nicht abzustreiten, dass viele Unternehmen weiter stark belastet sind.

CDU und CSU, mit den Parteichefs Merz und Söder als Lautsprecher, machen darin sogar eine Hauptursache für die aktuelle Rezession aus und fordern schnelle Entlastungen, etwa durch eine Absenkung der Stromsteuer. Das mag überspitzt sein, doch dass es da ein Problem gibt, ist nicht von der Hand zu weisen.

Man erkennt es daran, dass selbst Bundeswirtschaftsminister Habeck und seine Grünen einen "Industriestrompreis" einführen wollen, der den Großverbrauchern helfen und drohende Betriebsverlagerungen ins Ausland verhindern soll. Das Konzept: Der Staat subventioniert die Stromkosten einiger hundert Unternehmen auf beispielsweise sechs Cent pro Kilowattstunde herunter, allerdings begrenzt für ein paar Jahre.

In Panik zu verfallen, wäre falsch. Grundsätzlich ist zu konstatieren, dass bei den meisten Unternehmen hierzulande der Anteil der Energieausgaben an den Gesamtkosten relativ gering ist. Hier sind andere Reformmaßnahmen dringlicher als eine Stromkostensenkung, darunter die Beschleunigung langwieriger Genehmigungsverfahren für neue Anlagen, eine Entschlackung überbordender Berichtspflichten sowie Hilfen gegen den Fachkräftemangel.

Zudem ist festzustellen, dass auch viele Wirtschaftszweige mit hohem Energieverbrauch mit den seit Jahren in Deutschland relativ hohen Strompreisen recht gut zurechtgekommen sind, was für deren gute Energiestandards spricht.

Wenn FDP-Leute auf Erneuerbare setzen

Trotzdem kann es in der aktuellen Situation in einigen Hochverbrauchs-Branchen wie Stahl, Chemie, Glas und Papier, wo die Unternehmen im internationalen Wettbewerb stehen, Sinn machen, den Strompreis vorübergehend zu deckeln. Das ist keine billige Lösung, sie dürfte einige Milliarden Euro kosten, verspricht aber zumindest eine gewisse Refinanzierung, wenn wie erhofft Unternehmen und Mitarbeiter weiter hierzulande Steuern zahlen statt im Ausland.

Zudem müssten die subventionierten Firmen eine Auflage gemacht bekommen: nämlich zusätzlich in Energieeffizienz-Maßnahmen und die Umstellung auf erneuerbare Energien zu investieren. Sie würden damit nicht nur aktuell entlastet, sondern auch fitter für die Zukunft werden.

Sicherstellen muss die Bundesregierung freilich, dass daraus wirklich keine Dauer-Subventionierung wird. Das ist aber machbar, wenn die optimistischen Prognosen der Energie-Fachleute stimmen.

Sie erwarten, dass in die Strompreise in ein paar Jahren spürbar fallen werden, wenn die preiswert gewordene Solar- und Windenergie immer größere Anteile der Versorgung übernimmt. Derzeit sind rund 50 Prozent Ökostrom im Netz, 2030 sollen es laut den Ampel-Plänen bereits 80 Prozent sein.

 

Optimistisch stimmt hier die aktuelle Einschätzung von Stefan Kapferer, Chef des Übertragungsnetzbetreibers 50 Hertz. Er erwartet, dass die Strompreise hierzulande dank des stark ansteigenden Anteils erneuerbarer Energien "deutlich" und "dauerhaft" sinken werden.

Und dann sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen, was Kapferer, ein früherer Wirtschaftsstaatssekretär und FDP-Mann, noch sagte: Den Erneuerbaren-Ausbau voranzutreiben, sei das beste Unterstützungsprogramm für die deutsche Industrie.

Man erinnere sich: Es ist nur wenige Jahre her, dass Union, SPD und FDP als Regierungsparteien im Schulterschluss mit Industrieverbänden den Erneuerbaren-Ausbau nach Kräften bremsten.

Gerade das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das dem Staat das "Preistreiber"-Etikett einbrachte, hat wesentlich mitgeholfen, den Ökostrom durch Skaleneffekte in der Produktion so billig zu machen, wie er heute ist – und das Klima zu schützen. Seinen Erfindern und Verteidigern gebührt Dank.