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"Es braucht eine Allianz der Willigen"

Klimaforscher Mojib Latif über die Notwendigkeit eines Neustarts der internationalen Klimapolitik nach dem enttäuschenden UN-Gipfel im ägyptischen Sharm el-Sheikh und die Rolle Deutschlands dabei.


Ein Windpark, im Vordergrund liegen neue Rotoren für das Repowering.
Die EU und weitere Vorreiterstaaten müssen beim Klimaschutz vorangehen, sagt Mojib Latif. (Foto: Jens Meier/​BWE)

Klimareporter°: Herr Latif, haben Sie nach dem jüngsten Klimagipfel in Sharm el-Sheikh noch Hoffnung, dass das 1,5‑Grad-Limit der Erderwärmung in Reichweite bleibt? In der Gipfelerklärung wird an dem Ziel festgehalten.

Mojib Latif: Nein, die Hoffnung hatte ich aber auch vor dem Gipfel nicht. Die jeweils aktuelle globale Erwärmung ist das Resultat der kumulierten historischen globalen CO2-Emissionen. Daraus ergibt sich das zulässige globale CO2-Budget, um eine bestimmte globale Erwärmung nicht zu überschreiten. Und das ist für die 1,5‑Grad-Grenze bereits zu weit über 80 Prozent aufgebraucht.

Sind denn wenigstens die zwei Grad noch realistisch?

Ja, aber selbst die sind eine Herkulesaufgabe. Die Welt müsste in einigen Jahrzehnten klimaneutral sein. Noch aber steigen die weltweiten CO2-Emissionen. Die Welt geht selbst jetzt noch in die falsche Richtung.

Machen solche Gipfel wie der in Ägypten überhaupt noch Sinn? Es war nun schon der siebenundzwanzigste.

Sie sind offensichtlich nicht zielführend. Auch nach dem Pariser Klimaabkommen 2015, das als historischer Durchbruch von der Politik gefeiert wurde, sind die CO2-Emissionen weiter gestiegen. Immerhin wird die öffentliche Aufmerksamkeit durch die Gipfel auf das Klima gelenkt. Die Gipfel geben auch den armen Ländern eine hörbare Stimme.

Wir müssen uns auf jeden Fall über weitere Formate Gedanken machen, die den Klimaschutz schnell voranbringen. Die Länder der G20 wären so eine Möglichkeit, denn sie sind für 80 Prozent der Emissionen verantwortlich. Außerdem sollte es eine Allianz der Willigen geben. Wir können nicht auf den Letzten warten.

Immerhin gab es auf der COP 27 den Beschluss, einen Fonds für Klimaschäden aufzubauen, der den armen Ländern helfen soll. Wenn so etwas von praktisch allen Staaten der Welt beschlossen wird, hat es Gewicht ...

Das begrüße ich, es ist aber doch selbstverständlich. Durch den Fonds werden die Emissionen aber auch nicht sinken.

Was tun mit den Klimagipfeln? Abschaffen, abspecken, ersetzen? Und wenn ersetzen, durch was?

Ergänzen um neue Formate, die nur die großen Emittenten an einen Tisch bringen und deren Tagesordnungen nicht überladen sind. Denn die Klimaschäden werden weiter zunehmen.

Porträt von Mojib Latif
Foto: GEOMAR

Mojib Latif

ist Professor für Ozean­zirkulation und Klima­dynamik am Helmholtz-Zentrum für Ozean­forschung Kiel (Geomar) und an der Universität Kiel, außerdem Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome und Vorstands­vorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums. Sein jüngstes Buch hat den Titel "Countdown. Unsere Zeit läuft ab – was wir der Klimakatastrophe noch entgegensetzen können".

Wer könnte die "Koalition der Willigen" bilden?

Die EU, Großbritannien, die USA und Kanada oder auch die skandinavischen Länder. Dazu noch Australien, das gerade eine neue, progressivere Regierung bekommen hat.

Wer sollte sonst mitmachen?

Wichtig wäre, dass wir Indien mit ins Boot bekommen. Das Land muss die fossile Ära überspringen. Dafür braucht es ehrliche Partner, eben die Allianz der Willigen.

Warum gibt es diese Koalition nicht längst? Es hindert sie ja niemand daran.

Die EU tut ja schon einiges, und weitere Länder wollen ihr beitreten. Die Europäische Union verbindet Wohlstand mit Umweltschutz. Die EU könnte aber noch viel mehr tun. Kurzfristige wirtschaftliche Interessen überwiegen auch in der EU, weswegen sie beim Klimaschutz nicht das getan hat, was möglich gewesen wäre.

Außerdem spielen in immer mehr Ländern nationale Interessen eine wichtige Rolle, wie etwa in Saudi-Arabien, das unbedingt sein Öl verkaufen will, oder in Russland, das vom Verkauf seiner fossilen Energieträger lebt.

Die Hoffnung, dass China bei der Koalition mitmacht, haben Sie nicht? China ist als größter Treibhausgasproduzent ja auch selbst stark von Klimaschäden betroffen. In diesem Jahr litt es unter einer extremen Dürre und Hitzewelle.

Kurzfristig sehe ich das nicht. China hat immer wieder bekräftigt, dass es den Höhepunkt seiner Emissionen erst 2030 erreichen will. Das wäre viel zu spät, weil dann kaum noch Spielräume bleiben würden, um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen muss schnell sinken.

Ich bin der Meinung, dass man mehr Druck auf China ausüben muss. Gewinne um jeden Preis, das kann nicht die Zukunft sein. Das müssen auch wir in Deutschland endlich begreifen, nicht nur wegen der Klimaprobleme.

Und wie würden Sie Deutschlands Rolle bei einem Neustart der internationalen Klimapolitik sehen?

Deutschland muss glaubwürdiger werden und mehr beim Klimaschutz tun als bisher. Und es muss unbedingt sein Klimaziel von 65 Prozent Senkung der Treibhausgase bis 2030 gegenüber 1990 erreichen. Heute steht Deutschland bei knapp 40 Prozent.

Tut Deutschland, das heißt, die Ampel-Koalition, denn zu Hause genug für den Klimaschutz? Und wo müsste die Regierung ansetzen?

Das kann man jetzt angesichts der Energiekrise schlecht bewerten. Außerdem ist die Ampel ja erst ein Jahr im Amt. Auf jeden Fall zeigt die Krise, dass wir viel früher auf die erneuerbaren Energien hätten umsteigen müssen. Der Umstieg hätte schon 1973 während der ersten Ölkrise beginnen müssen. Dann stünden wir jetzt viel besser da, und das nicht nur beim Klimaschutz.

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