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HYDROGEN DIALOGUE 2021

Die Fossilen sind wieder die Gewinner

Beim Klima- und Umweltschutz zeichnet sich erneut ein Scheitern ab. Der größte Teil der weltweiten Rettungsgelder zur Corona-Krisenbewältigung fließt auch ein Jahr nach Beginn der Pandemie nicht in grüne Investitionen, sondern fördert die weitere Umweltzerstörung.


Orangefarbener Erste-Hilfe-Kasten aus Plastik hängt an einer alten Ziegelmauer.
Erste Hilfe: Reimt sich in unserer Welt immer noch auf fossile Energien. (Foto: Sebastian Ploeger/​Unsplash)

Die riesigen Summen zur Bewältigung der Coronakrise könnten – und sollten – auch dazu benutzt werden, um Klimaschutz und Energiewende voranzubringen. Kaum eine andere Forderung ist im vergangenen Jahr häufiger erhoben worden.

Sie kam von Wissenschaftler:innen und Umweltverbänden, von Unternehmen und Gewerkschaften, von Führungskräften der Energie- und Finanzindustrie, von Politiker:innen, Investor:innen, zivilgesellschaftlichen Organisationen, von UN-Generalsekretär António Guterres, von der Internationalen Energie-Agentur IEA und, und, und.

Die Idee dahinter: Wenn schon so viel Geld in die Hand genommen werden muss, um die Coronakrise in den Griff zu bekommen, kann man auch gleich die Weichen so stellen, dass künftig nachhaltiger gewirtschaftet wird und die beschlossenen Klimaziele mit größerer Wahrscheinlichkeit erreicht werden können.

Ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie zeichnet sich aber ab, dass die meisten Länder die "einmalige Chance" nicht nutzen, die IEA-Chef Fatih Birol letztes Jahr beschwor – die Wirtschaft ankurbeln, Jobs schaffen und "sich gleichzeitig schneller auf eine widerstandsfähige und saubere Energiezukunft zubewegen". 

Im Gegenteil. Der größte Teil der Rettungsgelder fließt nicht in grüne Investitionen, sondern hat negative Auswirkungen auf Klima und Umwelt, zeigt das jüngste Update des "Green Stimulus Index" der Londoner Strategieberatung Vivid Economics.

Der Index analysiert fortlaufend die Rettungspakete der zu den G20-Staaten zählenden größten Industrie- und Schwellenländer, plus die Maßnahmen von zehn weiteren großen Volkswirtschaften.

Biodiversität vergessen

Das Ergebnis (Stand 1. Februar): 20 der 30 reichsten Länder der Welt haben Konjunkturprogramme aufgelegt, die unterm Strich Klima und Umwelt schaden. Nur ein Drittel der Länder hat Nachhaltigkeit im Fokus.

Insgesamt belaufen sich die angekündigten Hilfen laut Analyse auf knapp 15 Billionen US-Dollar. Davon sollen rund 30 Prozent oder 4,6 Billionen Dollar in Sektoren fließen, die für den Treibhausgas-Ausstoß und für die Natur besonders relevant sind – Energie, Verkehr, Industrie, Abfall, Landwirtschaft.

Corona-Hilfen der G20

Die Maßnahmen der G20-Staaten zur Corona-Krisenbewältigung analysieren auch die Expert:innen des Energy Policy Tracker. Dabei schauen sie sich fortlaufend an, welche Energieträger in welchem Umfang gefördert werden. Laut dem jüngsten Update von dieser Woche fließen gut 240 Milliarden US-Dollar an fossile Energien, davon gut 200 Milliarden ohne jegliche Bedingungen ("unconditional").

 

Saubere Energien erhalten hingegen nur knapp 190 Milliarden Dollar, wobei 140 Milliarden an Bedingungen geknüpft sind ("conditional").

Doch nur rund 40 Prozent dieser Summe, nämlich 1,8 Billionen Dollar, sind als "grün" einzustufen. Der Löwenanteil der Gelder fördert die weitere Umwelt- und Klimazerstörung.

Auffällig ist dabei, wie sehr der Schutz von Natur und Artenvielfalt vernachlässigt wird. Die ohnehin relativ geringe Summe an grünen Investitionen wird vor allem dafür verwendet, CO2-Emissionen zu senken. Maßnahmen zum Erhalt der Biodiversität kommen hingegen kaum vor.

"Dass dem Naturschutz so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist schwer zu rechtfertigen", heißt es in der Studie. Die Zerstörung der Natur birgt schließlich große Risiken – für das Klima und auch ganz direkt für das menschliche Leben, wie sich gerade bei Corona zeigt.

Ohne den Verlust natürlicher Lebensräume hätte das Corona-Virus vermutlich gar nicht auf den Menschen überspringen können. Bei der Krisenbewältigung müssten deshalb auch die Ursachen der Krise mitbedacht werden, um künftigen Krisen vorzubeugen.

EU-Plan am wenigsten ungrün

Das mittlerweile schon fünfte Update des Index zeigt aber auch Fortschritte. Vor allem der Regierungswechsel in den USA macht sich positiv bemerkbar. Der neue Präsident Joe Biden hat einen 1,7 Billionen Dollar schweren Klimaplan angekündigt.

Laut Analyse haben außerdem 16 weitere Länder ihre grünen Ambitionen erhöht, darunter Kanada, Großbritannien und Japan. Auch China und Indien kommen voran, wenn auch langsam und nach wie vor nicht ausreichend.

Als umweltfreundlichstes Rettungspaket bezeichnet das Papier den Aufbauplan der EU. Von den 750 Milliarden Euro, die für "Next Generation EU" fließen sollen, sind 37 Prozent für grüne Maßnahmen bestimmt. Auch Naturschutz ist dabei vorgesehen.

Dass man schon mit einem guten Drittel an grünen Investitionen zum weltweiten Champion werden kann, lässt allerdings tief blicken.

Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Die Chance nicht verpassen

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