Klimaschutz am Meeresboden

Überfischung und andere menschliche Einflüsse bedrohen die Weltmeere – und damit auch das Klima. Allein durch die Grundschleppnetzfischerei wird unter Wasser rund eine Milliarde Tonnen CO2 freigesetzt. Abhilfe sollen größere Schutzgebiete schaffen.


Ein Fischer hat das volle Schleppnetz geöffnet, und der Fisch ergießt sich auf das Deck des Trawlers.
Ein volles Schleppnetz wird an Deck eines Trawlers gezogen. (Foto: Alena Litvin/​Shutterstock)

Gute Nachrichten sind derzeit rar. Auch nach mehr als einem Jahr hat die Menschheit die Coronakrise nicht annähernd im Griff. Daneben gibt es mit der Erderwärmung und dem Verlust der biologischen Vielfalt weitere Krisen, die mindestens genauso gefährlich sind.

Umso beeindruckender und brisanter sind die Ergebnisse einer Studie, die jetzt im Fachmagazin Nature veröffentlicht wurde.

Hunderte Millionen Tonnen CO2 ließen sich demnach Jahr für Jahr einsparen, zugleich könnten mehr Menschen mit gesunden Lebensmitteln versorgt und das Artensterben bekämpft werden. Für diesen dreifachen Nutzen wäre nicht einmal viel Aufwand erforderlich. Man müsste einfach nur die Ozeane besser schützen.

Bislang sind nicht einmal drei Prozent der Weltmeere streng geschützt. Für sieben Prozent gibt es irgendeine Art von Schutz, der aber oftmals nur auf dem Papier steht. Es fehlt an einheitlichen Vorschriften, viele Anrainerstaaten entscheiden im Zweifelsfall zugunsten von Fischerei und Tourismus. Gemessen an der Größe und Bedeutung der Ozeane für Klima, Artenvielfalt und Ernährungssicherheit ist das viel zu wenig.

Die Ozeane, die 70 Prozent des Planeten bedecken, sind der größte CO2-Speicher der Welt. Viele Millionen Menschen sind für ihren Lebensunterhalt und ihre Ernährung auf gesunde und artenreiche Meere angewiesen. Doch Überfischung und die Zerstörung mariner Lebensräume bedrohen das "blaue Herz" der Erde.

Wichtigster Hebel für einen besseren Meeresschutz ist laut Studie die Einschränkung des Tiefseebergbaus und der umstrittenen Grundschleppnetzfischerei. Die weit verbreitete Fangmethode steht seit Langem in der Kritik. Dabei wird von einem oder mehreren Schiffen ein Netz über den Meeresboden gezogen, um Schollen, Seezungen oder Krustentiere zu fangen.

"Wir müssen den Meeresboden ungestört lassen"

Der Einsatz des schweren Geräts zerstört den Meeresboden und die darauf lebenden Wesen, entwurzelt Pflanzen, vernichtet Laichplätze von Fischen und führt zu besonders viel Beifang, darunter Jungfische sowie Wale und Delfine, die in den Netzen ertrinken.

Aus der aufgewühlten Sedimentschicht am Meeresboden werden organische Kohlenstoffverbindungen freigesetzt und in klimaschädliches Kohlendioxid umgewandelt. Dadurch versauern die Ozeane schneller, außerdem können die Meere dann weniger CO2 aus der Luft aufnehmen, was den Treibhauseffekt zusätzlich verstärkt.

"Wenn es uns gelingen soll, die globale Erwärmung zu stoppen, müssen wir den kohlenstoffreichen Meeresboden ungestört lassen", sagt Trisha Atwood von der Utah State University, die neben 25 weiteren Forschenden aus den Disziplinen Meeresbiologie, Klimatologie und Ökonomie an der Studie beteiligt war.

Das Team hat erstmals berechnet, wie viel CO2 durch die Schleppnetzfischerei freigesetzt wird: rund eine Milliarde Tonnen im Jahr. Von der Größenordnung her ist dies vergleichbar mit der Luftfahrt. Vor Corona war das Fliegen für 900 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr verantwortlich.

Allerdings handelt es sich bei der aggressiven Fischereimethode um Emissionen in den Wasserkörper, nicht in die Atmosphäre. Nur letztere werden in Klimaforschung und Klimapolitik als Treibhausgas-Emissionen gewertet. Wie groß der Klimaeffekt des unter Wasser freigesetzten CO2 ist, sagt die Studie nicht.

"Der größte Feind der Fischerei ist die Überfischung"

Mithilfe eines Algorithmus hat das Forschungsteam die Bereiche des Ozeans identifiziert, wo strikter Meeresschutz am effektivsten sein kann. Wählt man die Standorte klug aus, kann nicht nur die Freisetzung von bis zu einer Milliarde Tonnen CO2 verhindert werden. Auch rund 80 Prozent der Meeresarten wären geschützt.

Selbst die Fischerei würde profitieren. Die Fangmengen könnten um acht Millionen Tonnen höher liegen, wenn die Natur sich wieder erholt. Nach bisherigen Erfahrungen ist dies bereits nach drei Jahren der Fall, nachdem ein Gebiet unter Schutz gestellt wurde.

"Manche argumentieren, dass die Sperrung von Gebieten für die Fischerei den Fischereiinteressen schadet", sagt der Hauptautor der Studie, der katalanisch-amerikanische Meereswissenschaftler Enric Sala. "Aber der schlimmste Feind einer erfolgreichen Fischerei ist die Überfischung, nicht die Schutzgebiete."

Für Sala ist klar: "Von einem gesünderen Ozean profitieren sowohl die Menschen als auch die Wirtschaft. Und wir können diese Vorteile schnell realisieren, wenn die Länder zusammenarbeiten, um mindestens 30 Prozent des Ozeans bis 2030 zu schützen."

Genau dieser Vorschlag liegt auf dem Tisch, wenn im Herbst im südchinesischen Kunming auf der UN-Biodiversitätskonferenz über neue Naturschutzziele verhandelt wird.

Anders als beim Klimaschutz gibt es für den Schutz der biologischen Vielfalt noch kein internationales Abkommen. Das soll sich nun ändern. Das Ziel, 30 Prozent der Meere und der Landflächen bis zum Ende des Jahrzehnts unter Schutz zu stellen, soll eine Säule des Abkommens sein.

Wegen Corona musste das Gipfeltreffen mehrfach verschoben werden. Wenn für den Artenschutz ein Vertrag mit derselben Tragweite wie das Pariser Klimaabkommen zustande käme, wäre das eine wirklich gute Nachricht.

Der Text wurde am 18. April aktualisiert und ergänzt. Wesentlich ist, dass es sich bei dem durch die Schleppnetzfischerei freigesetzten CO2 um Emissionen in den Wasserkörper handelt – und nicht, wie bei der Luftfahrt, um Emissionen in die Atmosphäre.

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