Investitionen der Ölindustrie unterlaufen Pariser Klimaziele

Große Ölkonzerne wie BP, Shell oder Equinor haben sich mittlerweile dazu verpflichtet, ihre Geschäftsstrategie am Pariser Klimaabkommen auszurichten. Bislang sind das nur leere Versprechen, zeigt eine neue Studie des britischen Thinktanks Carbon Tracker.


Eine Ölplattform am Horizont in untergehender Sonne
Ästhetik des Vergänglichen: Ölplattform. (Foto: Nico Franz/Pixabay)

Um die Klimaziele des Paris-Abkommens einzuhalten, muss der Verbrauch fossiler Brennstoffe in den kommenden Jahren drastisch sinken. Nur dann kann der weltweite CO2-Ausstoß so weit reduziert werden, dass die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad begrenzt bleibt.

Dennoch steckt die Erdölindustrie weiterhin Milliardensummen in neue Förderprojekte, obwohl diese nicht "Paris-konform" sind. Das zeigt eine neue Studie des britischen Thinktanks Carbon Tracker, die am heutigen Freitag veröffentlicht wurde.

Das Fazit der Finanzanalysten: Keiner der großen Öl- und Gaskonzerne ist auf dem Kurs, den das Paris-Abkommen vorgibt. Jeder der Energieriesen hat im vergangenen Jahr Projekte beschlossen, die nicht vereinbar sind mit dem Zwei-Grad-Ziel, geschweige denn mit dem 1,5-Grad-Ziel.

Insgesamt 18 Projekte im Gesamtwert von 50 Milliarden US-Dollar listet die Studie auf, die von den Unternehmen seit Anfang 2018 das Okay bekamen, aber nicht "Paris-kompatibel" sind. Weitere zwölf Projekte über nochmals 21 Milliarden Dollar sollen noch dieses Jahr genehmigt werden.

Zu den schon beschlossenen Projekten gehört etwa das Flüssigerdgas-Projekt "LNG Canada", in das Shell 13 Milliarden Dollar investiert. Zunächst sollen jährlich 14 Millionen Tonnen Flüssigerdgas (liquefied natural gas, LNG) produziert werden. Eine mögliche Verdopplung der Produktion ist ausdrücklich vorgesehen.

Auch das "Aspen"-Projekt von Exxon Mobil gehört dazu, bei dem zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder eine neue Ölsandförderanlage in Kanada entstehen soll. In das Vorhaben in der Provinz Alberta steckt der US-Konzern 2,6 Milliarden Dollar, produziert werden sollen 75.000 Barrel Bitumen pro Tag. 

Exxon bewirbt das Projekt mit dem Hinweis, man setze neue und effizientere "Next Generation"-Technologien ein. Dadurch müsse beim Ölsandabbau weniger Wasser und Energie eingesetzt werden, sodass auch der Ausstoß von Treibhausgasen sinke. Carbon Tracker schätzt das Projekt indes als besonders umweltschädlich ein.

Laut Studie hat gerade Exxon Mobil am meisten zu verlieren. Mehr als 90 Prozent der Konzern-Projekte bis 2030 liegen dem Bericht zufolge jenseits der Pariser Klimaziele.

Wenn die Öl- und Gasnachfrage sinkt, weil sich die Klimapolitik stärker am Paris-Limit orientiert, kann der größte Teil der Brennstoffe nicht mehr gefördert werden, die Exxon nun mit hohen Investitionssummen neu erschließt.

"Die Ölindustrie wettet gegen eine 1,5-Grad-Welt"

Aber auch andere große Ölfirmen wie Shell, Total, BP, Chevron und Eni gehen mit ihrer Geschäftsstrategie ein hohes Risiko ein. Mit mehr als der Hälfte ihrer Investitionen setzen sie laut Studie auf eine Strategie, die nicht geeignet ist, die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen.

Insgesamt könnten die Unternehmen in den nächsten zehn Jahren bis zu zwei Billionen Euro verlieren, wenn sie ihre Geschäftsmodelle nicht anpassen, heißt es in dem Bericht.

Dieses finanzielle Risiko schreckt immer mehr Investoren auf. Sie drängen die Erdölindustrie, nicht länger auf business as usual zu setzen.

Auf Druck der Investorengruppe Climate Action 100+, die nach eigenen Angaben ein Anlagevermögen von 34 Billionen Dollar verwaltet, hat sich BP kürzlich verbindlich verpflichtet, die Konzernstrategie daraufhin zu prüfen, ob sie mit dem Paris-Abkommen übereinstimmt.

Der norwegische Ölkonzern Equinor, früher Statoil, hat im April gemeinsam mit Anlegern eine Erklärung veröffentlicht, wonach er ab 2019 seine Geschäfte, inklusive neuer Investitionen, auch nach ihrer Klimawirkung beurteilen will.

Total hat sich im Februar das Ziel gesetzt, seine Emissionen bei der Öl- und Gasförderung von 46 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent im Jahr 2015 auf 40 Millionen Tonnen bis 2025 zu senken.

Shell hat im vergangenen Dezember erklärt, alle drei bis fünf Jahre konkrete Ziele zur Minderung der eigenen Treibhausgasemissionen aufzustellen, um bis 2050 seinen CO2-Fußabdruck zu halbieren.

Doch laut Carbon-Tracker-Studie sind dies bislang nur leere Versprechen. Die tatsächlich getätigten und derzeit geplanten Investitionen stehen demnach nicht im Einklang mit den Konzern-Erklärungen.

"Die Ölindustrie verfolgt weiterhin ein Business-as-usual-Modell und wird das wohl auch in Zukunft tun, solange sie Profite sieht", sagt Studienautor Andrew Grant. "Sie wettet gegen eine 1,5-Grad-Welt und investiert weiterhin stark in Projekte, die den Paris-Zielen widersprechen."

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