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Beflügelnde Energiewende, Sommer ohne Überraschung und die Aufforstungs-Illusion

Kalenderwoche 38: Beim kommenden UN-Klimagipfel muss eine Koalition von Vorreiterstaaten zeigen, dass eine Energiewende auch die Wirtschaft beflügelt, sagt Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe und Mitglied des Herausgeberrats von Klimareporter°. Aufforstung in Trockengebieten ist laut einer neuen Studie keine Trumpfkarte.


Porträtaufnahme von Hartmut Graßl.
Hartmut Graßl. (Foto: Christoph Mischke/​VDW)

Immer wieder sonntags, diesmal am Montag: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.

Klimareporter°: Herr Graßl, die laufende UN-Vollversammlung gilt auch als Vorbereitungstreffen für den Klimagipfel im November in Ägypten. UN-Chef Guterres sagte zur Eröffnung: "Unser Planet brennt. Menschen leiden – und die Verletzlichsten leiden am meisten." Die Welt sei ein Opfer der Ausbeutung fossiler Rohstoffe. Allerdings machten die Öl- und Gasförderländer auf der UN-Versammlung die Energiewende für die weltweite Energieknappheit verantwortlich. Was erwarten Sie vom kommenden Klimagipfel?

Hartmut Graßl: Die Äußerung des UN-Generalsekretärs drückt die wachsende Ungerechtigkeit durch die zunehmenden anthropogenen Klimaänderungen und den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine aus. Die Folge für die Schwachen in den ärmeren Ländern ist ein globaler Getreidepreisanstieg mit mehr Hungernden in den Entwicklungsländern.

Bei der bevorstehenden Vertragsstaatenkonferenz zur Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen, der COP 27 in Sharm el-Sheikh in Ägypten, muss eine Koalition der Länder, die die Klimaänderungen wirklich ernst nimmt, nicht nur vorangehen, sondern auch zeigen, dass eine Energiewende inzwischen sogar die Wirtschaft beflügelt.

Diese Koalition sollte in keinem anderen Land mehr Infrastrukturen auf der Basis fossiler Brennstoffe unterstützen, die Energieautarkie durch Anlagen für erneuerbare Energien fördern und im eigenen Land externe Effekte internalisieren, zum Beispiel durch einen Preis für Treibhausgasemissionen.

Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber äußerte im Interview mit Klimareporter° die Hoffnung, dass immer mehr Länder sich selbst in die Pflicht nehmen, einen 1,5-bis-zwei-Grad-Pfad einzuschlagen. Geschehe das in vielen Ländern, komme es vielleicht zu einem "Race to the Top", also zu einem segensreichen weltweiten Ambitionswettbewerb. Teilen Sie diese Hoffnung?

Jede etwas fundamentalere Änderung der Energieversorgung benötigt Vorläufer. Wenn diese dann auch wirtschaftlich nicht schlechter dastehen als die Bremser, gibt es einen Anreiz für die neue Richtung und bald einen Wettlauf.

Genau das passiert zurzeit: Länder wie Dänemark und Deutschland nehmen das Paris-Abkommen – man könnte es auch die Pflicht zur globalen Energiewende nennen – ernst und stehen trotz aller anderen Krisen vergleichsweise gut da.

Jetzt beginnt auch in anderen Ländern das wesentliche Umdenken, zum Beispiel in Frankreich, das mit Photovoltaik und seinem ersten Windpark auf See beginnt, sich aus seiner falschen Energieversorgungsecke herauszubewegen. In diese Ecke hat es sich trotz fehlender Atommülldeponie und dem weiter bestehenden Risiko einer Kernschmelze in einem seiner Kernkraftwerke selbst hineinmanövriert.

Erneuerbarer Solar- und Windstrom aus Deutschland hilft momentan mit, dass die Stromklemme in Frankreich, verursacht durch viele nicht einsatzfähige Kernkraftwerke – wegen Kühlwassermangels und Schäden an der Schutzhülle – nicht drastischer zuschlägt.

Optimistischer als meinen Kollegen Schellnhuber stimmt mich der schon jetzt vorhandene ökonomische Vorteil der erneuerbaren Energien. Da wir und auch alle anderen Länder sowieso jedes Jahr etwa zwei bis drei Prozent der Energieinfrastruktur erneuern müssen, wird das weniger teuer, als viele noch immer annehmen, wenn für diese Erneuerung nur noch erneuerbare Energieanlagen verwendet werden.

Sind wir wirklich so dumm, dass wir die teureren fossilen Energieinfrastrukturen weiterführen wollen?

Der Deutsche Wetterdienst veröffentlichte diese Woche seinen Sommer-Rückblick. "Die aktuelle Häufung sehr heißer und trockener Sommermonate in den letzten Jahren stellen ein Szenario dar, das wir erst in der Mitte des Jahrhunderts erwartet haben", schreibt der DWD. Beschleunigt sich der Klimawandel wirklich so, dass wir schon jetzt im Jahr 2050 leben?

Die Frage stellte sich schon im Juli bei einer Veröffentlichung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Die Forscher hatten eine Häufung von Hitzewellen in West- und Mitteleuropa festgestellt.

Damals antwortete ich sinngemäß, dass die auf Analysen der letzten 40 Jahre beruhende Aussage des Europäischen Zentrums für Mittelfristvorhersagen über eine drei- bis vierfache Häufung von Hitzewellen in unserer Region weiterhin gültig ist. Sie hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit, muss aber in wenigen Jahrzehnten schon nicht mehr stimmen oder könnte noch verstärkt gelten, denn das sehr komplexe Klimasystem wird durch uns Menschen zurzeit zu einer sehr raschen Umstellung gezwungen. Dabei wird es immer wieder Überraschungen geben.

Generell ist die Frage, ob es weitere mitteleuropäische Sommer mit besonders häufigen und langen, intensiven Hitzewellen geben wird, für die nahe Zukunft zu bejahen. Was danach gilt, hängt auch von der Klimaschutzpolitik der Menschheit ab.

Die Aussage des Deutschen Wetterdienstes zum diesjährigen Sommer ist auf der Basis bisheriger Klimamodellrechnungen korrekt. Sie war für mich nicht überraschend.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

In den letzten Jahren häufen sich die wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre zur Dämpfung der globalen Erwärmung, vor allem im Zusammenhang mit dem Erreichen des besonders herausfordernden 1,5-Grad-Ziels im Paris-Abkommen.

Als eine Maßnahme, die besonders viel Kohlenstoff über längere Zeit speichert, ist dabei immer wieder die Aufforstung untersucht worden. Dabei ist aber ein gegenläufiger Effekt zu beachten, also ein Beitrag zur Erwärmung, weil sich durch Aufforstung die Erdoberfläche an dieser Stelle verdunkelt.

Es ist deshalb schon seit Jahren bekannt, dass Wiederaufforstung im Bereich der nördlichen Nadelwälder die globale Erwärmung verstärken würde. Jetzt ist in einer Studie in der Zeitschrift Science erstmals die globale Aufforstungswirkung auch für alle Trockengebiete untersucht worden, auf 448 Millionen Hektar Land und mit großem räumlichen Detail.

Danach ist das dortige Potenzial für die Kohlenstoffspeicherung bis 2100 zwar mit 32,3 Milliarden Tonnen Kohlenstoff keineswegs vernachlässigbar – aber 70 Prozent davon werden durch den Helligkeitsunterschied kompensiert, weil der dunklere Wald absorbiert mehr Sonnenenergie.

Damit ist Aufforstung in Trockengebieten keine Trumpfkarte. Entscheidend bleibt die Emissionsminderung, also die echte Energiewende.

Fragen: Jörg Staude

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