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Schrumpfende Wasserkraft, "echter" Klimaschutz und Brandgefahr in Regenzonen

Kalenderwoche 26: Die "Jahrtausendereignisse" hören nicht auf, sagt Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe und Mitglied des Herausgeberrats von Klimareporter°. Schon eine globale Erwärmung um 1,5 Grad über Landgebieten liefere immer wieder zerstörerische Hitzewellen, jetzt sogar in einer Weltgegend, die sonst vor Regen trieft.


Porträtaufnahme von Hartmut Graßl.
Hartmut Graßl. (Foto: Christoph Mischke/​VDW)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.

Klimareporter°: Herr Graßl, die Internationale Energieagentur IEA fordert den drastischen Ausbau der Wasserkraft, da sie als Speicher dienen und die schwankende Produktion aus Wind und Sonne ausgleichen kann. Allerdings gehen damit erhebliche Eingriffe in Natur und Landschaft einher. Wie lässt sich dieser Konflikt zwischen Klima- und Umweltschutz lösen?

Hartmut Graßl: Vor einer Äußerung nehme ich als Physiker eine Größenordnungsabschätzung vor. Für das technische Potenzial erneuerbarer Energieträger gilt zum Beispiel in Deutschland: Die Sonne leistet im Jahresmittel 110 Watt pro Quadratmeter. Das heißt: Auf jeden Quadratmeter Oberfläche sendet sie im Mittel pro Sekunde 110 Joule Energie.

Die nächstgrößere erneuerbare Energieressource ist der Wind mit etwa zwei Watt Leistung pro Quadratmeter Oberfläche, also grob einem Fünfzigstel der zur Oberfläche vordringenden Leistung der Sonne.

Danach kommt die Biomasse – in Deutschland meist ein Maisfeld –, die nur bei intensiver Düngung im Jahresmittel 0,3 Watt pro Quadratmeter von den 110 Watt pro Quadratmeter der Sonne abzweigt. Deswegen brauchen wir für die Biomasse, die zurzeit etwas über zehn Prozent der Strommenge liefert, schon einen viel größeren Anteil der Oberfläche unseres Landes als für die Ernte von Wind- und Sonnenenergie.

Jetzt werden Sie fragen: Wo bleibt die Wasserkraft? Sie stellt im Jahresmittel nur etwa 3,5 Prozent des Stroms im Netz zur Verfügung. Und weil wir fast keine Möglichkeiten für eine Erweiterung ihres Beitrags mehr haben, wird ihr Anteil beim weiteren Ausbau von Sonnen- und Windenergieanlagen jedes Jahr weiter schrumpfen.

Der einfache Grund: Deutschland hat nur einen kleinen Anteil Hochgebirge, sodass selbst in Bayern weniger als ein Fünftel des elektrischen Stroms aus Wasserkraftwerken kommt. Insofern hat Fatih Birol, der Chef der IEA, für uns keine ernst zu nehmende Botschaft.

Wir könnten durch den Einsatz von Biomasse speichern, aber wegen der erwähnten großen Flächenanteile und der reduzierten biologischen Vielfalt auf diesen Flächen wird der Beitrag dieses Energieträgers in Zukunft eher schrumpfen.

Viel von der Fluktuation erneuerbarer Energieträger wird durch ein EU-weites Netz aufzufangen sein sowie durch angebotsabhängige Preise.

In einem Gastbeitrag plädiert die Energiepolitikerin Julia Verlinden von den Grünen dafür, die Bürgerenergie zu stärken, um die Begeisterung für die Energiewende wieder zu wecken. Wie schätzen Sie die Chancen dafür ein?

Die große Koalition hat in dieser Legislaturperiode wenig für einen stärkeren Ausbau der Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien getan.

Sie hätte eigentlich sehen müssen, dass es die Bürger selbst waren, die Deutschland durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz von 2000 in eine zum Teil im Ausland bewunderte Situation gebracht haben: Mit dem Ausbau von Solar- und Windkraft, oft in Energiegenossenschaften, haben sie relativ schnell gezeigt, dass die großen Elektroversorger uns noch in den 1990er Jahren belogen haben, als sie uns in großformatigen Anzeigen in überregionalen Zeitungen einreden wollten, dass Erneuerbare bestenfalls einige Prozent des Stroms im Netz brächten.

Als die Bundeskanzlerin 2011 nach der mehrfachen Kernschmelze in Fukushima ihre Felle, sprich Wähler, davonschwimmen sah, konnte sie es sich erlauben, bei einem Anteil von schon 17 Prozent erneuerbarem Strom im Netz auf die Kernenergie zu verzichten.

Heute kommt beinahe die Hälfte des Stroms aus erneuerbaren Energieträgern. Weil die großen Versorger jetzt ergrünt sind, wird die Bürgerenergie gebremst, nicht offiziell, aber de facto.

Wir brauchen mit der nächsten Regierung einen Schub für Bürgerenergie, kombiniert mit Speichern. Dann wird nicht nur weniger große Leitungs-Infrastruktur benötigt, sondern auch die volle Energiewende schneller erreicht – und das heißt mehr Klimaschutz.

Die Corona-Lockdowns haben Deutschland geholfen, sein Klimaziel für 2020 zu erfüllen – auch durch Homeoffice und Videokonferenzen. Experten erwarten, dass in Zukunft etwa jede dritte Geschäftsreise ersatzlos wegfällt. Können die Pandemie-Erfahrungen einen Schub für mehr Nachhaltigkeit bewirken?

Viele von uns haben gelernt, mit Videokonferenzen Reisen einzusparen, die früher als beruflich notwendig galten. Wer sich kennt, muss nicht mit den Kollegen im gleichen Raum sein, um ein Projekt voranzutreiben. Sogenannte Dienstreisen werden tatsächlich massiv abnehmen und dabei werden vor allem Kurzstreckenflüge wegfallen.

Und reiseunwillige Ältere sind über eine – jetzt leichter zu bedienende – Videoschaltung dabei, bereichern die Debatten und sorgen für durchdachtere Beschlüsse.

Die Erkenntnis, dass im Sinne der staatlichen Gesundheitsvorsorge rasch weitreichende Beschlüsse gefasst werden können, wird auf andere ökologische Themen wie Klimaschutz und biologische Vielfalt abfärben und "echte", weitreichende Beschlüsse erleichtern – sofern die Bürger das weiterhin fordern und eine unabhängige Rechtsprechung die ökologische Politik, vielleicht auch ohne Urteile, voranbringt.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Erneut ein Jahrtausendhitzeereignis – in einer Region, die typischerweise vor Regen trieft.

Es gibt auf dieser Welt keinen Wald, der nicht natürlicherweise immer mal wieder brennt, außer der Regenwald in den mittleren Breiten, wie er küstennah vor allem im Nordwesten Nordamerikas und im Südwesten Südamerikas vorkommt. Der, wie die Lehrbücher sagen, nie brennt, weil dort ohne eine Trockenzeit im langjährigen Mittel mehr als 2.000 Millimeter Niederschlag pro Jahr fallen.

Und in British Columbia, im pazifischen Westen Kanadas mit diesem Regenwald, wurden in dieser Woche Temperaturen bis 49 Grad gemessen. Inzwischen ist der Ort Lytton durch einen Waldbrand zum Teil zerstört worden – durch ein Jahrtausendereignis, wie die Weltorganisation für Meteorologie in Genf sagt.

Für mich ist es nur eine Frage von Wochen, bis Kollegen mit Klimamodellen nachvollziehen werden, welchen Anteil der zusätzliche Treibhauseffekt an diesem Ereignis hatte.

Mit anderen Worten: Schon eine mittlere globale Erwärmung von nur rund 1,5 Grad Celsius über Landgebieten gegenüber dem Jahr 1900 liefert immer wieder zerstörerische Hitzewellen, jetzt sogar im Regenwald mittlerer Breiten.

Fragen: Verena Kern

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