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Theoretische Lösung

Bei Ökostrom denkt man zuerst an Wind und Sonne, dabei ist die Wasserkraft weltweit die weitaus wichtigere Quelle für sauberen Strom. Weil sie sich auch als Speicher eignet, fordert die Internationale Energieagentur einen drastischen Ausbau des "vergessenen Riesen". Unproblematisch ist das nicht.


Blick auf den Drei-Schluchten-Staudamm in China
Der Drei-Schluchten-Staudamm in China ist das größte Wasserkraftwerk der Welt. (Foto: Allen Watkin/Wikimedia Commons)

Als Fatih Birol kürzlich zu einer Wasserkraft-Konferenz eingeladen war, bekam der Chef der Internationalen Energieagentur IEA viele Klagen aus der Branche zu hören.

In der öffentlichen Debatte werde die Wasserkraft vernachlässigt, hieß es dort. Das sei weder gut noch verständlich, schließlich liefere sie mehr sauberen Strom als Wind oder Sonne, über die immerzu gesprochen werde.

So schildert es Birol, als er am heutigen Mittwoch den "Hydropower Special Market Report" vorstellt, in dem die IEA erstmals das weltweite Potenzial der Wasserkraft abschätzt.

Erklärtes Ziel der Studie: für einen stärkeren Ausbau der Wasserkraft werben. Wer Klimaneutralität erreichen wolle, so Birol, müsse den "vergessenen Riesen des sauberen Stroms" ganz weit oben auf die energie- und klimapolitische Agenda setzen.

Theoretisch ist die Wasserkraft tatsächlich eine großartige Lösung für die kommende saubere Energieversorgung. Sie liefert nicht nur erneuerbaren Strom, sie kann auch als Speicher dienen und so die schwankende Produktion aus Wind und Sonne ausgleichen. Von einer "unglaublich flexiblen Energiequelle" schwärmt die IEA.

Laut Report ist die Wasserkraft derzeit die Quelle von einem Sechstel (17 Prozent) der weltweiten Stromproduktion. Beim sauberen Strom – zu dem die IEA allerdings auch Atomkraft zählt – sind es sogar 45 Prozent. In 28 Entwicklungs- und Schwellenländern mit zusammen 800 Millionen Einwohnern ist Wasserkraft die wichtigste Stromquelle.

Die stolzen Zahlen könnten der Studie zufolge durchaus noch viel höher liegen. Die Hälfte des Potenzials der Hydroenergie ist demnach noch nicht ausgeschöpft, in Schwellenländern sogar 60 Prozent.

Das gilt sowohl für Pumpspeicherwerke und Laufwasserkraftwerke als auch für Staudammprojekte – die mit knapp zwei Dritteln den größten Teil des Wasserkraftstroms stellen.

Beeindruckend sind die Zahlen auch bei der Speicherkapazität. Bei Batterien (inklusive E-Autos) sind es laut IEA 660 Millionen Kilowattstunden, bei Pumpspeicherwerken schon 8,5 Milliarden – bei Stauseen jedoch 1.500 Milliarden Kilowattstunden.

"In der klimaneutralen Welt von 2050 wird Solarenergie die Nummer eins sein", sagt Agentur-Chef Birol. "Aber die Wasserkraft brauchen wir dann zur Absicherung."

Extreme Eingriffe in den Naturhaushalt

Allerdings geht die Entwicklung derzeit in die andere Richtung, und das ist auch der Grund, warum die IEA jetzt so nachdrücklich für die Wasserkraft wirbt.

Denn nach einem starken Wachstum in den vergangenen zwei Jahrzehnten wird sich der Ausbau bis 2030 voraussichtlich um ein Viertel verlangsamen, prognostiziert die Agentur. Und mahnt: Für das Ziel der Klimaneutralität wäre eine Verdopplung der Zubaurate erforderlich. "Die Regierungen müssen ihre Wasserkraft-Ambitionen drastisch steigern", fordert der Report.

Solche Ambitionen kann die IEA nur bei China ausmachen, wo 40 Prozent des globalen Zuwachses bis 2030 realisiert werden dürften. Gerade ist am Oberlauf des Jangtsekiang das mit 16.000 Megawatt zweitgrößte Wasserkraftwerk der Welt in Betrieb gegangen, das nur noch von dem ebenfalls chinesischen Drei-Schluchten-Damm übertroffen wird.

Auch bei der Finanzierung von Hydroenergie-Projekten außerhalb des eigenen Landes ist China führend. In Afrika sind es laut IEA 70 Prozent, in Lateinamerika fast 50 Prozent. Gerade in ärmeren Ländern, deren Stromnetz wenig ausgebaut ist, könne Wasserkraft eine "Investition in die Zukunft" sein und durch Stromexporte Einnahmen generieren, argumentiert die Agentur.

Die großen Staudammprojekte zeigen aber auch die problematischen Seiten der Wasserkraft. Extreme Eingriffe in Natur und Landschaft sind damit verbunden, Lebensräume seltener Tiere und Pflanzen werden zerstört, die Sedimentzusammensetzung der Gewässer sowie der Grundwasserhaushalt verändert.

Viele Menschen werden umgesiedelt und verlieren ihre Heimat. Die Eingriffe betreffen nicht nur die eigene Bevölkerung, sondern auch die der Länder, die stromabwärts liegen, was zu Konflikten führen kann. Zudem sind die Großwasserkraftwerke selbst gar nicht klimaneutral.

Auch die IEA sieht die Probleme und spricht von "negativen sozialen und Umwelteffekten". Agentur-Chef Birol betont: "Wir wollen der Wasserkraft keinen Blanko-Scheck ausstellen."

In den sieben Empfehlungen des Reports an die Adresse der Regierungen taucht an zweiter Stelle denn auch gleich die Forderung auf, "robuste Nachhaltigkeitsstandards" durchzusetzen. Ob das genügen wird, um auch große Wasserkraft-Projekte tatsächlich nachhaltig zu machen, darf man bezweifeln.

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